Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Sexistischer Ritterschlag

Nichts für Alice Schwarzer: Wie Frauen in China zum Mann werden können.

Vor ein paar Tagen erhielt ich eine Einladung zum 70.Geburtstag von „Herrn Dai Qing“. Ich habe mich gefreut – und gewundert. Denn bisher kannte ich Dai Qing nur als Frau.

Dai Qing ist Chinas bekannteste kritische Intellektuelle. Als Adoptivtochter des einflussreichen Generals und späteren Staatsoberhaupts Ye Jianying wuchs sie im Kreis der Nomenklatura auf. Doch statt den Weg des geringsten Widerstands und sicheren Erfolges zu wählen, wagte sie es, ihre eigene Meinung zu haben und sich gegen das System zu stellen. In den 80ern wurde sie Chinas erste Umweltaktivistin und machte gegen den Drei-Schluchten-Staudamm mobil (Ihre damaligen Befürchtungen sind inzwischen alle Realität geworden). Dass die Tiananmen-Demonstranten Dai Qing zu ihrer Heldin kürten, brachte ihr zehn Monate Haft und ein Veröffentlichungsverbot ein. Seitdem erscheinen ihre aufrüttelnden Texte nur noch im Ausland oder im Internet. Als die Frankfurter Buchmesse sie 2009 auf Druck aus Peking von einer Podiumsdiskussion auslud, reiste sie auf eigene Kosten an und löste damit eine weltweite Debatte darüber aus, wie viel Duckmäuserei vor Chinas Kommunistischer Partei sich der Westen leisten darf.

Die ganze Zeit war Dai Qing eine Frau. Doch nun steht auf der Einladung in schwungvoller Kalligrafie „Dai Qing Xiansheng“. Das chinesische Wörterbuch kennt dafür keine andere Übersetzung als „Herr Dai Qing“. Hat sie sich auf die alten Tage etwa …? Nein, Dai Qing hat sich keiner Geschlechtsumwandlung unterzogen, klärte mich eine chinesische Freundin auf. Es sei im Chinesischen üblich, große und verdiente Frauen ehrfurchtsvoll „Herr“ zu nennen. Es ist eine Art sexistischer Ritterschlag: Die Frau wird in den Stand eines Mannes erhoben.

Es versteht sich von selbst, dass Frauen sich nicht selbst adeln können. Die Einladung zu Dai Qings Geburtstag stammt von einem bekannten Menschenrechtsanwalt, der die Feier in einem Pekinger Teehaus für sie ausrichtet und der Jubilarin mit der Bezeichnung „Herr“ schon vorab die größtmögliche Ehre erweist. Nur sehr wenige Frauen erhalten diesen Titel, und ausschließlich Intellektuelle, die sich den „Männern der Schrift“ als ebenbürtig erwiesen haben. Politikerinnen oder Managerinnen können noch so erfolgreich sein – sie bleiben immer nur die „Frau“ oder „Genossin“.

Noch Fragen zum Stand der Emanzipation in China? Mir drängt sich vorerst allerdings eine ganz andere Frage auf: Was schenkt man einem weiblichen Herrn zum Geburtstag – Blumen oder Rotwein?

Bernhard Bartsch | 17. August 2011 um 03:56 Uhr

 

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