Bernhard Bartsch

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Seltene Erden – jetzt noch seltener

Die Welt braucht sie, China hat sie: Seltene Erden, benötigt für den Bau von Smartphones, Elektromotoren oder Windrädern. Nun drosselt Peking die Produktion.

Was wäre wohl los, wenn die Opec-Staaten morgen bekannt gäben, dass sie die Ölförderung für einen Monat aussetzen, um damit den Preis in die Höhe zu treiben? Die Folgen wären wohl kaum weniger dramatisch als die der beiden Ölkrisen in den 1970er Jahren, welche die Industriestaaten in die Rezession drückten und die Angst ums Öl zur globalen Dauersorge machten. Zu den langfristigen Auswirkungen gehörten ein Umdenken in der Stromwirtschaft, aber auch ressourcenmotivierte Kriege.

Ganz ähnlich ist die Politik, die China derzeit bei den Seltenen Erden verfolgt, einem Rohstoff, der fast ausschließlich in der Volksrepublik gefördert wird und für die Hightech-Industrie eine vergleichbar zentrale Rolle spielt wie das Öl für die Weltwirtschaft. Der weltgrößte Produzent, der Staatsbetrieb „Inner Mongolia Baotou Steel Rare-Earth Hi-Tech Corp.“, kurz Baotou, hat am Mittwoch die Förderung für einen Monat eingestellt. Damit soll der Preis gestützt werden, der in den letzten drei Monaten um fast 20 Prozent fiel, nachdem er im Vorjahr um 130 Prozent gestiegen war.

Die Seltenen Erden, die unter anderem für die Produktion von Smartphones, Elektromotoren oder Windrädern benötigt werden, sind seit Jahren ein Konfliktthema zwischen China und den westlichen Industrienationen. Die USA, Deutschland und Japan werfen China vor, mit der künstlichen Verknappung gegen die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) zu verstoßen. Die Volksrepublik behauptet dagegen, nur ihre „natürlichen Interessen zu schützen.“ Ökonomen der Royal Bank of Scotland (RBS) sind überzeugt, dass die Produktionsunterbrechung sich schnell auf die Preise auswirken wird. Immerhin hat Baotou einen Weltmarktanteil von 47 Prozent. Ein einmonatiger Förderstopp führe dazu, dass 5000 Tonnen weniger zur Verfügung stehen.

Mehr als 95 Prozent der weltweit verwendeten Seltenerdmetalle stammen aus der Volksrepublik, und lange Zeit war der Preis der chinesischen Exporte so billig, dass andere Länder ihre Förderung sogar ganz einstellten. Doch dann erkannten die Chinesen, welche Marktmacht mit ihrem Beinahe-Monopol einhergeht und begannen, die Exporte zu beschränken. Mit der folgenden Preisexplosion verdient China viel Geld. Hatte der weltweite Markt für Seltenerdmetalle 2008 noch ein Volumen von 2,4 Milliarden Euro, so sind es dieses Jahr 27 Milliarden. Auch zu politischen Zwecken setzte Peking seine raren Rohstoffe ein. Als die japanische Küstenwache vergangenes Jahr ein chinesisches Fischerboot festsetzte, das nahe einer umstrittenen Inselgruppe angeblich in japanisches Gewässer eingedrungen war, stoppte China kurzerhand die Lieferung von Seltenerdmetallen. Auf Druck der japanischen Wirtschaft wurden das Boot und seine Besatzung schließlich an China zurückgegeben. Doch je mehr China von dem Druckpotenzial Gebrauch macht, umso intensiver wird auch andernorts wieder nach Abbaumöglichkeiten gesucht.

So geht es etwa bei der vergangene Woche von Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Mongolei unterzeichneten Rohstoffpartnerschaft auch um die Versorgung mit Seltenen Erden. Auch in anderen Ländern wird gesucht: Siemens beteiligte sich kürzlich an einer Mine in Australien. Japanische Unternehmen orientieren sich nach Indien und Kasachstan. Allerdings müssen all diese Vorkommen noch erschlossen werden. Bis dahin ist die Weltindustrie weiterhin auf China angewiesen. Vor allem für mittelständische Unternehmen wird das allmählich kritisch. Hightech-Firmen, die auf größere Mengen Seltener Erden angewiesen seien, aber sich bisher nicht eingedeckt haben, könnten die Preisanstiege womöglich nicht überleben.

Bernhard Bartsch | 19. Oktober 2011 um 12:37 Uhr

 

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