Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Saison der Schicksalsingenieure

In China haben die Feierlichkeiten zum Jahr des Tigers begonnen. Es ist die Zeit der Glücksrituale.

Hier werden also die Rätsel des Universums gelöst: im 15. Stock eines schmucklosen Mietshochhauses in der südchinesischen Industriemetropole Guangzhou. Der Teppichboden ist fleckig, die Büromöbel sind abgestoßen, und die Fenster wurden schon lange nicht mehr geputzt. Die Zimmerpflanzen sind kurz vor dem Eingehen. Kein Wunder, dass Pei Weng sich lieber in einem Teehaus verabredet hätte. „Wir sind gemeinnützig und arbeiten nicht für Geld, sondern nur, um den Menschen zu helfen“, versucht der Mitfünfziger zu erklären, warum das Büro nicht zu dem Eindruck passt, den er eigentlich von sich und seiner Arbeit vermitteln will. „Seit 32 Generationen ist es die heilige Aufgabe unserer Familie, Chinas alte Wissenschaften zu bewahren“, sagt er.

„Großmeister“ steht als Berufsbezeichnung auf Peis Visitenkarte. Zur langen Liste seiner Ämter gehören der Vorsitz des Chinesischen I-Ging-Verbands, des Globalen Verbands für I-Ging-Kultur und des Globalen Feng-Shui-Verbands. Alle firmieren unter der gleichen Adresse. Wer nur die Internetauftritte kennt oder den wortgewandten Großmeister außerhalb seines Büros trifft, könnte tatsächlich denken, dass es sich bei den Verbänden um gewichtige Organisationen handelt. Denn Feng-Shui ist Chinas traditionelle Wissenschaft vom Wind und Wasser, die den Menschen helfen soll, sich in ihren Häusern im Einklang mit den Kräften der Natur einzurichten. Beim „I Ging“ (wörtlich: „Buch der Wandlungen“) handelt es sich um einen jahrtausendealten philosophischen Text, der auch als Orakelbuch gedeutet wird und mit dem viele Chinesen bis heute in die Zukunft zu blicken hoffen. Doch der Besuch macht deutlich, dass hinter den scheinbar gemeinnützigen Verbänden eine Firma steckt, die für Feng-Shui-gläubige Bauherren die Kraftfelder der Erde vermisst oder I-Ging-überzeugten Chinesen ihr Schicksal auslegt – gegen eine „Aufwandspauschale“, wie Pei es nennt.

Egal, was man von Pei und seinen Geschäften hält, „Aufwandspauschalen“ konnte er in den letzten Tagen jedenfalls viele kassieren, wie auch Tausende andere „Großmeister“, die in China ihre Dienste als Kenner traditioneller Wissenschaften anbieten. Denn am gestrigen 14. Februar haben die Chinesen ihr nach dem Mondkalender festgelegtes Neujahrsfest gefeiert. Viele versuchten vorher mit Hilfe von Feng-Shui-Meistern oder I-Ging-Auslegern gute Vorzeichen zu schaffen. „Wir helfen den Menschen, die Potenziale zu nutzen, die in ihrer Natur veranlagt sind“, erklärt Meister Ma, der sich als Taoist und I-Ging-Kenner bezeichnet. Traditionell glauben Chinesen nämlich, dass der Lauf des Schicksals nicht fest ist, sondern sich steuern lässt. Ihre Götter und Geister wandern nicht auf unergründlichen Pfaden, sondern gleichen eher Geschäftspartnern, mit denen man kooperieren kann. Je nach Aufwand kostet eine Götterbeschwichtigung bei Meister Ma monatlich bis zu 1000 Yuan (100 Euro).

Die Mehrheit der Chinesen ist allerdings mit weitaus geringerem finanziellem Aufwand ins neue Jahr gestartet, wenn auch nicht ohne Beachtung Dutzender Glücksregeln, die in China zum Neujahrsfest gehören wie im Westen der Tannenbaum zu Weihnachten. Am chinesischen Silvesterabend werden traditionell Teigtaschen gefüllt, und zwar unbedingt eine gerade Anzahl. Außerdem müssen in der Neujahrsnacht neue Unterwäsche und Socken getragen werden. Vor die Türen werden fünf Tage lang rote Laternen gehängt.

Landesweit feierten Menschen mit gewaltigem Feuerwerk den Jahreswechsel. Das soll böse Geister vertreiben und am besten so viel Rauch produzieren, dass noch bei Sonnenaufgang die Schwaden über den Städten hängen. „Nach der Böllerei zu urteilen, wird es ein gutes Jahr“, sagt ein Pekinger Feuerwerksverkäufer. Sehr große Bedeutung hat auch der zwölfjährige Tierzyklus: Nach dem Ochsenjahr kommen die Chinesen nun ins Tigerjahr. Für Menschen, die im Jahr des Tigers geboren sind, beginnen damit zwölf gefährliche Monate, denn das eigene Jahr ist nach traditionellem Glauben stets das schlimmste. Um Unglück von sich abzuwenden, sollten sie deshalb am Neujahrsmorgen zwischen sieben und neun Uhr etwas Rotes anziehen und fortan für den Rest des Jahres stets etwas Rotes am Leibe tragen.

Vor allem rote Unterhosen haben deshalb derzeit reißenden Absatz. Auch der Bewegungsradius der ersten Tage des Jahres ist streng geregelt. Weite Reisen sollten vermieden werden. Außerdem sollte man im ersten Monat nicht zum Friseur gehen, denn damit könnte man den Tod eines Verwandten bewirken. Am zweiten Tag des zweiten Mondmonats haben die Friseurläden dafür dann Hochbetrieb, weil an diesem Tag „der Drache den Kopf hebt“ – und damit auch die Menschen sich eine neue Frisur zulegen sollten. Häufig werden Neujahrsausflüge genutzt, um den Göttern konkrete Wünsche zu übermitteln. So besuchen Pekinger den Lingguang-Tempel, um dort eine Karriere zu erbitten, oder den Guanji-Tempel, wenn es Eheprobleme gibt. Im Fayuan-Tempel kann man sich Kinder wünschen und im Tempel des Weißen Turms Gesundheit – weswegen es nebenan reihenweise Apotheken gibt, die auch an Feiertagen öffnen.

Kaum einer weiß noch, woher diese Bräuche kommen, doch viele Chinesen beachten sie, zumindest am Jahresanfang. Und die professionellen Glücksingenieure sorgen dafür, dass die Bräuche aufrechterhalten werden. „Ich weiß, dass nicht alle Menschen uns ernst nehmen“, sagt Ma. Aber schon die Existenz der Branche sei ein Beweis dafür, dass sie den Menschen praktischen Nutzen bringe. „Bei mir bekommen sie die Gewissheit, dass ihr Schicksal in guten Händen ist“, sagt er.

Bernhard Bartsch | 14. Februar 2010 um 16:31 Uhr

 

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