Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Schluss mit Sonnenschein

Nordkoreas Regime geht auf Konfrontationskurs und heizt damit die Spekulationen über seinen Zerfall weiter an.

Nordkoreas jüngste Botschaft an die Außenwelt klingt wieder einmal schauerlich grotesk: Die Grenze zum Süden soll ab sofort scharf kontrolliert und zum 1. Dezember vollständig geschlossen werden. Als sie sie bisher offen und unbewacht gewesen. Die wenigen Schranken an der Demarkationslinie am 38. Breitengrad, an der nordkoreanische Truppen der geballten US-Militärmacht gegenüberstehen, öffnen sich seit jeher nur äußerst selten und ausschließlich für Verkehr aus Richtung Süden. Hilfslieferungen, Touristen, Investoren und andere Devisenbringer ließ Nordkorea gerne hinein, aber selbst niemand hinaus. Wem also droht das Land, wenn es seine lukrativen Gäste aussperrt?

Dass die Südkoreaner und mit ihnen der Rest der Welt sich trotzdem Sorgen machen, liegt natürlich daran, dass Pjöngjang bei allen Bewegungen sichtbar seine Atomwaffen schwenkt, deren Einsatz mit jeder Verschlechterung der Beziehungen möglicher erscheint. Und eine Verschlechterung der Beziehungen scheint derzeit der innigste Wunsch Nordkoreas zu sein. Obwohl das Regime im Oktober mit der Streichung von Washingtons Terrorliste einen großen außenpolitischen Erfolg verbuchen konnte, obwohl unter Barack Obama ein Angriff der USA so unwahrscheinlich ist wie seit Jahrzehnten nicht mehr, obwohl im Fall einer Öffnung üppige Hilfslieferungen winken, strebt das Regime offensichtlich zurück in die Isolation.

Der Vorwurf, Südkorea verfolge unter seinem neuen Präsidenten Lee Myung-bak eine „feindliche Politik“, dürfte dabei nur ein Vorwand sein. Zwar schlägt der konservative Lee tatsächlich etwas schärfere Töne an als seine Vorgänger Kim Dae-jung und Roh Moo-hyun, die Architekten der versöhnlichen Sonnenscheinpolitik. Inhaltlich hat sich an Seouls Annäherungskurs aber so gut wie nichts geändert.

Nordkoreas neuerliche Abschottung mag grotesk erscheinen wie seine Auslands-PR. Doch die Welt sollte davon ausgehen, dass die Herrscher in Pjöngjang auch diesmal mit eiskalter Rationalität und Zielstrebigkeit vorgehen. Die Maxime ihres Handelns ist schließlich nicht das Wohlergehen des nordkoreanischen Volkes, sondern ihr eigener Machterhalt.

Weil Nordkorea westliche Hilfslieferungen verweigert, droht diesen Winter eine „akute Lebensmittel- und Existenzkrise“ oder sogar ein „humanitärer Notfall“, warnt das World Food Program der Vereinten Nation. Bei Nordkoreas letzter Hungersnot Mitte der 90er Jahre wusste die Regierung sich schließlich keinen anderen Ausweg, als das Ausland um Hilfe zu bitten.

Wenn sie diesmal anders agiert, könnte dies ein Zeichen dafür sein, dass sich auch in den Machtstrukturen etwas Grundlegendes geändert hat. Ob dies mit einer Krankheit oder dem Tod von Kim Jong-il zu tun hat, wie seit Monaten kolportiert wird, bleibt reine Spekulation. Dagegen liegt man aber mit der Vermutung richtig, dass die Not des nordkoreanischen Volkes so groß ist wie lange nicht mehr. Dass sein Schicksal in der Welt weniger Aufmerksamkeit bekommt als das seines Tyrannen, liegt daran, dass die Grenzen schon lange dicht sind. Über das Nordkorea hinter der bizarren Fassade dringt nichts an die Außenwelt. Und wenig Sonnenschein schafft es nach Nordkorea hinein.

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Bernhard Bartsch | 13. November 2008 um 04:09 Uhr

 

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