Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Strategische Perlenkette

China erweitert mit einem Flugzeugträger seine Machtposition – sehr zum Ärger der Nachbarn.

Andeutungen zirkulieren schon seit Jahren und Fotos seit Monaten, doch erst jetzt hat sich Chinas Volksbefreiungsarmee offiziell zu ihrem aufsehenerregendsten Rüstungsprojekt bekannt. „China baut einen Flugzeugträger“, erklärte Generalstabschef Chen Bingde vergangene Woche, „er ist aber noch nicht fertig.“ Der knappe Satz ist nichts weniger als die Bestätigung, dass die Volksrepublik auch auf den Weltmeeren den Status einer Großmacht beansprucht. Allerdings wählte Chen für seine Ankündigung keine Pressekonferenz oder politische Plattform, sondern ein Interview mit der eher unbedeutenden Hongkonger Zeitung Commercial Daily – offenbar ein Versuch, die militärischen Ambitionen in der Öffentlichkeit herunterzuspielen.

Dabei sind die Flugzeugträgerpläne Teil einer militärischen Modernisierung, die Chinas Nachbarn und die Supermacht USA zunehmend als Bedrohung empfinden. Westliche Experten rechnen damit, dass Chinas erster Flugzeugträger Ende des Jahres in See stechen könnte, wobei es sich aber nicht um eine reine Eigenentwicklung handelt, sondern um den ausgemusterten Sowjet-Flugzeugträger „Warjag“, den China 1998 von der Ukraine kaufte und derzeit im nordchinesischen Dalian umrüstet. Im April veröffentlichte die offizielle Nachrichtenagentur Xinhua bereits Fotos des Schiffes. „Der 70-jährige Traum eines chinesischen Flugzeugträgers wird bald Wirklichkeit“, hieß es in der Bildunterschrift. Zwei kleinere, von China selbst entwickelte Flugzeugträger befinden sich offenbar in Schanghai im Bau. Auch die dazugehörigen Kampfjets werden bereits getestet. Chinesische Webseiten veröffentlichten kürzlich Bilder eines neuen Flugzeugs mit der Bezeichnung J-15, das mit einklappbaren Flügeln, einer verkürzten Heckdüse und einem speziellen Fahrwerk für den Einsatz auf Flugzeugträger konzipiert zu sein scheint.

Derartige Machtdemonstrationen sind der Stoff, aus dem regionale Spannungen gemacht sind. Seit Monaten verschärfen sich die Konflikte in Chinas südlichen und östlichen Seegebieten, bei denen es sowohl um Territorialfragen als auch um Rohstoffe geht. Vietnams Marine hielt am Wochenende im Südchinesischen Meer Übungen mit scharfer Munition ab, um dagegen zu protestieren, dass chinesische Boote seit Ende Mai zweimal Kabel von vietnamesischen Expeditionsschiffen gekappt haben. Japans Verteidigungsminister Toshimi Kitazawa zeigte sich jetzt sehr besorgt über chinesische Manöver zwischen den japanischen Inseln Okinawa und Miyako. Die Philippinen, die den Chinesen vorwerfen, seit Jahresbeginn fünf bis sieben Zwischenfälle auf See provoziert zu haben, kündigten zuletzt an, das Südchinesische Meer in Westphilippinisches Meer umtaufen zu wollen. Rückendeckung erhalten die Staaten von den USA, die keinen Zweifel aufkommen lassen wollen, dass sie ihre Vormachtstellung in der Asien-Pazifik-Region nicht mit den Chinesen zu teilen gedenken.

Die USA sehen sich als Garant für Stabilität. „Die US-Position zur Sicherheit auf den Meeren ist eindeutig“, sagte US-Verteidigungsminister Robert Gates zuletzt in Singapur. „Wir haben ein nationales Interesse an der Freiheit der Schifffahrt, ungehindertem wirtschaftlichen Fortschritt und Handel und der Einhaltung internationaler Gesetze.“

China sieht darin hegemoniales Gebaren und wirft seinen Nachbarn vor, sich von den USA instrumentalisieren zu lassen, um antichinesische Ängste zu schüren. „Anders als einige andere Länder, die Flugzeugträger besitzen, wird China seine Flugzeugträger nicht in fremde Länder schicken“, sagte Generalmajor Qi Jianguo. „So etwas ist unmöglich.“ Doch wozu braucht die Volksrepublik dann überhaupt schwimmende Militärflughäfen, deren Zweck darin besteht, weit ab der Heimat Kriege führen zu können?

„Bisher haben die Chinesen keine Doktrin, die Aufschluss darüber gibt, wofür sie ihre Flugzeugträger einsetzen wollen“, sagt ein westlicher Militärexperte. „Für mögliche Konflikte im Südchinesischen und Ostchinesischen Meer benötigt China sie jedenfalls nicht.“ Auch in einem Krieg um Taiwan wäre ein Flugzeugträger höchstens eine punktuelle Verstärkung.

Stattdessen sehen Strategen ein anderes Einsatzgebiet für die Machtprojektionen, wie es im Militärjargon heißt: den Indischen Ozean. Ein Großteil der chinesischen Exporte wird auf diesem Weg verschifft und allein 80 Prozent der chinesischen Ölimporte werden auf dieser Route geliefert.

Allem Anschein nach schmiedet China in der Region bereits Allianzen. Im Mai bat Pakistan China um Hilfe beim Bau einer Militärbasis in dem günstig gelegenen Hafen Gwadar im Arabischen Meer. Experten gehen davon aus, dass diese nicht nur von pakistanischen, sondern auch von chinesischen Schiffen genutzt werden solle. Der Hafen Gwadar ist tief genug für U-Boote und Flugzeugträger. Auch in Birma hat China sich den Zugang zu Häfen gesichert und baut dort offenbar einen Marinestützpunkt.

US-Experten sprechen bereits von einer Perlenkette chinesischer Stützpunkte, die bis nach Afrika reiche, wo China ebenfalls mehrere, bisher aber rein kommerzielle, Häfen baue und betreibe. Europäische Strategen geben zu bedenken, dass derartige US-Bedrohungsszenarien nicht weniger mit Vorsicht zu betrachten seien wie Chinas Beteuerungen, mit seiner militärischen Modernisierung rein defensive Ziele zu verfolgen. So oder so werde die Einsatzfähigkeit der chinesischen Flugzeugträger noch viele Jahre dauern, sagen Kenner. Denn zu schlagkräftigen militärischen Waffen werden sie erst im Verband mit anderen Schiffen wie Zerstörern und U-Booten. Auch die Ausbildung der Mannschaften und Piloten werde Zeit in Anspruch nehmen. Zudem brauche China mindestens drei Flugzeugträger, um einen davon permanent einsatzbereit zu haben, während die anderen beiden gewartet oder für Übungen verwendet werden. „Der Flugzeugträger ist für China vor allem ein Prestigeobjekt“, sagt ein Experte. „Bis China damit Kriege führen kann, werden wohl noch Jahrzehnte vergehen.“

Bernhard Bartsch | 16. Juni 2011 um 03:31 Uhr

 

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