Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Schneller als die Japaner

Chinas Autohersteller wollen sich aus dem Schatten der internationalen Konkurrenz lösen. Ausgerechnet beim Thema Umwelt könnten sie Wettbewerbsvorteile haben.

Die Messelounge, in der die Manager des chinesischen Fahrzeugherstellers BYD auf der Shanghai Auto Show ihre Gäste empfangen, hat den Namen „Lounge“ kaum verdient. Statt der modischen Designermöbel und kalten Buffets, mit denen Volkswagen und Co. ihre Besucher zu beeindrucken versuchen, sitzt man bei BYD auf unbequemen Bürosesseln und trinkt Wasser aus Pappbechern. Trotzdem herrscht bei dem Unternehmen aus Shenzhen mehr Andrang als bei den namhaften internationalen Konkurrenten. „BYD ist auf dieser Messe der Star“, sagt der Vertreter eines großen deutschen Autozulieferers. „Alle versuchen mit denen ins Geschäft kommen.“

Von den rund zwei dutzend chinesischen Unternehmen, die in Shanghai eigene Autos präsentieren, scheint die Branche BYD derzeit die größte Chance einzuräumen, zu einem Fahrzeughersteller von Weltrang zu werden. Dabei war der sechs Jahre junge Konzern, hinter dessen Namen sich der Slogan „Build your dreams“ verbirgt, ursprünglich in einer ganz anderen Industrie zuhause: dem Batteriengeschäft. Doch schon bald kündigte BYD an, mit seinem Knowhow in die Entwicklung Elektroautos zu expandieren. Vergangenen Dezember nahm das Unternehmen sein erstes Elektroauto mit der schmucklosen Bezeichnung F3 in Serienproduktion. Die Reichweite gibt das Unternehmen mit 100 Kilometer an. Wer weiter fährt, kann einen Verbrennungsmotor zuschalten, der einerseits das Auto antreibt und andererseits die Batterie wieder auflädt. „In der Stadt reicht normalerweise eine Ladung für einen ganzen Tag“, sagt Lin. In der heimischen Garage können sie das Fahrzeug dann an einer üblichen Steckdose über Nacht wieder aufladen. 2000 Mal Zyklen mache die Batterie das mit, bevor ihre Leistung auf 80 Prozent sinke, sagt Unternehmenssprecher Paul Lin. „Die ersten 200 Autos werden Ende April an die Shenzhener Stadtverwaltung geliefert, die mittelfristig ihre ganze Flotte auf Elektrofahrzeuge umstellen will“, erklärt Lin. „Ende 2009 beginnen wir dann mit dem Export nach Europa und in die USA.“

Zwar müssen die Shenzhener ihren Worten erst noch Taten folgen lassen. Doch im Gegensatz zu vielen anderen chinesischen Unternehmen wird BYD von der internationalen Konkurrenz schwer ernst genommen. Denn während die chinesischen Hersteller bei herkömmlichen Technologien weit abgeschlagen sind, können sie bei neuen Ansätzen schneller vorne mitspielen – zumal viele internationale Großkonzerne selbst erst seit kurzem ernsthaft an Elektroantrieben forschen. Außerdem hat BYD einen mächtigen Großkunden in der Hinterhand: Chinas Regierung hat die Entwicklung von Elektrofahrzeugen zu einem Schlüsselprojekt erklärt, unter der Aufsicht von Wissenschaftsminister Wan Gang, einem ehemaligen Entwickler bei Audi in Ingolstadt. Ziel ist es, bis 2010 eine Produktionskapazität von 500.000 dieser umweltfreundlicher Autos aufzubauen. „Wir haben Lieferabkommen mit 13 Stadtregierungen“, sagt Lin. „Auch einige Staatsunternehmen wollen ihre Fuhrparks mit Elektroautos bestücken.“ Den Ritterschlag des Vertrauens für sein Konzept erhielt BYD vergagnenes Jahr von US-Investorenlegende Warren Buffet, der für 230 Millionen Euro einen Zehn-Prozent-Anteil übernahm. Seitdem stehen zahlreiche Autohersteller in Shenzhen Schlange, um mit BYD zu kooperieren. Unter anderem haben sich Volkswagen und Daimler öffentlich zu ihrem Interesse bekannt, andere verhandeln lieber heimlich.

Und BYD ist nicht der einzige chinesische Hersteller, der von dem staatlich geförderten Elektroautoboom profitieren will. Mehr als zehn Unternehmen stellen in Shanghai Prototypen vor, die mit Strom oder Hybridantrieb fahren. Ihre Namen hat im Westen noch kaum einer gehört: Sie heißen Geely oder Chery, Changfeng oder Dongfeng, Lifan oder Zotye, Great Wall oder JAC. Doch dass ihre Strategie durchaus Aussicht auf Erfolg habe, bestätigte ihnen in Shanghai der Vorstandschef einer Branchenprominenz. „Die Entwicklung von Elektroautos ist bei diesem Heimatmarkt und diesem Potential keine dumme Strategie“, erklärte Daimler-Chef Dieter Zetsche. Er könne sich durchaus vorstellen, dass einige chinesische Hersteller „einen ähnlichen Weg gehen wie die japanischen und koreanischen Hersteller, nur wird die Entwicklung viel schneller sein.“

Bernhard Bartsch | 25. April 2009 um 03:21 Uhr

 

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