Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Sichere Siege im 1+2+1-System

Sitzen die Hintermänner des Fußball-Wettskandals in China? Das ist noch nicht bewiesen, aber eine gute Wette ist es allemal.

Fußball ist für Zhang Jie ein Spiel der Wahrscheinlichkeiten. Genauso wie Basketball, Eishockey oder die Dutzenden anderen Sportarten, mit denen er täglich zu tun hat. Für viele Disziplinen kennt er nicht einmal die Regeln, und sie interessieren ihn auch nicht. Zhangs Welt sind die Zahlen, die sein Computer generiert: Wie wahrscheinlich ist es, dass Bayern München am kommenden Sonntag gegen Hannover 96 gewinnt? Oder dass die Bayern den ersten Freistoß erhalten? Oder die erste gelbe Karte? Oder beides? „Wir können für jede Spielsituation eine Wette anbieten“, sagt Zhang. „Aber bevor ich mehr erkläre, richten sie bitte erst ein Konto bei uns ein.“

Zhang Jie ist Agent der Internetwettplattform 888Crown.com. Wer genau hinter dem Forum steckt, ist ebenso dubios wie Zhangs wahre Identität, die hinter einer Handynummer verborgen bleibt. Doch sicher ist, dass er einer von tausenden chinesischen Wettvermittlern ist, die Millionen- und womöglich sogar Milliardensummen auf den internationalen Markt für Sportwetten schleusen. Kein Wunder, dass die Ermittler davon ausgehen, dass es im größten europäischen Fußballskandal eine Verbindung nach Asien und insbesondere nach China geben könnte. Dort sind Spielmanipulationen seit Jahren ein offenes Geheimnis, und auch wenn die Verbindung bisher noch nicht bewiesen ist, so scheint sie angesichts der hohen Einsätze zumindest eine gute Wette zu sein.

Im Oktober hatte Chinas Vizepräsident Xi Jinping während eines Besuchs bei Bayer in Leverkusen, wo er als Geschenk ein T-Shirt der Werksmannschaft erhielt, eingestanden, dass die Korruption für Chinas Fußball ein ernstes Problem darstelle. Die grassierenden Spielmanipulationen gelten als Hauptgrund, warum das bevölkerungsreichste Land der Erde trotz seiner großen Fußballbegeisterung auf der Weltrangliste der Fifa nur auf Platz 102 liegt, direkt hinter den Kap-Verde-Inseln. Erst vergangenen Freitag hob die chinesische Polizei einen illegalen Wettring aus und verhaftete fünfzehn Verdächtige, darunter den Trainer des Zweitligisten Qingdao Hailifeng und mehrere Spieler.

Für zahlreiche chinesische Fußballklubs sind die Gelder aus Wettmanipulationen eine der wichtigsten Einnahmequellen, glaubt der Journalist Yang Ming, Autor des Enthüllungsbuchs „Schwarze Pfeife“. So wie Fußballtrainer setzen auch die Manipulatoren auf unterschiedliche Aufstellungen. Mit „einem Mann“ zu spielen bedeutet, den Schiedsrichter zu bestechen. Rund 10 000 Euro kostet es, um aus einem Unparteiischen einen Parteiischen zu machen. Doch da die Macht der Pfeife begrenzt ist, gilt die Konstellation „1+2“ als verlässlicher, womit in der Regel der Torwart und zwei Verteidiger gemeint sind.

Die sicherste Wette erhält man mit der Aufstellung „1+2+1“, bei der man neben dem Tormann und der Abwehr noch eine weitere Schlüsselposition besetzt, wahlweise den Spielmacher, den Stürmer, den Trainer oder einen Spieler des anderen Teams. 60 000 Euro muss man dafür investieren. Der damit zu erzielende Gewinn dürfte den Einsatz um ein Vielfaches übersteigen.

Welche Summen durch die Hände der chinesischen Buchmacher gehen, lässt sich nur schwer abschätzen. Die Spekulationen liegen allgemein im ein- bis zweistelligen Milliarden-Euro-Bereich und beruhen auf Fällen wie dem des Untergrundwettpaten Qian Baochun. Der 41-Jährige soll rund 660 Millionen Euro mit Fußballwetten im Internet umgesetzt haben, insbesondere während der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland 2006. Anfang des Jahres wurden Qian mit 18 Komplizen zu einer langen Haftstrafe verurteilt.

Denn Wett- und Glücksspiele sind in China illegal. Dabei haben sie eine lange Tradition, vom Mah-Jongg-Spiel bis zum Grillenkampf. Doch als die Kommunisten 1949 die Volksrepublik gründeten, de- kretierten sie, dass das sozialistische Paradies auf ehrlicher Arbeit aufgebaut sein solle, nicht auf glücklichem Kapitaleinsatz. Zwar rückte die Regierung in den Achtzigern von ihren marxistischen Maximalforderungen ab und gründete im Zuge der Marktwirtschaftsreformen auch zwei staatliche Lotterien.

Die vom Ministerium für Zivile Angelegenheiten sowie der Allgemeinen Sportverwaltung betriebenen Losbuden setzen im Jahr über vier Milliarden Euro um und zeigen, wie groß die Bereitschaft der Chinesen ist, ihr Geld gelegentlich dem Zufall zu überlassen.

Doch diese Ausnahmen dienen der Bestätigung der Regel – und der Bereicherung der verantwortlichen Beamten, wie der chinesische Rechnungshof bereits mehrfach feststellte.

Trotzdem hat sich das Wettgeschäft inzwischen im Internet seine eigenen Plattformen geschaffen. Tausende Webseiten bieten dort Sportwetten an. Gestaltet sind sie nach dem Muster internationaler Vorbilder, bei denen man sich ein Wettguthaben einrichten und dann online auf hunderte Sportereignisse in China und aller Welt setzen kann. Auch Live-Wetten während des Spiels sind möglich, etwa auf den Halbzeitstand oder die Zahl der Ecken.

Allerdings handelt es sich bei den meisten Internetseiten um die Angebote von chinesischen Vermittlern, die mit internationalen Buchhaltern kooperieren. So wie Zhang Jie. „Weil Wetten in China offiziell verboten sind, ist unsere Hauptseite 888Crown.com seit einiger Zeit gesperrt“, sagt er am Telefon. „Über unsere Webseite kann man die Angebote aber immer noch in Anspruch nehmen.“

88756.com heißt Zhangs Spiegelseite, und sollte sie ebenfalls blockiert werden, hat er schon Ausweichadressen parat. Die Wettkonten – Mindesteinsatz 200 Euro – bleiben in jedem Fall gültig, behauptet er. Das Geld läuft über Konten bei großen staatlichen Geldhäusern wie der Bank of China. Wer dem Onlinebroker nicht vertraut, kann ihn auch persönlich treffen. „Die meisten meiner Kunden kenne ich direkt“, sagt Zhang. Einige haben bei ihm sogar eine Kreditlinie. „Jeder weiß, dass ich Möglichkeiten habe, mein Geld zurückzufordern, wenn jemand mich betrügen will“, spielt er auf seine Kontakte in der Unterwelt an.

Doch auch in der Polizei und in anderen Behörden muss die chinesische Wettmafia über beste Kontakte verfügen. Schließlich macht sie aus ihren Aktivitäten kein Geheimnis, sondern wirbt offen im Internet um Agenten. So bietet das Forum Wewbet.com, das offiziell von den Philippinen aus operiert, von dort aber eine chinesischsprachige Telefonhotline betreibt, sein Konzept als Franchising an.

Regionale Vermittler müssen einmalig einen Wetteinsatz von 300 000 Euro vorweisen und danach täglich mindestens 10 000 Euro umsetzen. Dafür bekommen sie die notwendige Software mit Anschluss an die umfangreichen Datenbanken, auf denen die Wahrscheinlichkeitsberechnungen beruhen. Am Gewinn werden sie je nach Umsatz mit fünf bis 15 Prozent beteiligt. Einige Buchmacher sollen an Wochenenden für ihre Kunden ganze Internetcafés mieten, damit sie ihre Wetten platzieren können, will der Blogger Wang Suixue beobachtet haben.

Denn Wetten macht süchtig, und die Szene sucht sich ihre Kunden in allen Gesellschaftsschichten. So flog vergangenes Jahr ein Wett-Netzwerk an chinesischen Mittelschulen auf. Hunderte Schüler setzten dort per SMS auf Fußball- und Basketballspiele. Der Geldverkehr lief über mehrere Schüler, die dafür von den Hintermännern eine Kommission erhalten. Bekannt wurden die illegalen Transaktionen erst, als ein Schüler und seine Eltern nach Verlusten von mehreren hunderttausend Euro bei den Behörden Schutz vor den gewalttätigen Schuldeneintreibern suchten.

Bernhard Bartsch | 25. November 2009 um 05:15 Uhr

 

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