Bernhard Bartsch

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Schenken auf Chinesisch

Was tun mit ungewollten Geschenken? In China gibt es dafür eine eigene Industrie – und das Geschäft mit Gebrauchtpräsenten floriert.

Von China lernen heißt Pragmatismus lernen: Während hierzulande zur Weihnachtszeit viele Menschen mit der Frage ringen, was sie mit all den ungewollten Geschenken anfangen sollen, lösen die Chinesen das Problem mit einer eigenen Industrie. Hässliche, nutzlose oder doppelte Präsente gibt es in China nicht, nur billige und teure.

„Huishoudian“ – wörtlich: „Rückkaufladen“ – steht über tausenden chinesischen Geschäften, die Gaben zu Geld machen. Dabei handelt es sich nicht um gewöhnliche Secondhand-Händler, sondern um spezialisierte Betriebe, die nur vertreiben, was in der Volksrepublik gerne mitgebracht wird. „Die gängigsten Geschenke sind teure Zigaretten, Schnäpse oder Tees“, sagt Herr Li, Inhaber eines Gebrauchtgeschenk-Geschäfts im Zentrum von Peking. In den Regalen seines engen Verkaufsraums liegen auch Handys, Kameras und Laptops, daneben Packungen mit Raupenpilzen, einem traditionellen Potenzmittel. Beliebt sind auch Warengutscheine oder Rabattkarten großer Kaufhäuser und berühmter Modemarken, und in einem Schließschrank bewahrt Li Uhren, Schmuck und mehrere kleine Goldbarren auf. „Alles ist schon einmal mit freundlichen Worten überreicht worden“, erklärt der Händler, „und alle Beschenkten sind hinterher zu mir gelaufen, um dafür Bares zu erhalten.“

Doch nur die wenigsten Gaben dürften von Herzen gekommen sein. Hinter den meisten steckt nüchternes Kalkül. Denn um Chinas Wirtschafts- und Verwaltungssystem am Laufen zu halten, bedarf es eines stetigen Flusses großer und kleiner Geschenke. Da Umschläge mit Geldscheinen in vielen Situationen als zu plumpe und offensichtliche Bestechung gelten, werden die Gefälligkeiten diskret in Form von Zigarettenstangen oder Schnapsflaschen überreicht – in dem Bewusstsein, dass der Empfänger sie meist umgehend einhandeln wird.

Entsprechend finden sich die meisten „Huishoudian“ in der Nähe von Regierungsgebäuden oder in Wohnanlagen für Beamte. Vertraulichkeit gehört zum Konzept, weswegen die Öffnungszeiten lang sind, damit die Kunden im Schutz der Dunkelheit kommen können. Daneben blüht das Geschäft auch im Internet. Auf der chinesischen Google-Seite ergibt eine Suche nach dem Begriff Geschenkrückkauf über zwei Millionen Treffer, darunter gesponserte Links von landesweit agierenden Präsent-Recyclern, die auch Werbebanner auf großen Internetportalen schalten.

Dass Rückkauf und Korruption eng verknüpft sind, ist dabei kein Geheimnis. „Das Phänomen (des Geschenkrückkaufs) zeigt, dass der Kampf gegen Korruption eine langwierige, schwierige und komplizierte Aufgabe ist“, schrieb kürzlich eine Parteizeitung. Schon 2004 kamen Journalisten einem Beamten auf die Schliche, der Geschenke für über eine Million Yuan (112.000 Euro) eingetauscht hatte. Im selben Jahr starteten 31 Abgeordnete eine Initiative, um die Rückkaufläden zu verbieten. Das Wirtschaftsministerium kündigte daraufhin eine Untersuchung an, um herauszufinden, ob „die weit verbreitete Praxis des Geschenkrückkaufs den chinesischen Bedingungen angemessen ist“. Dass von dem Vorschlag seitdem nichts mehr zu hören war, dürfte als Signal gelten, dass die Industrie den Segen der Zentralregierung hat.

„Unsere Hochsaison ist vor und nach dem Frühlingsfest“, sagt Herr Li. Die traditionelle Neujahrsfeier hat in China einen ähnlichen Stellenwert wie Weihnachten in der westlichen Welt. „Der Umsatz schnellt auch immer dann in die Höhe, wenn in Peking wichtige politische Veranstaltungen wie der Volkskongress oder der Parteitag stattfinden.“ Dann schieben sich die Beamten untereinander Aufmerksamkeiten zu, um ihre Karrieren und Wunschprojekte abzusichern.

Dabei sind die Geschäftsbedingungen allgemein bekannt: Für Zigaretten bezahlen die Rückkäufer rund zwei Drittel des Ladenpreises, für Alkohol die Hälfte. „Wer 1000 Yuan verschenken will, muss also etwas aussuchen, das entsprechend teurer ist“, erklärt Herr Chen, ein anderer Rückkäufer. „In guten Monaten verdiene ich 30.000 bis 50.000 Yuan.“ Das entspricht 3400 bis 5600 Euro. Besonders gut laufen laut Chen Zigaretten der Marke Panda, dem legendären Lieblingshersteller von Deng Xiaoping, sowie Hochprozentiges aus der Traditionsbrennerei Maotai. Eine Flasche mit dreißigjährigem Schnaps, der in Kaufhäusern neu für die Glückszahl von 8888 Yuan verkauft wird, ist bei Chen mit prosaischen 7500 Yuan ausgeschrieben. „Wir sind Teil eines Kreislaufs“, sagt er. „Ein Teil der Geschenke wandert von uns zurück zu den Großhändlern und kommt von dort wieder auf den regulären Markt.“

Das größte Geschäftsrisiko für die Branche bestehe neben plötzlichen Preiseinbrüchen auf dem Primärmarkt vor allem darin, Fälschungen untergeschoben bekommt. „Es sind viele nachgemachte Zigarettenpackungen und Schnapsflaschen im Umlauf“, sagt Händler Li. Viele Kopien sind so gut gemacht, dass nicht einmal er sie auf Anhieb erkennt. Doch wenn er sie bemerkt, sagt er seinen Kunden rundheraus, dass der Schenker seine Gabe offenbar nicht teuer in einem vertrauenswürdigen Laden gekauft hat, sondern billig auf dem Graumarkt.

Manchmal ist ein Secondhand-Geschenk allerdings auch mehr wert als das Original: Kürzlich berichteten chinesische Medien von einer Frau, die in einem Rückkaufladen eine Flasche Schnaps für 200 Yuan (22 Euro) kaufte und zuhause im Karton einen Umschlag mit 5000 Yuan (560 Euro) fand. In China schaut man einem geschenkten Gaul eben am besten ganz genau ins Maul.

Bernhard Bartsch | 27. Dezember 2010 um 02:20 Uhr

 

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