Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Sieben Tage Bitternis

Viele chinesische Eltern schicken ihre Kinder in den Sommerferien in Militärcamps. Sie sollen leiden lernen.

Die Ohrfeige erträgt der Knabe mit Fassung. Keuchend hat er sich über das Klettergerüst gequält, sein Camouflage-T-Shirt klebt ihm am Körper. Im Schatten sind dreißig Grad und hier in der Sonne noch mehr. „Nächstes Mal geht das schneller“, blafft ihn der Soldat an, haut ihm eine runter und wendet sich dem nächsten zu. Der Teenager stellt sich ohne Protest zu seinen Kameraden. Das ist der Ernst des Lebens. Deshalb sind sie hier.

Es sind Sommerferien in China, und Tausende Schüler verbringen einen Teil der Zeit im „Militärischen Jugendlager“. Die Anlage im Süden Pekings nennt sich „Chinesischer Weltraumstützpunkt“ und begrüßt Besucher mit einer von Raketenmodellen flankierten Toreinfahrt, die zu einer kleinen Kasernenanlage führt. Unter grünen Netzen sind in langen Reihen Mannschaftszelte aufgebaut, daneben beginnt ein Hindernisparcours. „Ihr seid hier, um Disziplin zu lernen“, schreit ein Soldat eine Gruppe Neuankömmlinge an, die in drei Reihen vor ihm strammstehen, so gut sie können. Die Jüngsten sind acht, die ältesten achtzehn. Vielen steht der Schreck über die ruppige Begrüßung ins Gesicht geschrieben, einige kichern. „Niemand lacht, ich will hier keine Zähne sehen“, bellt der Soldat. „Und wehe, ich höre einen Mucks.“ Ein kleines Mädchen beginnt zu weinen. „Da müssen sie durch“, sagt ein Vater, der das Geschehen mit anderen Eltern verfolgt. „Kinder wachsen heute viel zu verwöhnt auf und wissen gar nicht mehr, was es bedeutet, Bitternis zu ertragen.“

Bitternis ertragen (auf Chinesisch „chi ku“ – wörtlich: „Bitternis essen“) ist in der Volksrepublik zu einer pädagogischen Obsession geworden. Eltern, Lehrer und Medien klagen gleichermaßen über die verweichlichte Jugend, die in Wohlstand aufwachse wie keine chinesische Generation vor ihr und die schweren Zeiten nur noch aus Erzählungen kenne. Dabei sehen die Chinesen gerade ihre Leidensfähigkeit als eine ihrer wertvollsten Charaktereigenschaften. Das chinesische Wirtschaftswunder gilt vielen als Resultat jahrzehntelanger Armut, die das Volk gestählt habe. Auch die Kommunistische Partei stützt ihre Legitimation auf die Erinnerung an Entbehrungen und Erniedrigungen. Viele Eltern halten es deshalb für notwendig, ihre Kinder den Ernst des Lebens erfahren zu lassen, und wo könnte man auf patriotischere Art leiden lernen als in der Armee?

Das militärische Sommercamp im „Chinesischen Weltraumstützpunkt“ ist eines von vielen im ganzen Land. Zwar ist das Raumfahrt-Ambiente nur Attrappe, doch Kinder, die für mindestens zehn Tage bleiben, verbringen einen Teil der Zeit in einer echten Kaserne der Volksbefreiungsarmee, fahren Panzer und schießen mit Gewehren. „Unser Konzept ist von Pädagogen und Psychologen erarbeitet worden“, wirbt Zhao Heshan von der Veranstalterfirma Shidai Chuanqi. Sein Büro ist in einem heruntergekommenen Gebäudekomplex im Pekinger Stadtteil Haidian. In dem engen Raum, haben gerade einmal vier kleine Schreibtische mit Sichtschutzwänden und zwei Sessel Platz. Auf den Arbeitsflächen stehen Pappbecher mit altem Tee und Zigarettenstummeln, unter einem der Tische schaut ein lebensgroßer Plastikschäferhund hervor. An den Wänden hängen Poster mit Bildern, auf denen das Camp deutlich eindrucksvoller aussieht als in Wirklichkeit. Die gleichen Fotos sind auch auf der Webseite, über die das Unternehmen die meisten Kunden gewinnt.

„Die Jugendlichen lernen bei uns Durchhaltevermögen und Selbständigkeit, und darüber hinaus entwickeln sie Verständnis und Respekt für unsere Soldaten“, sagt Zhao. Die Ausbilder seien von einer Abteilung der Militärpolizei abkommandiert und speziell für den Umgang mit Jugendlichen geschult worden. „Wir bringen ihnen bei, dass man Kinder nicht schlagen, anschreien, schikanieren oder bestrafen darf“, versichert Zhao. Von Ohrfeigen im Camp will er nichts wissen, doch der raue Ton sei Teil des Programms. „Die Kinder sollen es ja nicht so bequem haben wie zu Hause», argumentiert Zhao. Wie genau sein Unternehmen mit der Volksbefreiungsarmee zusammenarbeitet, will er nicht verraten. Offiziell darf das chinesische Militär keine kommerziellen Geschäfte betreiben, doch dass Zhao für die Kursgebühr keine Quittungen ausstellt, lässt darauf schließen, dass seine Firma im rechtlichen Graubereich agiert.

2180 Yuan (240 Euro) bezahlen Eltern, um ihr Kind für sieben Tage bei Zhao unterzubringen, viele buchen gleich mehrere Wochen. Die Familien kommen aus dem ganzen Land. „Auch viele Prominente schicken ihre Kinder zu uns“, sagt Zhao, „sogar der Urenkel von Mao Zedong war schon bei uns.“

Die meisten Kinder merken schnell, dass die Sache mit der Bitternis nicht metaphorisch gemeint ist. „Ich hatte mir etwas ganz anderes vorgestellt“, klagt ein Zehnjähriger. Aus dem Fernsehen kennt er westliche Pfadfindercamps, doch statt Lagerfeuerromantik ist Drill angesagt. Viele klagen über das schlechte Essen. Zum Mittagessen müssen sie in Zweierreihen in einen großen Saal marschieren. Das Essen wird auf Blechtellern verteilt, etwas eingelegter Rettich, ein wenig Gemüse, ein paar kleine Fleischstücke in öliger Sauce, ein Stück Wassermelone. Auf dem Tisch stehen eine Schale Reis, eine lauwarme Kohlsuppe und ein Teller mit drei Hefebällchen, die für zehn Kinder reichen sollen. Wer mehr haben will, kann zu einem Ausschank gehen, an dem das Küchenpersonal so lustlos steht, wie es gekocht hat. Nur wenige Kinder trauen sich, um einen Nachschlag zu bitten, denn der Weg zum Ausschank führt an den Ausbildern vorbei, die ihre Kommandantenrolle sichtlich genießen.

Einige Eltern, die ihre Kinder im Sommerlager zurücklassen, fragen sich , ob es mit der Bitternis nicht zu viel des Guten ist. Eine Mutter macht sich Sorgen, ob ihre Tochter auf der engen Pritsche wird schlafen können, zusammen mit zehn anderen Kindern und einem Betreuer in einem heißen, stickigen Zelt. „Vielleicht suchen wir für nächstes Jahr doch etwas anderes“, überlegt sie. Schließlich gibt es noch reichlich andere Sommerprogramme. Zum Beispiel „Rote Jugendreisen“ an die wichtigsten Stätten der kommunistischen Revolution.

Bernhard Bartsch | 08. August 2011 um 16:23 Uhr

 

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