Bernhard Bartsch

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Schlagobers in Pjöngjang

Im Herzen der nordkoreanischen Hauptstadt gibt es jetzt ein Wiener Café – ein Zeichen, dass die Abschottung des Landes Risse bekommt.

Ein Cappuccino ist kein Politikum, jedenfalls an den meisten Orten der Welt. Doch der Milchschaumkaffee, der neuerdings an Pjöngjangs Kim-Il-Sung-Platz serviert wird, hat einen unverkennbar politischen Beigeschmack – und manche Gäste sagen, dass er gerade deshalb so gut schmeckt. Direkt am Aufmarschfeld im Herzen der nordkoreanischen Hauptstadt hat Ende Oktober ein Wiener Café eröffnet – ein Zeichen dafür, dass die Abschottung des erzkommunistischen Regimes allmählich Risse bekommt.

Ein symbolträchtigeres Gebäude hätte der österreichische Betreiber kaum finden können: das Museum für koreanische Geschichte, ein stalinistischer Repräsentierbau, auf dessen Dach ein zehn Meter hoher Soldat zum Angriff bläst. Dass man drinnen neben einem Crashkurs in koreanischer Revolutionsgeschichte auch „Wiener Kaffee mit Schlagobers“ bekommt, erkennt man von außen nur an einem unauffälligen Türschild mit der koreanischen Aufschrift „Café“. Erst dahinter sieht man das gelbe Emblem einer Kaffeekanne, auf der „Helmut Sachers Kaffee“ steht.

„Wir haben dreißig bis vierzig Gäste am Tag“, erklärt die junge Kellnerin. „Die meisten sind Diplomaten und andere Ausländer, die hier leben.“ Sie trägt einen schwarzen Hosenanzug und wie die meisten Nordkoreaner ist sie im Gespräch mit Fremden kurz angebunden. An einem der elf Tische sitzt ein Paar und betrachtet den Raum, eine eigenwillige Mischung aus österreichischer Gemütlichkeit und nordkoreanischer Trostlosigkeit. Von den hohen, stuckverzierten Decken hängen zwei Ventilatoren mit bunten Lampen, die Wände sind halbhoch mit Holz vertäfelt, rosafarbene Lamellen verhängen die Fenster. Ein großer Flachbildschirm zeigt österreichische Landschaften, im Hintergrund läuft Walzermusik.

Hinter dem Tresen stehen teure Kaffeeautomaten und in einer Vitrine liegen Kuchenschnitten aus: Apfeltorte, Kirsch-Streusel, Mohn-Walnuss-Vanille. In Wien könnte man damit keine Konditorwettbewerbe gewinnen, in Pjöngjang schon. Der Kaffee, das Geschirr und selbst die Zuckerbeutel sind aus Österreich importiert. Zwei Euro kostet ein Cappuccino, bezahlt wird in Devisen. Euro, chinesische Yuan und selbst US-Dollar sind den Koreanern lieber als ihr eigenes Geld. Auf dem Schwarzmarkt muss man für zwei Euro etwa 5 000 koreanische Won bezahlen. Das entspricht in etwa dem Monatslohn, den ein nordkoreanischer Durchschnittsbürger neben den staatlichen Zuteilungen an Lebensmitteln, Kleidung und anderen Notwendigkeiten gezahlt bekommt.

Der Mann, dessen Namen das Café trägt, lebt in Oeynhausen bei Wien. „Wir sind offenbar auf exotische Exportmärkte gepachtet“, erklärt Helmut Sachers, Inhaber einer traditionsreichen familienbetriebenen Kaffeerösterei, die heute in 25 Länder exportiert. „Auch in der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator gibt es ein Café Sachers.“ Betrieben werden die Cafés allerdings nicht von Sachers selbst, sondern von Importeuren. Die Dependance in Pjöngjang war die Idee des Wiener Unternehmers Helmut Brammen. „2009 hat er mir erzählt, dass er in sehr ungewöhnlichen Destinationen Geschäfte macht“, sagt Sachers. Zwei Jahre hätten die Verhandlungen gedauert, bevor Sachers und Brammen im März zusammen mit einem österreichischen Bäckermeister nach Nordkorea geflogen seien, um das Personal anzulernen. Sehr gelehrige Männer und Frauen habe er dort getroffen, sagt Sachers. Österreichs Kaffeehauskultur hätten sie aufgesaugt „wie ein nasser Schwamm“.

„Dass in Pjöngjang ein Wiener Café aufmachen kann, zeigt, dass in Nordkorea unter der verkrusteten Oberfläche mehr Bewegung ist, als man von außen erahnt“, sagt ein europäischer Diplomat. „Normale Nordkoreaner kommen hier natürlich nicht hin, aber die Eliten wissen immer besser, wie das Leben außerhalb ihres Landes ist, und wollen davon auch zu Hause etwas mitbekommen.“

Das Wiener Café ist nicht das erste internationale Etablissement in der Stadt. 2009 eröffnete ein Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens eine Pizzeria, bereits die zweite in Pjöngjang, aber die erste mit ausländischer Beteiligung. Die von Schweizer Adventisten geführte Hilfsorganisation Adra eröffnete vor einigen Jahren ein Schweizer Café, in dem Nordkoreaner unter anderem Käsefondue essen können. Darüber hinaus gibt es mehrere Läden mit exklusiven Importwaren. Im „Pyongyang Shop“, wo vor allem die gut hundert Angehörigen internationaler Botschaften und Hilfsorganisationen einkaufen, finden Kunden italienische Pasta, deutsche Marmelade, Schweizer Schokolade und ein großes Angebot an Wein und Whisky. „Wer Geld hat, kann in Nordkorea fast alles finden, was er sich wünscht“, sagt der Diplomat. „Dass zu den Kunden immer mehr Nordkoreaner gehören, ist natürlich bezeichnend.“ Obwohl das kommunistische Land sich gleiche Einkommen für alle auf die Fahnen schreibt, sind die realen Wohlstandsunterschiede krasser als in den meisten kapitalistischen Staaten.

Auch vor dem Wiener Café am Kim-Il-Sung-Platz ist die Kluft unübersehbar. Schulklassen proben in der Kälte für die Feierlichkeiten, mit denen im April 2012 der 100. Geburtstag des Staatsgründers begangen werden soll. Eine gigantische Massengymnastikschau mit Hunderttausenden Teilnehmern soll dann die Einheit des koreanischen Volkes beschwören. Auf Kommando schlagen die Kinder Rad und machen Flickflacks, eine Schülerkapelle übt Marschmusik. Auf der anderen Straßenseite hat eine zum Baudienst abgestellte Armeeeinheit ihre Zelte aufgeschlagen. Auf den Büschen ist Kleidung zum Trocknen ausgelegt, an langen Leinen hängen Kohlblätter, die der Mannschaftskoch später einlegen will, um Kimchi zu machen, das koreanische Nationalgericht.

Die jungen Soldaten sind fast alle kleinwüchsig – eine Folge der Hungersnot in den Neunzigern, die Millionen Nordkoreaner tötete und bei vielen Überlebenden bleibende Schäden hinterließ. „Die Versorgungssituation ist noch immer sehr schlecht, aber eine Katastrophe wie damals kann man sich heute kaum noch vorstellen“, sagt ein westlicher Entwicklungshelfer, der bei Helmut Sachers fast schon Stammkunde ist. „Das Land öffnet sich, und das ist nicht mehr umkehrbar.“

Bernhard Bartsch | 22. November 2011 um 03:59 Uhr

 

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