Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Sind wir nicht alle ein bisschen Shanzhai?

Zum Frühlingsfest inszeniert Chinas Internetgemeinde eine Kopie der staatlichen Neujahrsgala. Ihre Stars sind Wanderarbeiter, Hochzeitsentertainer und Provinz-Hip-Hopper.

Han_Zurong_(Copyright_Bernhard_Bartsch)Der Gesang ist schief, aber er kommt aus tiefstem Herzen. „Liebe Soldatenbrüder, ich weiß nicht, wo ihr seid?“ schmettert Han Zurong, „aber ich wünsche euch ein schönes Jahr.“ Der 29-Jährige hat das Lied selbst geschrieben und wenn er singt, geigt er vor seinem inneren Ohr ein ganzes Orchester mit. Dabei steht Han ganz allein zwischen Haufen schmutziger Bettlaken in der Wäschekammer eines Tagungshotels am Stadtrand von Peking.

Im wirklichen Leben arbeitet der 29-jährige ehemalige Soldat als Packer auf einem Pekinger Verladehof. Aber warum sich von der Realität einschüchtern lassen? Einmal hat Han hinter dem Rücken seiner Frau, einer Sojamilchverkäuferin, 2000 Yuan (200 Euro) gespart und eine Demo-CD aufgenommen, die er ans chinesische Fernsehen geschickt hat, neun Mal, ohne je eine Antwort zu erhalten. „Als sie dahinter kam, gab es ein ziemliches Donnerwetter“, erzählt Han und lacht. Denn nun wird er doch auftreten, vor einem Publikum von Hunderttausenden, womöglich sogar Millionen: im Internet. Am Sonntagabend, in der chinesischen Silvesternacht, findet das spektakulärste Webereignis statt, das China je erlebt hat. In einer vierstündigen Online-Gala wollen Wanderarbeiter, Hausfrauen, Bauern, Jugendliche und Kleindarsteller dem opulenten Festprogramm des Staatsfernsehens die Show stehlen.

„Wir bieten dem Volk eine Bühne“, erklärt Shi Mengqi, der 36-jährige Initiator der Revue. Er trägt Schal und Mantel, denn der Veranstaltungsraum des Hotels, in dem seine Truppe seit Mitte Januar probt, ist schlecht geheizt. Sein Vater hat gerade das Mittagessen verteilt, Lunchboxen mit Reis, Gemüse und einem Hühnerschlegel. „Die Neujahrssendung im Fernsehen wird jedes Jahr prächtiger, aber die Menschen können sich damit immer weniger identifizieren“, sagt Shi mit vollem Mund. „Deswegen bieten wir den Menschen die Möglichkeit, ihr eigenes Programm zu gestalten.“

Shanzhai-Frühlingsfestgala nennt Shi seine Sendung und reitet damit auf dem jüngsten Trend der chinesischen Popkultur. Denn Shanzhai ist in der Volksrepublik das neue Schlagwort für eine alte Tradition: das Kopieren. Es gibt kaum ein Produkt, das in China nicht schon gefälscht wurde, von Papiertaschentüchern über Computer bis zu Flugzeugen. Doch statt sich für ihre Plagiate zu genieren, sind die Chinesen zunehmend stolz darauf. Oft gefallen ihnen ihre Imitationen nämlich besser als die Originale: Warum viel Geld für Adidas-Schuhe ausgeben, wenn die billigen der Marke „Odidas“ genauso aussehen? Warum zu Starbucks gehen, wenn es bei Bucksstar ebenso gemütlich ist und auch noch chinesisches Essen serviert wird? Warum Geld verdienen, wenn man im Internet stapelweise Blüten bestellen kann? Wer Angst hat, selbst Falschgeld angedreht zu bekommen, kann sich ja ein gefälschtes Nokia-Handy besorgen, an dem ein Ultraviolettlämpchen die Echtheit von Banknoten zu bestimmen hilft. Clever, finden viele Chinesen, Shanzhai eben. Wörtlich heißt das „Bergdorf“, sinngemäß so etwas wie „bauernschlau“.Shi Mengqi (Mitte) und seine Truppe

„Ursprünglich war Shanzhai eine abwertende Bezeichnung für illegale, minderwertige Produkte“, erklärt Shi, „aber heute steht der Begriff für Kreativität, Erfolg und Spaß.“ So soll auch seine Onlinegala den Festakt auf dem Staatskanal CCTV übertreffen, der in China seit der Verbreitung des Fernsehens zum Neujahrsfest gehört wie die „Jiaozi“ genannten kleinen Maultauschen. Mit seiner Idee hat der 36-Jährige bei seinen Landsleuten einen Nerv getroffen. Kaum hatte er im November seinen Plan bekannt gemacht, wurde er zu einem der heißesten diskutierten Themen in chinesischen Chaträumen. „Shanzhai zu unterstützen bedeutet, das Volk zu unterstützen“, schrieb ein Blogger in sein Onlineforum, ein anderer: „CCTV zeigt immer den gleichen alten Plunder, aber die Shanzhai-Gala ist endlich einmal eine neue Idee.“ Bei einer Umfrage des großen Internetportals Tianya gaben drei Viertel der Teilnehmer an, sich Shis Show anschauen zu wollen. Selbst wenn nur ein Bruchteil der über 300 Millionen chinesischen Internetbenutzer am Neujahrabend Online geht, hat die Gala ein gewaltiges Publikum.

Dabei soll seine Sendung ganz ähnlich aufgebaut sein wie die Vorlage: eine Mischung aus Musik, Tanz, Kabarett und Akrobatik. Über 800 Bewerbungen erhielt Shi auf seiner Webseite CCSTV (eine Parodie auf den Staatssender CCTV – das „S“ steht selbstverständlich für Shanzhai). Rund 150 Darsteller wurden ausgewählt. Neben dem Sänger Han gehören dazu die Studentin Yin, die zusammen mit zwei Freundinnen das Lied „Unser Auftritt“ geschrieben hat und wenige Tage vor dem Auftritt noch mühsam auf der Gitarre nach Akkorden sucht. Ein paar Stühle neben ihr schreiben die beiden Moderatorinnen zusammen ihre Aufsager. Die eine verdient ihr Geld als Entertainerin bei Hochzeitsbanketten, die andere unterrichtet Deng-Xiaoping-Theorie an einem Fortbildungszentrum der Volksbefreiungsarmee. Auf dem Flur übt eine Volkstanztruppe der Miao-Minorität, die aus ihrem Dorf in der südchinesischen Provinz Sichuan angereist ist. Aus einer Kleinstadt im nördlichen Heilongjiang ist eine Gruppe Jugendlicher in durchhängenden Jeans, Baseballkappen und Kettenschmuck gekommen. Aus großen Kopfhörern wummert die Musik ihrer ausländischen Hip-Hop-Vorbilder, deren Beatboxing-Sound sie zu imitieren versuchen. „Die Gala ist endlich mal eine coole Art, Neujahr zu verbringen“, meint einer. „Sonst sitzt man ja doch immer nur zuhause, schaut fern und futtert Jiaozi.“

Stuentin YinWie alle hat er seine Reise selbst bezahlt; Shi stellt nur Unterkunft und Verpflegung. Natürlich träumen die Provinz-Hip-Hopper davon, dass im Internet ein Produzent auf sie aufmerksam wird, eine Hoffnung, die sie mit vielen Darstellern teilen. Etwa Frau Huang aus Tianjin, die ihren fünfjährigen Sohn nach Peking gebracht hat, so wie sie ihn schon bei unzähligen Talentwettbewerben im ganzen Land hat singen lassen. Oder Zhou Changchun, ein Fahrradakrobat, der seinen Lebensunterhalt bisher in Fußgängerzonen oder auf Bahnhofsvorplätzen verdient und mit Mitte Vierzig nicht mehr viel Zeit für den großen Durchbruch hat. „Jeder hat seine eigenen Gründe, warum er hier ist“, sagt Qia Changsheng, ein kleiner Mann mit Backenbart und angeschmuddeltem weißen Anzug, der vergangenen Sommer schon ein wenig Internetruhm geschnuppert hat, als er mit seinem Motorrad aus dem südchinesischen Erdbebengebiet zu den Olympischen Spielen fuhr. „Aber vor allem ist das für uns alle eine große Party.“

Dabei ist die Shanzhai-Gala längst mehr als ein Spaß. Einige sehen darin ein politisches Statement, eine heimliche Kritik an der staatlichen Mediensteuerung, die raffinierter und wirkungsvoller verpackt ist als etwa der jüngste Boykottaufruf chinesischer Intellektueller, die CCTV vorwerfen, das chinesische Volk einer kollektiven Gehirnwäsche zu unterziehen. Dass sie Sendung überhaupt stattfinden darf, hat viele Überrascht, und im Internet wird heftig darüber spekuliert, ob das Propagandaministerium sie im letzten Moment nicht doch noch stoppt. Schließlich ist die Regierung im Internet ebenso auf ihre Informationshoheit bedacht wie in anderen Medien. Schon mehrfach haben sich Zensurbeamten in die Proben gesetzt, und auch bei der Live-Aufführung werden sie dabei sein, um notfalls den Stecker ziehen zu können.

Andere sehen in der Aktion einen genialen Selbstvermarktungscoup, mit dem Shi sich innerhalb weniger Wochen aus dem Nichts zu einer Prominenz in der chinesischen Medienlandschaft emporgeschwungen hat. Seine Biographie gleicht der seiner Stars: Der Sohn eines Dorfkaders aus Sichuan kam vor sechs Jahren nach Peking und schlug sich mit verschiedenen Jobs durch, von denen ihm keiner so recht zusagte: Buchhalter, Angestellter in einer Marketingfirma, zuletzt Kameramann für Hochzeitsfilme. „Nebenbei verbrachte ich viel Zeit im Internet, und irgendwann war da die Idee, ein paar Freunde zusammenzutrommeln, und selbst etwas auf die Beine zu stellen“, erzählt er.

Stars_der_Shanzhai-Gala_(Copyright_Bernhard_Bartsch)Shi legt wert darauf, als Idealist verstanden zu werden. Zu persönlichen Zielen, die er mit der Veranstaltung verfolgt, sagt er nicht mehr, als dass er hinterher ein Buch schreiben werde. Auch Fragen nach den Mitteln, mit denen er die Gala finanziert, weicht er aus. „Was wir hier machen, ist mit Geld nicht aufzurechnen“, sagt er. Ein gutes Geschäft ist das Projekt aber zweifellos. Schon wenige Wochen nach den ersten Schritten verhandelte Shi mit dem Provinzsender Guizhou TV, der die Sendung statt des CCTV-Programms ausstrahlen wollte und sich davon hohe Werbeeinnahmen versprach. Die Kooperation scheiterte an der Zustimmung der Pekinger Propagandabehörden. Das Veto mag für Shi im Nachhinein ein Segen gewesen sein, denn in Chatforen wurde ihm bereits vorgeworfen, die Sache des Volkes aus Profitsucht zu verraten. „Das Fernsehen hätte unsere Idee kaputt gemacht“, gesteht er heute selbst ein. „Die offizielle Kultur formt die Volkskultur immer nach ihren Vorstellungen. Unser Ansatz ist umgekehrt.“ Sponsoren habe er keine, versichert Shi, „nur Unterstützer“. Das Hotel stelle seine Räumlichkeiten kostenlos zur Verfügung, offenbar im Gegenzug für gute PR. Die Designer und Techniker hat eine Pekinger Werbefirma geschickt, die aus ihrer Beteiligung an dem prominenten Projekt kein Geheimnis macht. Auch viele freiwillige Helfer dürften sich ihre Mitarbeit hinterher in den Lebenslauf schreiben.

Und warum auch nicht? Schließlich steht Shanzhai auch für kreative Methoden, im kapitalistischen Existenzkampf zu überleben. Dabei behauptet die Kopierguerilla, sie verdiene ihr Geld ehrlicher als ihre Vorbilder. Schließlich hätten die großen Markenunternehmen der Welt im Zuge des chinesischen Wirtschaftsbooms Träume geweckt, die sich nur wenige leisten könne. Erst durch Shanzhai-Produkte kämen die Massen in den Genuss von Coca Cola, iPhones und Louis-Vuitton-Taschen – oder wenigstens von etwas, das so ähnlich aussieht. Mit Herstellern von gefälschten Medikamenten oder gepanschter Babymilch wollen die Shanzhai-Jünger dagegen nichts zu tun haben. „Das entscheidende ist der Respekt vor den Originalen und den Menschen“, sagt Li Hu, ein Stimmenimitator aus Harbin, der bei der Gala die Stars der chinesischen Showbranche parodieren will, die zeitgleich bei CCTV auf der Bühne stehen. „Und sind wir nicht alle ein bisschen Shanzhai? Hat sich nicht jeder Mensch von unseren Eltern abgeguckt, wie man isst, läuft und spricht?“

So geben die Fälscher als Avantgarde. Imitation sei Evolution, lautet ihre Devise, doch wo diese hinführen wird, wissen auch sie noch nicht. Nächstes Jahr soll es jedenfalls keine Shanzhai-Gala mehr geben. „Dann wäre doch nur noch ein Abklatsch vom ersten Mal“, meint Shi, „Aber diesmal ist unsere Kopie ein Original.“

Frankfurter Rundschau, 23. Januar 2009

Bernhard Bartsch | 23. Januar 2009 um 16:20 Uhr

 

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