Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Sag zum Abschied leise Airbus

Angela Merkel profiliert sich in China als Anwältin deutscher Wirtschaftsinteressen.

Im Ausland kommt die Deutsche Bahn scheinbar pünktlich. Jeden Tag werden in Leipzig 44 Waggons mit Autobauteilen beladen und auf die Reise in die 11 000 Kilometer entfernte nordchinesische Industriestadt Shenyang geschickt, um im BMW-Werk zu fertigen Fahrzeugen montiert zu werden. „Früher wurden die Komponenten per Schiff transportiert, was 46 Tage dauerte“, sagt Bahn-Chef Rüdiger Grube. „Mit dem Zug schaffen wir das jetzt in 23 Tagen.“ Es könnte aber noch viel schneller gehen, in 14 Tagen, aber dafür müssten die chinesischen Behörden die Züge schneller abfertigen und den bürokratischen Aufwand mit 14 unterschiedlichen Frachtbriefen vereinfachen. Ob man da nicht etwas machen könne, fragt Grube.

Der Bahn-Chef ist einer von acht deutschen Managern, die Chinas Premier Wen Jiabao ihre Sorgen vortragen. In Tianjin stellen sich Wen und Bundeskanzlerin Angela Merkel Wirtschaftsvertretern ihrer beiden Länder. „Gut, dass sie das ansprechen, dazu müssen wir uns wirklich Gedanken machen“, antwortet Wen Grube und wendet sich an seinen Minister für Entwicklung und Reformen, der prompt versichert, sich der Sache annehmen zu wollen. „Nächste Woche rufe ich ihn an und dann setzen wir uns zusammen“, strahlt Grube.

Es ist der zweite Tag von Merkels Chinareise, und die Kanzlerin präsentiert sich nach dem politischen Programm am Donnerstag am Freitag ganz als Anwältin deutscher Wirtschaftsinteressen. Sie fährt in einem von Siemens mitentwickelten Schnellzug und besichtigt den hundertsten in China gefertigten Airbus. Doch vor allem bemüht sie sich, den Problemen deutscher Unternehmen Gehör zu verschaffen. Einen nach dem anderen ruft sie die in einer langen Sesselreihe platzierten Manager auf, Wen und seinen Ministern ihre Beschwerden vorzutragen. Diplomaten sehen in dem bereits zum dritten Mal stattfindenden Forum ein Zeichen für das besondere Vertrauensverhältnis zwischen Wen und Merkel. Kein anderes Land hat eine vergleichbare Plattform.

Dabei wird deutlich, dass viele Unternehmen das Gefühl haben, auf dem chinesischen Markt systematisch benachteiligt und diskriminiert zu werden. Ulrich-Grillo, Rohstoff-Sprecher der deutschen Wirtschaft und designierter BDI-Chef, moniert Chinas Exportbeschränkungen für Seltene Erden und droht mit einer WTO-Klage, wenn China sein Regime nicht lockere. BASF-Chef Martin Brudermüller kritisiert Chinas Patentrecht und Fresenius-Chef Ulf Schneider das chinesische Lizenzverfahren, das ihn seit Jahren an der In­betriebnahme von zwei chinesischen Fabriken hindere. Einzig Peter Löscher, ­Siemens-Chef und Vorsitzender des Asien-Pazifik-Ausschusses der deutschen Wirtschaft, drückt sich um deutliche Worte, so dass ihm selbst Wen vorhält, er sei „sehr höflich“. Der Regierungschef verspricht faire Marktbedingungen, doch inwieweit diese umgesetzt werden, bleibt fraglich. Schließlich sind die Diskriminierungen ausländischer Unternehmen in vielen Branchen keineswegs zufällig, sondern sollen China ermöglichen, eigene Konkurrenten aufzubauen.

Ungleich weniger Klagen haben die chinesischen Unternehmer im Raum. Einer bittet um Hilfe beim Aufbau einer chinesischen Handelskammer in Deutschland, ein anderer um mehr Anerkennung für Investitionen aus der Volksrepublik. Gao Jifan, Chef des Solarmodulherstellers Trina, lobt Merkels Ankündigung, eine Antidumping-Klage europäischer Solarfirmen verhindern zu wollen. Doch Merkel trübt die Freude. „Die Kuh ist noch nicht vom Eis“, erklärt die Kanzlerin. Die Vorwürfe europäischer Solarfirmen, dass chinesische Konkurrenten von unfairen Subventionen profitieren, ließen sich nur entschärfen, wenn beide Seiten bereit seien, Transparenz zu schaffen.

Zum Abschluss ihrer sechsten China­reise besucht Merkel mit Wen das Airbus-Werk in Tianjin. Eine chinesische Leasingfirma hatte am Donnerstag 50 neue Maschinen im Wert von 3,5 Milliarden Euro bestellt. Es ist der größte Wirtschaftsvertrag, den die Kanzlerin von ihrer Reise mit nach Hause nehmen kann.

Mit dem Besuch bei Airbus endet für Merkel auch eine ihrer engsten politischen Arbeitsbeziehungen. Wen Jiabao, mit dem sie sieben Jahre lang das „deutsch-chinesische Sonderverhältnis“ aufgebaut hatte, von dem derzeit gesprochen wird, geht in den kommenden Monaten in den Ruhestand. In den vergangenen Tagen hatten sich beide öffentlich ihrer persönlichen Freundschaft versichert, was laut Diplomaten nicht nur eine diplomatische Floskel gewesen sei. Wen äußerte zum Abschied die Hoffnung, dass sich an den engen Beziehungen zwischen beiden Ländern nichts ändern werde: „Menschen gehen, aber Strukturen bleiben.“

Bernhard Bartsch | 01. September 2012 um 13:19 Uhr

 

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