Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Sinnsuche im Wirtschaftswunderland

Viele Mittelstands-Chinesen nehmen beim tibetischen Buddhismus spirituelle Zuflucht – ein schroffer Gegensatz zur politischen Lage.

Im Zug der Gläubigen, die den Pilgerweg mit seinen bunten Gebetsfahnen abschreiten, fällt Sun Wei auf. Vor und hinter ihr laufen Tibeter in traditionellen Gewändern, die Männer in Pelzmänteln, Filzhüten und hohen Lederstiefeln, die Frauen mit geflochtenen Haaren, wattierten Jacken und Seidenschürzen. Ihre Gesichter sind dunkel und wettergegerbt. Sun Wei hat dagegen die gepflegte Blässe einer Großstädterin und trägt modische Outdoor-Kleidung: Fleecepullover, Funktionshose, teure Wanderschuhe. Man sieht sofort, dass sie eine Han-Chinesin ist.

Trotzdem bewegt sich die 31-Jährige im Rhythmus der Pilger. Alle paar Schritte fällt sie auf die Knie, wirft sich auf den Bauch und streckt die Arme vor. Dazu murmelt sie Gebete. Mehrere Stunden läuft Sun Wei so jeden Tag auf dem Rundweg, der sich am kargen Hang um das tibetische Kloster Kumbum in der westchinesischen Provinz Qinghai erstreckt. „Ich bin ein Flüchtling aus der chinesischen Gesellschaft“, sagt sie.

Vergangenen Sommer kam sie als Touristin in die in weiten Teilen von Tibetern bevölkerte Provinz Qinghai. Die Reise habe ihr die Augen geöffnet, sagt Sun Wei: „Der wirtschaftliche Fortschritt macht uns reich, aber unsere spirituellen Bedürfnisse lassen sich mit Geld nicht erfüllen. Die Tibeter dagegen tragen Buddha im Herzen.“ Ein halbes Jahr später kündigte sie ihren gut- bezahlten Job in Schanghai, um sich dem Studium des Buddhismus zu widmen. Nach Schanghai zurückkehren will sie erst, wenn sie innere Ruhe gefunden hat.

Sun Wei gehört zu einer wachsenden Zahl von Chinesen, die sich auf der Suche nach dem Sinn des Lebens dem tibetischen Buddhismus zuwenden. Die Himalaya-Region mit ihren geheimnisvollen Traditionen erscheint vielen als ideales Gegenmodell zum rastlosen Alltag in den boomenden Metropolen. Für die wohlhabende Mittelschicht gehört Tibet seit Jahren zu den beliebtesten Reisezielen. Wer danach nicht gleich ins Kloster will, findet auch in Chinas Städten tibetische Meditationszentren. Mönche, die als Lehrer oder Ärzte für traditionelle Medizin durchs Land reisen, haben großen Zulauf.

„Der Glaube an den tibetischen Buddhismus ist in meinem Leben eine wichtige Stütze geworden“, sagt Xiao Miyun, ein 28-jähriger Angestellter einer Pekinger Filmproduktionsfirma, den vor fünf Jahren die Tibet-Begeisterung eines Freundes ansteckte. „Seitdem habe ich das Gefühl, intelligenter, gutmütiger und toleranter zu sein.“

Die persönliche Faszination vieler Chinesen steht im schroffen Gegensatz zur politischen Lage. Der Konflikt zwischen der Kommunistischen Partei und unzufriedenen Tibetern schwelt seit Jahrzehnten und nimmt immer neue, grausame Formen an. Aus Protest gegen Peking übergossen sich kürzlich in Qinghai zwei Tibeter mit Benzin und zündeten sich an. Einer der Männer, den exiltibetische Organisationen als 24-jährigen Hirten identifizierten, starb. Der andere, ein 22-jähriger Handwerker, überlebte schwerverletzt.

Seit März 2011 haben sich mindestens 40 Tibeter in Brand gesteckt, darunter viele Mönche und Nonnen. Chinas Regierung macht dafür die „Dalai-Lama-Clique“ verantwortlich und versucht, mit drastischer Härte für Ruhe zu sorgen. Die Sicherheitskräfte sind überall. Manche Ortschaften und Klöster, in denen es zu Demonstrationen kam, sind von der Außenwelt abgeschottet. Hunderte Tibeter wurden in den vergangenen Monaten verhaftet. Mönche und Nonnen müssen sich propagandistischen Schulungen unterziehen, in denen der Dalai Lama verdammt und die Partei verherrlicht werden. Alle Klöster werden mit den „Neun Notwendigkeiten“ ausgestattet, darunter Poster mit politischen Slogans und Bilder der Pekinger Führung. Chinas Staatsmedien beschwören Tibets gewaltige Fortschritte seit der sogenannten friedlichen Befreiung durch die Kommunisten 1951.

Hinterfragt wird das offizielle Bild in der chinesischen Öffentlichkeit von niemandem. Doch dass sich nun immer mehr Han-Chinesen ausgerechnet für das alte, religiös geprägte Tibet interessieren, ist der Partei nicht geheuer. Immer häufiger versuchen die Behörden zu verhindern, dass sich Chinesen länger zum Buddhismusstudium in den tibetischen Gebieten aufhalten. Das befand Ende 2011 ein Bericht des US-Außenministeriums. Jedes Jahr reisen hunderte Chinesen nach Indien, um den von Exiltibetern gepflegten „reinen“ Buddhismus kennenzulernen. Der Dalai Lama hält spezielle Unterweisungen für Han-Chinesen ab.

In Dharamsala, dem Sitz der tibetischen Exilregierung, beobachtet man die Entwicklung mit gewaltigem Interesse. „Wenn es größeren Kontakt zwischen Tibetern und Chinesen gibt, werden auch mehr Chinesen beginnen, die Wirklichkeit zu erfassen und das Verhalten ihrer eigenen Regierung kritisch zu sehen“, sagt Dukthen Kyi vom Tibetischen Zentrum für Menschenrechte und Demokratie. Bis dahin ist es ein weiter Weg. Wegen der Medienzensur haben Chinesen kaum Gelegenheit, unabhängige Informationen über die Lage in Tibet zu bekommen. Selbst von den Selbstverbrennungen wissen viele nichts. Doch selbst wenn sich politisch in den Köpfen nicht viel tue, führe die kulturelle Annäherung doch zu besseren Beziehungen zwischen den Volksgruppen, glaubt Thubten Samphel, Leiter des Tibet Policy Institute, einem Think Tank der Exilregierung: „Mehr Chinesen werden erkennen, wie wichtig es ist, die tibetische Kultur zu bewahren.“

Der Pekinger Zhu Qiongmin gehört zu denen, bei denen die kulturelle Faszination auch zum politischen Umdenken geführt hat. „Bevor ich zum ersten Mal länger in den tibetischen Gebieten war, dachte ich wie die meisten Han-Chinesen: dass die Tibeter mit dem großen wirtschaftlichen Fortschritt, den sie in der Volksrepublik erlebt haben, sehr zufrieden sein müssten.“ Aber nachdem er sich mit ihrem Buddhismus beschäftigt habe, sei ihm auch die schlimme Situation der Tibeter bewusst geworden. „Es ist schrecklich, dass viele sich so sehr über unsere Regierung ärgern, dass sie sich selbst in Brand stecken“, sagt er. „Und genauso schrecklich ist es, dass viele meiner chinesischen Freunde das als Hochverrat betrachten.“

Bernhard Bartsch | 20. Juli 2012 um 10:03 Uhr

 

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