Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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So schön ist Nordkorea

Herr Klimke von der CDU will sich ein Bild von Land und Leuten machen. Die Gastgeber wollen ihm zeigen, wie glücklich das Volk ist. Ein Reisebericht.

Der junge Mann ist seltsam. Er steigt als letzter ins Flugzeug, hat eine riesige Sonnenbrille auf, trägt Jeans, Turnschuhe, ein blaues Hemd mit Krawatte und eine Gelfrisur wie asiatische Popstars sie haben. Man kann sich ihn in einer japanischen Disco oder Hongkonger Shopping Mall vorstellen. Aber er ist auf dem Weg nach Nordkorea. In Peking hat er als letzter die Maschine der nordkoreanischen Fluglinie Koryo Air bestiegen und in der ersten Klasse auf Sitz 1A Platz genommen. Die Stewardessen behandeln ihn wie einen Ehrengast. Wer ist er?

Drei Plätze weiter, auf Sitz 1D, sitzt Jürgen Klimke von der CDU. Klimke nestelt an einer kleinen Digitalkamera. „Machen wir mal ein Foto“, sagt er, dreht sich zur Seite und drückt schnell ab. Zu schnell. Das Bild ist verwackelt, der junge Mann nicht zu erkennen. Wenig später wird er in Pjöngjang vor Klimke und allen anderen Passagieren aus dem Flugzeug geführt. Auf dem Rollfeld erwartet ihn ein Bus. Ob er seinen schwarzen Spazierstock wirklich als Gehhilfe benötigt oder nur als eigenwilliges Accessoire mit sich führt, ist nicht erkennbar. Wird nicht von Kim Jong Ils zweitem Sohn kolportiert, er gehe infolge einer Erkrankung am Stock? „Ich hätte zu gerne gewusst, wer das war“, sagt Klimke, als der Bus mit dem geheimnisvollen Mann abgefahren ist. Es ist nicht die einzige Frage, die auf dieser Reise offen bleiben wird.

Jürgen Klimke ist zum ersten Mal in Nordkorea. Er ist 62 und Schnauzbartträger, ein geerdeter Hamburger Mittelstandsunternehmer, der seit 2002 für die CDU im Bundestag sitzt. Klimkes Arbeitsschwerpunkte sind Außen- und Entwicklungspolitik, und zu den vielen Gremien, in denen er sitzt, zählt auch die deutsch-koreanische Parlamentariergruppe. Fünf Tage lang will er sich selbst ein Bild von dem Land machen, über das man im Berliner Regierungsviertel kaum mehr weiß als in den dünnen Aktenordner passt, den Klimke unter dem Arm trägt: Die Demokratische Volksrepublik Korea ist eines der ärmsten Länder der Welt und leidet immer wieder unter Hungersnöten, konnte aber in den vergangenen Jahren genügend Ressourcen mobilisieren, um Atomwaffen und Urananreicherungsanlagen zu entwickeln. Uno-Sanktionen sollen das Land zur Aufgabe seines Nuklearprogramms zwingen, doch statt klein beizugeben attackierte Nordkorea im vergangenen Jahr zweimal südkoreanische Ziele. Was will Klimke hier? „Miteinander zu reden ist immer besser, als wenn Eiszeit herrscht“, sagt er.

Anderthalb Stunden nach der Landung steht Jürgen Klimke auf dem Flur eines Bürogebäudes vor einer großen Flügeltür und friert. Es ist kalt auf dem Flur, und Klimke ringt mit einer Erkältung, aber das nordkoreanische Empfangskomitee hat ihn gebeten, seinen Mantel an einen altmodischen Kleiderständer zu hängen. Endlich geht die Tür auf. Sechs Männer in schwarzen Anzügen stehen in einer Reihe und strecken Klimke die Hand entgegen. An ihren Revers tragen sie rote Anstecknadeln mit dem Bild von Kim Il Sung, den sie den „Großen Führer “ nennen und der auch 18 Jahre nach seinem Tod als „Ewiger Präsident“ Nordkoreas Staatsoberhaupt ist. Auch an den Wänden hängen Porträts von ihm und seinem Sohn, dem „Großen General“ und „Lieben Führer“ Kim Jong Il. Eine Klimaanlage bläst warme Luft in den Raum, Kellnerinnen in Kostümen servieren heißen Ginseng-Tee.

„Wir blicken auf einen langen, harten Winter zurück, aber jetzt, da eine so wichtige Persönlichkeit wie Herr Jürgen Klimke unser Land besucht, wird es endlich Frühling“, eröffnet ein Herr mit einer akkuraten Steilfrisur. Klimke spickt auf seinen Programmzettel. „Meinungsaustausch mit Herrn Ri Yong Chol, Stv.Abt.leiter des ZK der PdAK“, steht darauf. Soll heißen: Stellvertretender Abteilungsleiter des Zentralkomitees der Partei der Arbeit Koreas.
„Koreas Arbeiterpartei und Deutschlands CDU sind die Säulen der Politik in unseren beiden Ländern“, sagt Herr Ri. „Es ist gut, wenn wir unsere Beziehungen ausbauen.“ Klimke sitzt mit gefalteten Händen am Konferenztisch und lächelt. Sein Leben spielt sich zu großen Teilen an Konferenztischen ab und er hat auf seinen Reisen schon viele merkwürdige Gesprächspartner getroffen. Er weiß, dass sich seltsame Momente gut weglächeln lassen. „In der Tat sollten wir über Kooperationen sprechen“, sagt er bedächtig, „vorausgesetzt die gesamtpolitische Situation lässt das zu.“ Herr Ri schaut über seine randlose Brille und zieht einen dicken Manuskriptstapel zu sich heran. „Da sie zum ersten Mal in unserem Land sind, lassen Sie mich Ihnen unsere Situation einmal erläutern“, hebt er an. Der Übersetzer streckt den Rücken durch.

Die Welt, wie Herr Ri sie in den nächsten dreißig Minuten skizziert, gleicht in mancher Hinsicht dem gallischen Dorf aus Asterix und Obelix. Der ganze Globus ist von imperialistischen Mächten besetzt, doch dank Heldenmut und Führern mit übernatürlichen Kräften gelingt es einer kleinen Nation seit 63 Jahren, seine Eigenständigkeit zu bewahren. Die Nation ist Nordkorea. „Viele haben uns schon den Zusammenbruch vorhergesagt, aber die Welt wird sehen, dass wir im nächsten Jahr, zum 100. Geburtstags unseres Großen Führers Präsident Kim Il Sung, ein mächtiges und aufblühendes Land sein werden“, sagt Herr Ri und sieht Herrn Klimke an. Klimke lächelt. Und Ri setzt fort: „Sie fragen sich, wie wir das schaffen wollen? Indem wir uns mit allen Kräften um unseren Führer, den Großen General Genosse Kim Jong Il, zusammenschließen.“ Klimke erfährt dann noch, dass Nordkorea „gewaltige Fortschritte bei der Herstellung von Energie, Lebensmitteln und Dünger“ macht „und der Produktionsplan für das erste Quartal schon im Februar übererfüllt war“. „In Westeuropa werden die Tatsachen häufig verdreht“, stellt Ri klar, „aber Sie, Herr Klimke, werden in den kommenden Tagen Gelegenheit haben, die Entwicklung unseres Landes mit ihren eigenen Augen zu sehen.“

Das erste, was Jürgen Klimke sieht, ist das Hotel, in dem er einquartiert wurde. Es heißt Koryo-Hotel und ist ein Doppelhochhaus mit einer wuchtigen marmornen Empfangshalle. Die Nordkoreaner haben dem deutschen Gast eine große Suite gebucht, bezahlt wird vorab bar in Euro. Im Zimmer sind sämtliche Lampen angeschaltet, als könne Stromverschwendung Überfluss suggerieren. Die Einrichtung ist eine billige Kopie gehobenen westlichen Standards, alles makellos gepflegt. In der Nacht raubt Klimke das Surren eines elektrischen Geräts, das sich nicht lokalisieren lässt, den Schlaf. Morgens um fünf weckt ihn Propagandamusik, die von der Straße kommt. Zum Frühstück gibt es kleine Päckchen mit neuseeländischer Butter, deutscher Marmelade und Omelett.
Das wahre Nordkorea sieht Jürgen Klimke durch das Fenster eines dreißig Jahre alten Mercedes. Drei Limousinen haben die Nordkoreaner für die vierköpfige Delegation aus Deutschland aufgeboten. In der ersten fährt Klimke, in der zweiten ein Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Seoul und in der dritten zwei Journalisten, jeweils begleitet von zwei bis drei freundlichen Herren vom nordkoreanischen Außenministerium. Sie sprechen fließend Deutsch oder Englisch.

Der Terminkalender ist eng. Begegnungen mit dem einfachen Volk sind nicht vorgesehen. „Dafür ist bei einer so kurzen Reise keine Zeit“, sagen die Begleiter und vertrösten Klimke auf den nächsten Besuch, und der ist zu höflich, um sich zu beschweren oder zu sagen, dass Ausländer doch sowieso nie Zugang zu normalen nordkoreanischen Wohnungen bekommen, dass nicht einmal die deutsche Botschaft in Pjöngjang die Telefonnummern oder Adressen ihrer nordkoreanischen Übersetzer, Fahrer oder Gärtner wissen darf.

Wenn so viel verborgen wird, lässt das der Fantasie freien Lauf. Wer weiß, wie die wohnen, die Nordkoreaner! Klimke, der schon Slums auf den Philippinen und in Bangladesch gesehen hat, ist überrascht. „Ich hatte mir das schlimmer vorgestellt“, sagt er, während er an Wohnsilos vorbeifährt, vor denen große Bilder der beiden Kims stehen. Die Menschen bewegen sich zumeist in Trossen. Hier und da gibt es kleine Geschäfte. An Straßenecken stehen Frauen hinter Dreiradfahrrädern und verkaufen Kekse oder Limonade. Auf den breiten Boulevards fahren genügend Autos, um gelegentlich einen kleinen Stau zu verursachen. Dass Geld ins Land fließt, zeigt sich in neuen Volkswagen oder BMWs, die vor dem Koryo-Hotel parken und den Nordkoreanern gehören, die im Restaurant bei Schnaps und Grillplatten sitzen oder im Hotelladen für Euros schottischen Whiskey, deutschen Wein und Schweizer Schokolade kaufen. „Man sieht, dass sich hier viel entwickelt“, sagt Klimke zu seinem Begleiter. Der lächelt dankbar.

Klimke weiß, dass der Luxus nur einer winzigen Oberschicht vorbehalten ist. Sie profitiert davon, dass Nordkorea mit China Rohstoffe gegen Importgüter tauscht. Der Rest des Volkes lebt von den unregelmäßigen Essensrationen und einem Standardgehalt von 5 000 Won im Monat, für die man auf dem Schwarzmarkt zwei Euro bekommt. „Niemand durchschaut so richtig, wovon die Nordkoreaner eigentlich leben“, sagt eine Entwicklungshelferin, die Klimke an einem Abend in der Hotelbar zum Bier trifft, und die wie die meisten Ausländer in Pjöngjang nicht namentlich genannt werden möchte, um ihre nordkoreanischen Kontakte nicht zu verärgern oder zu gefährden. „Ohne den Schwarzmarkt läuft hier jedenfalls nichts mehr.“ Das Welternährungsprojekt der Vereinten Nationen gehe davon aus, dass die staatlichen Zuteilungen nicht einmal die Hälfte des Kalorienbedarfs decken, und dass wieder akute Lebensmittelknappheit drohe, wenn in den kommenden Monaten die Vorräte vom letzten Jahr zu Ende gehen. Auf Hilfe aus dem Ausland kann sich Nordkorea aber nur bedingt verlassen. Denn wer will schon für ein Land spenden, das sich immer wieder als unkooperativ erwiesen hat? Wie viel Geld bräuchte Nordkorea denn, um seine Lebensmittelprobleme zu lösen, will Klimke von der Entwicklungshelferin wissen. „Mit 20 bis 30 Millionen Euro ließe sich schon eine Menge machen, um das Land auf den Weg zur Selbstständigkeit zu bringen“, erklärt sie und klagt darüber, wie schwer es geworden sei, Geld zu bekommen, um in Nordkorea Gewächshäuser oder andere Hilfsprojekte zu verwirklichen. „20 Millionen, das sind doch Peanuts“, sagt Klimke ungläubig. In den entwicklungspolitischen Gremien, in denen er in Berlin sitzt, geht es meistens um ganz andere Summen.

Dessen ist sich offenbar Kung Sok Ung bewusst, ein aufgeräumter älterer Herr mit zurückgekämmtem schütteren Haar, der Vize-Außenminister des Landes. Er sitzt in einem holzgetäfelten Raum mit den unvermeidlichen Kim-Bildern an den Wänden, lässt gesüßten Pulverkaffee servieren und ist sichtlich darum bemüht, das Image seines Landes zu verbessern. „Die Prinzipien unserer Außenpolitik sind Souveränität, Frieden und Freundschaft, und in dieser Hinsicht haben Deutschland und Korea in der Vergangenheit sehr gut zusammengearbeitet“, sagt Kung. Auch er hat ein bedrohlich dickes Redemanuskript vor sich liegen, doch nachdem er es ein paar Mal hin und her geschoben hat, dreht er es demonstrativ um. „Reden wir doch ganz formlos mit einander.“ Das ist Klimkes Chance. Er blättert in seinem Notizbuch zu der Seite, auf der er die Themen aufgeschrieben hat, die ihm das Auswärtige Amt mit auf die Reise gegeben hat, alles außenpolitische Kleinstprojekte, doch im Umgang mit Nordkorea sind auch kleine Projekte groß: Ein Nordkoreaner hat in den Sechzigerjahren in der DDR eine Familie gegründet, wurde dann plötzlich zurückbeordert, und nun möchte sein Sohn, der in Deutschland blieb, endlich seinen Vater kennenlernen. Bei einem Kulturdenkmal, für dessen Sanierung Deutschland eine Million Euro bereitgestellt hat, soll eine Plakette mit deutscher Fahne angebracht werden. Eine europäische Firma, die in Nordkorea investiert hat, beschwert sich über Vertragsbruch.

Der Vize-Außenminister schaut etwas betreten drein. „Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir da weiterkommen“, sagt er. „Wie Sie wissen, befinden wir uns mitten im Generalkampf, um im nächsten Jahr zum 100. Geburtstag unseres Großen Führers Präsident Kim Il Sung ein starkes und aufblühendes Land zu sein“, erklärt er. „Aber dieses Jahr hatten wir einen sehr harten Winter und wären dankbar, wenn Deutschland uns noch einmal mit Nahrungsmittelspenden helfen könnte.“

Es ist paradox. Einerseits will Nordkorea Selbstständigkeit demonstrieren, andererseits bittet es um Lebensmittel. Aber für die Nordkoreaner scheint das kein Widerspruch zu sein. Klimkes Begleiter geben sich Mühe, die Armut ihres Landes zu verbergen. In Pjöngjang verlässt die Kolonne fast nie die großen Boulevards, außerhalb der Stadt rasen die alten Mercedes-Limousinen so schnell, wie es die holprigen Straßen zulassen, während die freundlichen Begleiter Smalltalk mit Klimke machen. „Erzählen sie etwas über Ihre Familie“, bittet einer den vierfachen Vater. Später stellen sie fest, dass sie beide früher mal Italienisch gelernt haben und vergleichen lachend ihr Vokabular. Es könnte alles so schön sein, wenn nicht vorm Fenster Bahntrassen und Straßenböschungen vorbeifliegen würden, vor denen Frauen in der Erde wühlen, offenbar auf der Suche nach essbaren Wurzeln und Blättern. Außerhalb der Stadt sieht Klimke Menschen mit Bündeln in der Hand und klapprigen Wagen am Straßenrand entlangziehen. In den noch halb zugefrorenen Flüssen waten Menschen mit nackten Beinen zwischen Eisschollen. In der Pjöngjanger Untergrundbahn, in der Klimke zwei Stationen in ausrangierten Berliner U-Bahn-Zügen fahren darf, die Nordkorea vor einigen Jahren kaufte, sitzen ihm eine eingefallene Alte und ein dürres Kind gegenüber. „Der Anblick konnte einem ja das Herz zerreißen“, sagt Klimke später. „Ich habe die ganze Zeit überlegt, wie ich denen unauffällig etwas zustecken kann.“ Aber seine Aufpasser haben ihn nicht aus den Augen gelassen, und Klimke sagt, er wisse ja gar nicht, ob die das Geld behalten dürften oder noch Ärger bekämen.

In der Kim-Il-Sung-Universität wird Jürgen Klimke durch eine nagelneue Bibliothek geführt. Im Säulenportal des Foyers erklärt ihm eine Nordkoreanerin in traditionellem Gewand, dass die Studenten Bücher künftig in einem elektronischen Katalog suchen können. Klimke bemüht sich um interkulturelle Augenhöhe. „Ich wünschte mir, an deutschen Universitäten hätten wir auch so schicke Gebäude“, sagt er und will wissen, woher die Rechner stammen. „Das wissen wir nicht“, lautet die Antwort, „die Computer sind ein Geschenk des Großen Generals Genosse Kim Jong Il.“

Auch ein Schwimmbad von olympischen Ausmaßen hat der „Liebe Führer“ der Universität gebaut, inklusive Spaßrutsche und Sprungturm. Die einzelnen Sprungbretter erreicht man im Fahrstuhl. „Der General hat gesagt, es sei für die Studenten zu beschwerlich, wenn sie die Leiter hochsteigen müssten“, erklärt ein Mann. „Das zeigt, wie sehr er sein Volk liebt.“ Klimke schluckt. Man kann es kaum glauben. Das Volk lebt in Armut, und die Studenten fahren in Badehose zum Sprungbrett hinauf. Merken Klimkes freundliche Begleiter nicht, dass das merkwürdig ist? Warum spielen sie mit?

Der junge Dolmetscher hat als Diplomatenkind einen Teil seiner Teenagerjahre in Berlin verbracht und ist dort auf eine ganz normale Schule gegangen. Der Außenministeriumsbeamte, mit dem Klimke Italienisch übt, berichtet über einen mehrjährigen Aufenthalt in Rom. Seine Anzüge sitzen perfekt, seine Haare sind schwarz nachgefärbt, auf seiner Brille steht groß „Montblanc“. Und doch fällt keiner aus der Rolle. Die bandwurmhaften Ehrenbezeichnungen ihrer Führer kommen ihnen locker über die Lippen: „Dergroßeführerpräsidentkimilsung“, sagen sie, oder „Dergroßegeneralgenossekimjongil“.

„Wie geht das zusammen“, fragt Klimke abends im Hotel einen Deutschen, der schon lange in Nordkorea lebt. „Nordkoreaner müssen mehrere Schubladen im Kopf haben: eine für die Propaganda und eine für ihre eigentlichen Gedanken“, lautet die Antwort. „Man kann mit einem Nordkoreaner ein völlig normales Gespräch führen, aber sobald man sich einem heiklen Thema nähert, schwenkt er von einem Moment auf den anderen auf die offizielle Parteilinie um.“ Wo Propaganda aufhört und persönliche Überzeugung anfängt, lasse sich nicht erkennen, schon gar nicht für Ausländer. Ausländern gegenüber halten Nordkoreaner immer zusammen. Aus Nationalstolz. Und weil ideologische Fehltritte tödlich sein können. Nordkoreanische Flüchtlinge in Südkorea berichten davon, dass mitunter ganze Familien verschwinden. Nordkoreas Regierung bestreitet das, doch beim Bier hört Klimke, dass auch in Pjöngjanger Diplomatenkreisen derartige Fälle belegt sind.

Klimke fragt, was die Tarnnetze sollten, mit denen Autos, Busse oder Lastwagen durch die Stadt fahren. Das sei Teil der Kampagne „Schutz vor dem Feind“, erfährt er. „Den Menschen wird eingeredet, dass jeden Moment ein Angriff der Imperialisten drohe und dass Nordkorea dann seine Fahrzeuge retten könne, indem es sie als Gebüsch verkleidet.“ Klimke nickt. Später im Bett werden sich sich die Eindrücke des Tages mit alttestamentarischen Gräuelszenen vermischen.

Am nächsten Morgen geht es zu Kim Il Sungs Geburtshaus. Die Delegation stellt sich auf, dann wird fotografiert. Auch Kim Il Sungs Mausoleum muss Klimke seine Aufwartung machen. „Alle Koreaner verbeugen sich dreimal vor dem Sarkophag, aber Sie können selbst entscheiden, ob sie das tun wollen“, sagt sein Begleiter, während die Delegation auf langen Laufbändern ins Allerheiligste befördert wird. Gebläse pusten den Besuchern den Staub von der Kleidung, pathetische Musik erklingt. Vor der aufgebahrten Leiche stehen nordkoreanische Frauen in bunten Kleidern und pressen sich schluchzend die Hand vor den Mund. Klimkes Begleiter haben versteinerte Gesichter und verbeugen sich tief, der Abgeordnete entscheidet sich für einen knappen Diener.

Am letzten Abend sitzt die Delegation beim Abendessen im Potonggang-Hotel. Das Ambiente ist gepflegt, im Hintergrund läuft Klaviermusik von Tschaikowski. Kellnerinnen in viktorianisch anmutenden Hausmädchenkostümen servieren ein viergängiges westliches Menü. Herr Ri gibt sich noch einmal die Ehre und will wissen, ob alles recht gewesen sei. Klimke spricht von einem „hervorragenden Besuch“ und den Perspektiven für weitere Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe. Er macht seine Sache gut. Ri erhebt sein Schnapsglas und toastet „auf die Gesundheit des Großen Generals Genosse Kim Jong Il, die Gesundheit von Bundespräsident Christian Wulff und die Gesundheit von Herrn Jürgen Klimke“.

Im Ausland werde viel Falsches über sein Land berichtet, sagt er, nachdem er sich wieder gesetzt hat. „Aber Sie haben jetzt selbst gesehen, dass wir eine Gesellschaft ohne Einkommensunterschiede sind, ohne Arm und Reich.“ Er schiebt sich ein Stück Steak in den Mund. „Bitte erzählen Sie den Menschen in Deutschland, was Sie mit Ihren eigenen Augen gesehen haben. Erzählen Sie, dass unser Volk ein glückliches Leben führt.“

Zum Abschluss fragt Jürgen Klimke noch, was es eigentlich mit den Kim-Il-Sung-Ansteckern auf sich habe, die jeder Nordkoreaner trägt. „Das ist ein Zeichen, dass wir nicht vergessen können, was der Große Präsident alles für unser Land getan hat“, erklärt sein Begleiter. „Möchten Sie auch einen haben?“ Klimke druckst ein wenig herum. Mit dieser Frage hat er nicht gerechnet. Und er will ja nicht unhöflich sein. Am nächsten Morgen überreichen die freundlichen Herren der Delegation ihm feierlich eine rote Kim-Nadel. Das hat er nun davon. „Vielleicht trage ich die mal im Bundestag“, sagt Klimke und lächelt.

Bernhard Bartsch | 08. April 2011 um 16:25 Uhr

 

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