Bernhard Bartsch

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Spannungen in Fernost

Der Inselstreit zwischen China und Japan spitzt sich zu. Zwar will keine Seite einen Krieg, doch das tiefe Misstrauen macht eine Lösung schwierig.

Der Yasukuni-Schrein im Herzen Tokios ist eine altehrwürdige Anlage. Wie eine friedliche Oase der Ruhe liegt er zwischen den Stadtautobahnen, von denen gepflegte Alleen zu dem Shinto-Heiligtum führen, in dem die Japaner seit über 140 Jahren ihrer Kriegsopfer gedenken. «Wir sind hier, um an unseren im Zweiten Weltkrieg gefallenen Vater zu denken», sagen zwei Schwestern, die an diesem Februartag gekommen sind. Ein junger Mann ist einfach zum Sightseeing hier. Ist er ein Nationalist? «Nein», lacht er, «ich bin einfach nur Japaner.»

2000 Kilometer entfernt bezweifelt man solche Aussagen. In Peking sieht man den Yasukuni-Schrein als politischen Affront, weil dort auch verurteilter Kriegsverbrecher gedacht wird, die für horrende Greueltaten in China verantwortlich sind. Dass der Schrein gut besucht ist und auch japanische Politiker ihn immer wieder frequentieren – Ministerpräsident Shinzo Abe besuchte ihn zuletzt vier Monate vor seiner Wahl zum Regierungschef –, gilt in der chinesischen Hauptstadt als Zeichen einer allgemeinen Chinafeindlichkeit, gegen die man sich wehren müsse.

Doch was lange ein überwiegend symbolischer und diplomatischer Schlagabtausch war, wächst sich derzeit zu einer Krise aus, die Ängste vor einem neuen ostasiatischen Krieg weckt. Auslöser ist der Streit um eine unbewohnte Inselgruppe im ostchinesischen Meer, die auf Chinesisch «Diaoyu» und auf Japanisch «Senkaku» heisst. Seit den 1970er Jahren steht sie unter japanischer Verwaltung, doch auch Peking beansprucht sie für sich. Nachdem die Regierung in Tokio die Inseln im vergangenen September einer japanischen Familie abgekauft hatte, gab es in China furiose, von der Regierung gebilligte Proteste. Seitdem kommt es regelmässig zu Konfrontationen zwischen chinesischen und japanischen Patrouillenschiffen. Jüngster Höhepunkt ist Tokios Behauptung, die chinesische Marine habe japanische Schiffe ins Visier ihrer radargesteuerten Waffensysteme genommen. Peking bestreitet das gefährliche Manöver, doch Ministerpräsident Abe kündigte die Veröffentlichung von Beweisen an und verlangte am Freitag eine Entschuldigung.

Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis die Machtspiele zum ersten Scharmützel eskalieren. Dabei hat keine Seite ein Interesse an einem offenen Konflikt. Ein militärischer Schlagabtausch könnte verheerende Folgen haben, nicht zuletzt, weil an Tokios Seite auch die USA darin verwickelt werden könnten, die in Japan mehr als 30 000 Soldaten stationiert haben. «Keine Seite möchte einen Krieg», sagt Akio Takahara, China-Experte an der Universität Tokio. Doch aus japanischer Sicht sind es vor allem die Chinesen, die über ihren eigenen Schatten springen müssten. Immerhin hätten in den vergangenen Wochen drei ehemalige japanische Ministerpräsidenten China besucht und auf informellem Wege eine Annäherung zu vermitteln versucht. Ausserdem habe Regierungschef Abe einen Brief an Chinas Parteichef Xi Jinping geschrieben. «Aber bevor ein Spitzentreffen zwischen unseren Regierungschefs stattfinden kann, muss China aufhören, Schiffe und Flugzeuge zu den Inseln zu schicken», erklärt Takahara Tokios Position. Genau dieses Zugeständnis sei für Peking allerdings schwierig. «Weil Chinas Kommunistische Partei im eigenen Land viele Probleme hat, schürt sie nationalistische Gefühle, um das Volk hinter sich zu vereinen.» Ein Ende der Patrouillen wäre der chinesischen Öffentlichkeit deshalb schwer vermittelbar.

In Peking sieht man wiederum die Japaner in der Pflicht, den ersten Schritt zu machen. «Japan hat Spielraum, sich zu bewegen, China hat keinen», glaubt Zhou Yongsheng von der Pekinger Universität für Internationale Studien. «Aber die Rechten sind in Japan zu einflussreich, um eine Annäherung möglich zu machen.» Gerade Ministerpräsident Abe gelte schliesslich als rechtskonservativer Falke. Auch für Zhou Weihong, Professor am Pekinger Zentrum für Japanstudien, ist der japanische Nationalismus «mindestens die Hälfte des Problems». Ein Kompromiss könne aber darin bestehen, dass beide Seiten den Territorialkonflikt bis auf weiteres ruhen liessen. «Entweder verwalten China und Japan die Inseln irgendwann zusammen, oder beide verzichten auf ihre Ansprüche», lautet sein Vorschlag.

Xu Yiping, Japanologe an der Pekinger Fremdsprachenhochschule, glaubt ebenfalls, dass sich der Streit mittelfristig nicht lösen, sondern nur vermeiden lässt. Allerdings befürchtet er, dass die USA ihn bewusst schüren, um den Ausbau ihrer Pazifikstreitmacht zu rechtfertigen. «Washington hofft, dass die Spannungen zwischen China und Japan langfristig bestehen bleiben», sagt der Japanologe. Um nicht in diese Falle zu tappen, müssten die Chinesen ihre Beziehungen zu Japan dringend versachlichen.

Darin sieht auch Takahara eine Chance. «Das Misstrauen ist gross, aber in Japan gibt es keine echte Chinafeindlichkeit», meint er. Im Gegenteil, die chinesische Kultur geniesse hohes Ansehen, schliesslich seien beide Völker seit Jahrtausenden eng miteinander verbunden. Auch in den chinesischen Vorbehalten gegen den Yasukuni-Schrein sieht er vor allem ein kulturelles Missverständnis. «Ich bin zwar dagegen, dass unsere Regierungschefs Yasukuni besuchen, weil das diplomatisch ungeschickt ist», sagt Takahara. «Aber die Mehrheit der Besucher geht dort nicht hin, weil sie nationalistisch sind, sondern einfach, um ihrer eigenen Vorfahren zu gedenken.»

Bernhard Bartsch | 10. Februar 2013 um 07:43 Uhr

 

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