Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Steinwurf aus dem Glashaus

Ein Lokalpolitiker aus Xiamen bereist Deutschland und beklagt die Internetzensur. Das macht ihn im Netz berühmt.

Die Deutschen können einem leidtun. Technisch veraltet und politisch in ideologischer Gefangenschaft. Jeder Chinese sollte froh sein, dass er nicht in Deutschland geboren wurde. Das ist zumindest die Sicht des chinesischen Provinzpolitikers Zang Jiebin. Damit versuchte er seine Landsleute davon zu überzeugen, dass sie in der Volksrepublik demokratische Rechte und Freiheiten genießen, von denen die Menschen im Westen nur träumen können.

„Zivilisiertes Internet, zivilisiertes Surfen“ lautete der Titel einer Konferenz, auf der Zang, Vizebürgermeister der südchinesischen Stadt Xiamen, am Wochenende für die Politik der Kommunistischen Partei werben sollte. „In China kritisieren viele Menschen unsere Regierung wegen der Zensur von Nachrichten und wegen unserer ideologischen Strenge“, sagte er. „In Wahrheit ist die Kontrolle von Ideologie und Medien im Westen viel stärker als bei uns.“ Als Beweis zog Zang eine zweiwöchige Dienstreise nach Deutschland heran. „Für normale Bürger ist es dort sehr, sehr schwierig, Zugang zum Internet zu bekommen“, führte er aus. „In Deutschland muss man sich die Internetbenutzung von vielen Ämtern genehmigen lassen und die Gebühren sind sehr teuer.“ In China dagegen sei alles besser. „Man muss zugeben, dass unser Land sehr zivilisiert und sehr demokratisch ist“, schloss er. „Wir können sehr zufrieden mit uns sein.“

Im chinesischen Internet, wo ein Video von Zangs Rede kursierte, riefen seine Ausführungen Spott und Entrüstung hervor – vor allem von in Deutschland lebenden Chinesen. „Wo war der denn, in der DDR?“, fragte ein Blogger. Ein anderer frotzelte, der Vizebürgermeister habe bei seiner Dienstreise natürlich keine Kreditkarte, sondern nur Bargeld gehabt – eine Anspielung darauf, dass viele Provinzbeamte als sehr korrupt gelten. Mehrere Benutzer wiesen auch darauf hin, dass es in Deutschland, anders als in China, problemlos möglich sei, sich anonym im Netz zu bewegen. In China werden Anmeldungen mit echten Namen verlangt. Benutzer von Internetcafés müssen ihren Personalausweis vorzeigen.

Trotzdem ist das Provinztheater aufschlussreich. Chinesische Politiker, die sich von der Welt häufig wegen mangelnder Menschenrechte und Meinungsfreiheit kritisieren lassen müssen, haben es zu einer Meisterschaft darin gebracht, dem Ausland gegenüber ähnliche Anschuldigungen zu formulieren. So ist in China weithin bekannt, dass in Deutschland die Leugnung des Holocaust oder die öffentliche Zurschaustellung von Nazisymbolen verboten sind. In der Volksrepublik wird dies gerne als Beleg für politische Verfolgung in Deutschland. Die USA, die jährlich in einem Bericht Chinas Menschenrechtsprobleme anprangern, bekommen inzwischen von Peking einen ähnlichen Report erstellt. Manchmal gelingt es den Chinesen durchaus elegant, die moralischen Doppelbödigkeiten des Westens vorzuführen. Häufiger wirkt es jedoch so, als würden die Chinesen im Glashaus sitzend mit Steinen werfen.

Zangs Argumente zählen sicher zu letzteren, wie inzwischen offenbar auch Chinas Zensoren gemerkt haben. In chinesischen Onlineportalen wurden Nachrichten über seine Bemerkungen inzwischen gelöscht. Auch aus einem Transkript seiner Rede auf der Webseite von Xiamens Stadtregierung verschwanden seine Ausführungen. Die Chinesen können einem leidtun.

Bernhard Bartsch | 11. Juli 2011 um 03:57 Uhr

 

Ein Kommentar

  1. Dagobert

    12. Juli 2011 um 20:40

    Ja, genau so kenne ich die Chinesen. In meiner Zeit in Taiwan hab ich oft die Erfahrung gemacht, das die Asiaten Meister sind im Aufbauen von subjektiven Wirklichkeiten. Einige davon werden, so wie Taiwan selbst, zur Wahrheit von vielen, andere werden nur tolleriert weil ein Mächtiger sie konstruiert hat.