Bernhard Bartsch

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Schlechtes Karma

Vor den Jahrestagen der Tibeteraufstände von 1959 und 2008 versuchen Chinas Sicherheitskräfte neue Unruhen zu verhindern. Doch ihre rabiaten Maßnahmen schüren den Unmut nur weiter.

Kloster_RebkongIn der tibetischen Klosterstadt Rebkong macht Chinas Volksbefreiungsarmee aus ihrer Präsenz kein Geheimnis. Truppen marschieren in Camouflage-Uniform die Hauptstraße entlang und absolvieren auf öffentlichen Parkplätzen Drillübungen. Das offene Kasernentor gibt den Blick frei auf gepanzerte Einsatzwagen. Mehrere Hotels seien mit Soldaten gefüllt, berichtet ein Stadtbewohner hinter vorgehaltener Hand, darunter auch das einzige, das bis vor kurzem noch ausländische Touristen beherbergen durfte. Der Strom der Pilger, der auf dem Rundweg um das Heiligtum die Gebetsmühlen anschiebt, sei dünner als früher.

Wie in Rebkong (Chinesisch: Tongren) in der großteils von Tibetern bewohnten Provinz Qinghai, demonstrieren Pekings Sicherheitskräfte derzeit in allen Hochburgen der Mönchsaufstände vom vergangenen März ihre Einsatzbereitschaft. Das staatliche Gewaltpotential soll protestwillige Tibeter einschüchtern, doch der Aufmarsch beweist auch, wie sehr die Regierung neue Unruhen fürchtet. Denn neben dem ersten Jahrestag des sogenannten „Ausbruchs von Unordnung vom 14.3.“ steht ein weiteres heikles Jubiläum an: Am 10. März 1959 begehrten in Lhasa zehntausende Tibeter gegen die kommunistische Obrigkeit auf. Die Revolte endete mit einem Blutbad und der Flucht des Dalai Lama nach Indien.

Wurde die Regierung vergangenes Jahr von den Tibeterprotesten, die im Vorfeld der Olympischen Spiele weltweit Solidaritätskundgebungen hervorriefen, überrumpelt, so will sie nun jedes Aufkeimen sozialer Spannungen verhindern. Neben scharfen Sicherheitsvorkehrungen setzt sie dafür auf politische Erziehung, Propagandakampagnen und Reiseeinschränkungen.

So mussten Klöster in den vergangenen Wochen Belehrungen über eine neue „Sicherheitsklausel“ im Gesetz zur Religionsausübung abhalten. Mönche seien nun ausdrücklich verpflichtet, „die soziale Sicherheit zu wahren, die sozialistischen Gesetze und Zustände zu verteidigen und die grundlegenden Interessen des Volkes sicherzustellen“, meldete die Nachrichtenagentur Xinhua. Verboten seien „separatistische Aktivitäten gegen das Mutterland oder die Teilnahme an illegalen Protesten, die öffentliche Störungen verursachen könnten.“

Da Peking überzeugt ist, dass die Unzufriedenheit der Tibeter vor allem vom Ausland geschürt wird, werden alle internationalen Kontakte minimiert. Weite Teile der tibetischen Gebiete sind derzeit für Ausländer gesperrt. Reisebüros berichten, dass sie bis auf Weiteres nur Touren für Chinesen anbieten dürfen. Auch Mitarbeiter internationaler Entwicklungshilfeorganisationen berichten über drastische Einschränkungen ihrer Arbeit. Außerdem erhalten Tibeter seit vergangenem Jahr keine Reisepässe mehr. „Neuanträge und Verlängerungen werden grundsätzlich abgelehnt“, sagt ein betroffener Tibeter in Qinghai. „Keiner sagt uns den Grund, aber es ist klar, dass damit Kontakte zur Exilregierung verhindert werden sollen.“ Auch innerhalb Chinas ist die Bewegungsfreiheit eingeschränkt. „Wir Mönche dürfen derzeit unseren Landkreis nicht verlassen“, sagt ein Klosterbruder. Fahrer von Überlandbussen seien angewiesen, Mönche nicht mitzunehmen.

Chinas Regierung bemüht sich derweil, ein harmonischeres Bild der Situation zu zeichnen. Zum Beginn des traditionellen tibetischen Neujahrsfest vergangene Woche wurde die Bevölkerung in Lhasa offiziell zum feiern aufgefordert. Das Staatsfernsehen zeigte Aufnahmen von Feuerwerk und glücklichen Familien. Abseits der Propaganda gaben allerdings zahlreiche Tibeter an, diesmal nicht feiern zu wollen, so wie es beim Jahreswechsel nach dem Tod von Verwandten Brauch ist. Bei den Protesten im vergangenen Jahr kamen nach Pekinger Angaben 22 Menschen ums Leben. Exiltibetische Kreise gehen von einer weitaus höheren Zahl aus.

Weitere Opfer im tibetisch-chinesischen Dauerkonflikt sind zu erwarten. Nach einem Bericht der Organisation Free Tibet Campaign setzte sich am Freitag in der Provinz Sichuan ein tibetischer Mönch in Brand, wobei er eine Tibetflagge und ein Bild des Dalai Lama trug. Weitere Details wurden nicht bekannt. Und auch im Kloster Rebkong ist die Opposition gegen Peking nicht gebrochen. Abseits der Hauptstraßen, auf denen das Militär patrouilliert, finden sich auch derzeit noch tibetische Graffiti mit dem Slogan „Freies Tibet“.

Bernhard Bartsch | 01. März 2009 um 05:09 Uhr

 

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