Bernhard Bartsch

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Sturm der fliegenden Pferde

Nordkorea nimmt erstmals seit 44 Jahren an der Fußballweltmeisterschaft teil. Die Spieler sollen nicht nur sportlich, sondern auch politisch punkten.

Sie nennen sich „Chollima“, die „fliegenden Pferde“, und nichts weniger als übernatürliche Fähigkeiten werden sie brauchen, um bei der Fußballweltmeisterschaft so aufzutreten, wie sie es sich wünschen: Nordkoreas Nationalspieler treten in Südafrika nicht nur im sportlichen Wettbewerb an, sondern soll auch im politischen. Sie sollen das miserable Image ihrer Heimat aufpolieren und ihrem „Geliebten Führer“ Kim Jong-il wenn schon nicht den Pokal, so doch wenigstens viele Sympathiepunkte mit nach Hause bringen. Es ist das erste Mal seit 44 Jahren, dass sich das abgeschottete Land für eine WM qualifiziert hat, und die Nordkoreaner träumen davon, dass ihrer Mannschaft auf diesmal so aufspielen wird, wie 1966 in England, als sie bis ins Achtelfinale gelangte und auf dem Weg dorthin Italien nach Hause schickte. Angesichts der harten Konkurrenz in Gruppe G, in der sich Nordkorea mit Brasilien, Portugal und der Elfenbeinküste messen muss, wäre ein Weiterkommen allerdings eine Sensation.

Das Team von Trainer Kim Jong-hun ist so geheimnisvoll wie ihr Land. Die Spieler geben keine Interviews und lassen sich nicht beim Training zuschauen. Auf der Weltrangliste liegen sie auf Platz 104 und stehen damit für nordkoreanische Verhältnisse überdurchschnittlich gut da. In den meisten anderen internationalen Vergleichstabellen – etwa Pro-Kopf-Einkommen, Presse- oder Religionsfreiheit – liegt das Land rund hundert Plätze weiter hinten. Der Fußball hat eben auch in Nordkorea seine eigenen Gesetze. Nordkoreaner sind nicht weniger fußballbegeistert als andere Völker, und in keinem anderen Bereich gewährt ihnen ihre Regierung bessere Informationen über die Vorgänge im Rest der Welt informiert wie im Fußball. Diktator Kim gilt selbst als passionierter Fan und verbuchte die überraschende Qualifikation seines Teams prompt für sich. Die offizielle Nachrichtenagentur KCNA berichtete, es seien maßgeblich die Anweisungen des großen Generals gewesen, die Nordkoreas Fußball wieder auf Erfolgskurs gebracht hätten.

Fast alle Spieler sind Absolventen der offiziellen „Sportschule Kim Il-sung“ und kicken für eine der 14 Mannschaften der nordkoreanischen Liga. Die Clubs gehören zu Behörden oder Staatsbetrieben und tragen Namen wie „Lokomotive“, „Gelber Fluss“ oder „26. April“. Wichtige Spiele finden in Pjöngjangs Kim-Il-sung-Stadion statt, dessen Kunstrasen aus Deutschland stammt und den Nordkoreanern 2006 von der Fifa gestiftet wurde.

Drei Spieler stehen allerdings bei ausländischen Vereinen unter Vertrag: Stürmer Hong Yong-jo spielt bei dem russischen Erstligisten Rostow und der Mittelfeldspieler An Yong-hak beim japanischen Klub Omiya Ardija. Auch der Star des Teams spielt in Japan: Jong Tae-se stürmt für den Erstligisten Kawasaki Frontale und trägt den Spitznamen „Wayne Rooney des Volkes“, weil er mit seiner bullige Statur und Spielweise an den englischen Star erinnert. Tatsächlich soll der 25-Jährige einmal probeweise bei einem Verein der englischen Premier League trainiert haben, erhielt dann aber doch keinen Vertrag.

Jongs Verpflichtung ist für die Pjöngjang sportlich wie politisch ein Coup, denn der Fußballer ist einer der wenigen Auslandskoreaner, die sich offen und freiwillig zu Nordkorea bekennen. In Japan als Sohn eines nordkoreanischen Vaters und einer südkoreanischen Mutter geboren, besitzt er sowohl die nordkoreanische als auch die südkoreanische Staatsangehörigkeit. Obwohl Jong auch in Südkorea ein Star ist und dort sogar Werbeverträge hat, besteht er darauf, Nordkoreaner zu sein. „Ich bin so glücklich, mein Volk repräsentieren zu können“, sagte er vor der Abreise ins Trainingslager vor japanischen Journalisten. „Wenn Kim Jong-il, die hochrangigste Persönlichkeit in unserem Land, zufrieden ist, ist es für mich eine Ehre.“ Zwar führt Jong einen alles andere als nordkoreanischen Lebensstil – sein Monatsgehalt bei Kawasaki Frontale soll bei 200.000 Euro liegen. Doch wie bei vielen Angehörigen der 500.000 in Japan lebenden Koreaner steckt hinter dem Bekenntnis zu den gefürchteten Nordkoreanern ein gewisser Trotz. Die koreanische Minderheit, deren Vorfahren in der Regel während des Zweiten Weltkriegs als Arbeiter kamen, fühlt sich von den Japanern häufig diskriminiert. Jong, der in Japan eine von Nordkorea finanzierte Schule besuchte, warf der japanischen Regierung offen vor, den Koreanern absichtlich „das Leben schwer zu machen“. Die Weltmeisterschaft sei eine Möglichkeit, ein freundliches Bild von Nordkorea zu zeigen, sagte Jong: „Jeder denkt, Nordkorea sei ein wirklich gefährliches Land, aber wir spielen nicht so schmutzig wie China oder Südkorea.“

Vor dem ersten Spiel dominieren allerdings negative Schlagzeilen. Ein Trainingslager in Zimbabwe musste nach Protesten der dortigen Bevölkerung abgesagt werden. Diktator Robert Mugabe hatte sich in den Achtzigern von Nordkorea bei der Ausbildung seiner Armee helfen lassen und diese dann gegen Widersacher im eigenen Land eingesetzt. Stattdessen reisten die Nordkoreaner, die zuerst in der Schweiz trainiert hatten, direkt nach Südafrika. Ärger gab es auch bei der Kadernominierung. Trainer Kim hatte einen Stürmer als dritten Torwart angemeldet – offenbar in der Hoffnung, so einen zusätzlichen Offensivspieler in Reserve zu haben. Der Trick wurde jedoch zum Eigentor: Die Fifa stellte klar, dass Torhüter auch nur als solche eingesetzt werden können.

Unklar ist auch immer noch, wie die Nordkoreaner die Spiele ihrer Mannschaft verfolgen können. Laut Vertrag mit der Fifa liegen die Übertragungsrechte für die gesamte koreanische Halbinsel bei dem südkoreanischen Privatsender SBS. Bei der letzten Weltmeisterschaft gab SBS die Spiele umsonst an Nordkorea weiter. Südkoreas Regierung, die allen Übermittlungen von Rundfunksignalen in den Norden zustimmen muss, unterstützte das Übertragungsgeschenk und übernahm sogar die Datentransferkosten von 132.500 US-Dollar. Nachdem Nordkorea jedoch Ende März das südkoreanische Kriegsschiff Cheonan abgeschossen und 46 Matrosen getötet hat, weigert sich Seoul, die Fußballübertragung umsonst zur Verfügung zu stellen. Die teuren Rechte kann sich Pjöngjang allerdings kaum leisten. Auf die ein oder andere Weise werden die Nordkoreaner aber schon zu ihren Spielen kommen, denn zur Not kann sich Pjöngjang die Übertragung einfach aus einem anderen Land klauen. Selbst wenn ihre Fußballer sich einer sauberen Spielweise rühmen – ihre Regierung ist für ihre Fouls berüchtigt.

Bernhard Bartsch | 08. Juni 2010 um 16:37 Uhr

 

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