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Tag der Angst

Nach einem Beben der Stärke 8,9 trifft eine bis zu zehn Meter hohe Flutwelle die japanische Küste. Tausende Tote sind zu befürchten.

Eine Frau mit angstvollem Blick kauert auf dem Boden und versucht ein Telefonat fortzusetzen, Männer hocken unter ihren Schreibtischen, auf denen die Computer wackeln. Dann löst sich eine Deckenverkleidung und fällt krachend mitten ins Büro. Furchtbarer Lärm ist zu hören, das gesamte Gebäude scheint zu wackeln. Was aussieht wie Szenen aus einem Katastrophenfilm, ist eine Momentaufnahme aus der Tokioter Redaktion des amerikanischen Nachrichtensenders CNN. Unversehens werden die Journalisten dort zu Zeugen eines Ereignisses, dessen Wucht und Tragweite in den Sekunden, da es sich zuträgt, niemand ermessen kann. Japan ist auf Erdbeben vorbereitet wie kein anderes Land der Welt.

Mehr als tausendmal im Jahr wankt den Menschen auf der Pazifikinselkette der Boden unter den Füßen. Doch im Augenblick der Katastrophe nützt die beste Vorbereitung nichts. Ein Funken Panik entzündet sich im Gemüt der bebenerprobten Japaner, bis sich die antrainierte Routine einstellt. Zu Tausenden laufen die Angestellten an diesem Freitagnachmittag in Tokio auf die Straße, sie verlassen, wenn sie können, ihre Büros, wie es der Notfallplan vorsieht und wie es ihnen der Menschenverstand diktiert.

Sofort tauchen im Internet die ersten Videos auf, sie stammen von Handykameras und zeigen Trümmer auf den Straßen und Rauchsäulen am Himmel. Daneben gibt es bald auch die ersten offiziellen Fernsehbilder. Auf einem ist der japanische Premierminister Naoto Kan in einem hellblauen Overall zu sehen, wie er sich mit Mitgliedern seines Kabinetts trifft, die ebenfalls ihre Schutzanzüge übergestreift haben. Es mag nur eine Äußerlichkeit sein, aber selbst dieses Detail kündet davon, dass die Regierung professionell reagiert und das Heft des Handelns übernommen hat.

Weggeschwemmte Häuser, durcheinandergewürfelte Autos, an Land gespülte Schiffe, brennende Atomkraftwerke – das Erdbeben und der Tsunami haben am Freitag an der japanischen Ostküste verheerende Schäden angerichtet. Die Erdstöße der Stärke 8,9 waren die stärksten, die je in Japan gemessen wurden. Die Zahl der Todesopfer könnte in die Tausende gehen. Bis Redaktionsschluss waren nach Angaben der Nachrichtenagentur Jiji allein in der Küstenstadt Sendai 200 bis 300 Leichen gefunden worden.

Die Naturkatastrophe ereignet sich um 14.46 Uhr Ortszeit (6.46 MEZ). Das Epizentrum liegt 130 Kilometer östlich der japanischen Küste. Schon wenig später erreicht eine Flutwelle das Land. Das Wasser drückt Küstenbegrenzungen ein, verschlingt Landstriche, ein reißender Fluss voller Trümmer schießt über Städte und Felder hinweg, ganze Häuser treiben in den Fluten. Zeit für Evakuierungsmaßnahmen bleibt den Behörden nicht. Die Wasserwand ist so gewaltig, dass sie in mehreren Städten die Anlagen zerstört, mit der eigentlich die Wellenhöhe gemessen werden soll. Die Messstationen sind für eine Größe von zehn Metern ausgelegt – die Welle dürfte also deutlich höher gewesen sein. Fernsehbilder zeigen wenig später Gebäude, die bis zum dritten Stockwerk überflutet sind. Menschen schwenken weiße Tücher aus den oberen Stockwerken von Gebäuden, um Helfer auf sich aufmerksam zu machen.

In den Stunden nach dem Beben entfaltet sich vor den Augen der japanischen Öffentlichkeit ein fürchterliches Bild. Besonders hart getroffen ist die an der Küste gelegene Millionenstadt Sendai, die dem Epizentrum am nächsten liegt. Schon kurz nach dem Seebeben, zehn, fünfzehn Minuten danach, ist der Tsunami über die Stadt hereingebrochen. Japanische Medien berichten, dass sich viele Fischer und Hafenarbeiter direkt am Wasser befunden haben. Das Beben löst Hunderte Brände in der Stadt aus, ein Hotel stürzt in sich zusammen.

Weitere Katastrophenfälle werden aus vielen Orten entlang der Küste gemeldet. In Miyagi wird ein Personenzug vermisst, der womöglich von der Flugwelle fortgerissen worden ist. Und mindestens ein Schiff mit mehr als hundert Menschen gilt als verschollen. Auch eine Raffinerie nördlich von Tokio ist in Brand geraten, beißender Rauch steigt auf. Viele Kommentatoren erinnerten sich angesichts der apokalyptischen Bilder an Japans letztes großes Erdbeben im Jahr 1995, das eine Stärke von 7,3 erreichte. 6434 Menschen kamen damals ums Leben.

Und wie damals fällt auch am Freitag unmittelbar nach dem Beben in weiten Teilen des Landes der Strom aus. Allein in der Hauptstadt Tokio sind rund vier Millionen Menschen ohne Elektrizität. Im ganzen Land sind es rund acht Millionen Haushalte, die die erste Nacht nach dem Beben und der Flutwelle in Dunkelheit und mangels Strom auch ohne Telefonverbindung verbringen müssen. Nach Angaben der Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) sind vier Atomkraftwerke heruntergefahren worden, die japanische Regierung spricht von elf Kraftwerken. In Hunderttausenden Haushalten sollen auch Gas und Wasser ausgefallen sein. „Es ist stockdunkel in unserem Viertel“, berichtet Makiko Tazaki in Sendai. „Wir haben keinen Strom oder sauberes Wasser. Wir haben keine Heizung, es ist kalt.“

Mit der Stromversorgung kollabieren auch große Teile des Verkehrssystems. Hunderte Züge bleiben wegen des Stromausfalls stundenlang auf offener Strecke stehen; Hunderttausende Passagiere sind betroffen. Der Flugverkehr wird unmittelbar nach dem Beben eingestellt, um zu überprüfen, ob die Landebahnen in Mitleidenschaft gezogen worden sind. 700 Flüge fallen aus. Allein an Tokios beiden Flughäfen Narita und Haneda stranden insgesamt mehr als 23000 Passagiere; am Abend werden Schlafsäcke ab die Wartenden verteilt, sie reichen nicht für alle.

Auch der öffentliche Nahverkehr ist teilweise lahmgelegt. Millionen Pendler sitzen fest und können wegen der zusammengebrochenen Telefonleitungen ihre Familien nicht erreichen; die Hotels sind ausgebucht. „Ich weiß nicht, wie ich nach Hause kommen soll“, sagt eine 18-Jährige, die vor einer Tokioter U-Bahn-Station wartet. Über Lautsprecher und das Fernsehen werden die Menschen aufgerufen, in der Nähe ihrer Büros zu bleiben, anstatt den Weg nach Hause zu wagen. „Bitte erzwingen Sie nicht ihren Nachhauseweg, wenn es kein Transportmittel gibt – bleiben Sie in Ihren Büros und an anderen sicheren Orten“, sagt ein Notfallberater im Fernsehen.

Am Abend berichten Bewohner von heftigen Nachbeben. Sie können Experten zufolge noch über Wochen anhalten. Die Armee schickt Truppen in die überfluteten Katastrophengebiete.

Bernhard Bartsch | 11. März 2011 um 16:42 Uhr

 

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