Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Rummelplatz der Globalisierung

Am 1. Mai beginnt in Schanghai die größte Weltausstellung aller Zeiten. Sie ist ein Spiel nationale Klischees, Identitäten und Wunschbilder.

Bei den Rumänen übt ein Blasorchester, die Holländer arrangieren Keramikschafe. Japan simuliert einen Feueralarm, in Marokko werden Türen geschnitzt, pakistanische Teppichhändler packen ihre Waren aus. Die Kasachen probieren traditionelle Trachten an, die Österreicher putzen Fliesen und die Schweizer erklären chinesischen Kellnern, was ein Rösti ist. Die USA bekommen Besuch vom Schanghaier Bürgermeister und die Neuseeländer suchen fieberhaft nach einem neuen „L“ für ihren Namenszug, weil das alte zerbrochen am Boden liegt.

Zwei Tage vor der Eröffnung geht es auf dem Gelände der Schanghaier Weltausstellung zu wie auf einem Zirkusplatz kurz vor der ersten Vorstellung. Tausende Handwerker und Helfer aus aller Herren Länder mühen sich, die Miniaturen ihrer Heimat rechtzeitig fertig zu stellen.

Lennart Wiechell steht kopfschüttelnd vor aufgerissenen Bodenplanken. „Als wir beim ersten Probelauf nicht pünktlich geöffnet hatten, haben die Besucher einfach die Barrikaden niedergerissen“, sagt der Architekt des deutschen Pavillons. Er wagt sich kaum auszumalen, was passieren könnte, wenn in den kommenden sechs Monaten mal nicht alles wie am Schnürchen läuft. Schließlich will Chinas Expo alle ihre Vorgänger in den Schatten stellen und bis zu 100 Millionen Menschen auf das Ausstellungsgelände am Huangpu-Fluss locken – ein logistisches Extremprojekt, weitaus komplexer als die Organisation von Olympischen Spielen oder Fußball-Weltmeisterschaften.

„Wir rechnen damit, dass die Menschen bei jedem Pavillon zwischen einer und drei Stunden anstehen müssen“, sagt der stellvertretende Expo-Leiter Huang Jianzhi. Selbst die größten Attraktionen sind nur für einen Bruchteil der Besucherzahl ausgelegt. Von den 400 000 Menschen, die an einem durchschnittlichen Tag erwartet werden, können höchstens 50 000 den chinesischen Pavillon sehen, bis zu 40 000 die Ausstellung im deutschen Haus. Wer alle 192 beteiligten Länder besuchen wollte, müsste mehr als einen Monat auf der Expo verbringen. Kein Wunder, dass die meisten Länder ihre Kernbotschaften architektonisch verpackt haben, von außen für alle zu sehen.

Zentrum der Anlage ist der mächtige rote Nationaltempel der Chinesen, die sich das Recht vorbehalten, mehr als dreimal so hoch zu bauen wie alle anderen Länder. In seinem Innern verbirgt sich eine Ausstellung chinesischer Kunstschätze. Auf einer über hundert Meter langen Projektionswand lassen Animationen das alte China auferstehen, in kleinen Wagen durchfahren die Besucher die Baugeschichte. „Hier kann man erleben, was für ein großes und mächtiges Land China ist“, sagt ein Handwerker, der an riesigen Pappmascheebäumen letzte Farbtupfer anbringt.

Neben der chinesischen Wuchtigkeit wirken die Gebäude der anderen Länder wie ein großes Spiel mit nationalen Klischees, Identitäten und Wunschbildern. Nepal hat einen Tempel nachgebaut, Katar eine Burg, der Iran einen persischen Palast. Die Vereinigten Arabischen Emirate präsentieren sich in der Form von Sanddünen. Nordkorea hat seinen Pavillon in Bilder von blauem Himmel gehüllt und verpackt seine wirtschaftliche Rückständigkeit als ökologischen Fortschritt. Bei den Schweizern fährt man mit dem Sessellift aufs Dach und schwebt über eine Alpenlandschaft. Dänemark hat die Meerjungfrau aus dem Kopenhagener Hafen nach Schanghai transportiert und ins Zentrum eines spiralförmigen Gebäudes gesetzt. Auf dem Dach kann man Fahrrad fahren.

„Wir wollen bei den Besuchern einerseits die Bilder abrufen, die sie schon im Kopf haben, und ihnen andererseits viele neue mit auf den Weg geben“, sagt Peter Redlin, Geschäftsführer der Stuttgarter Ausstellungsagentur Milla und Partner, die das Konzept für die Präsentation im deutschen Pavillon entwickelt hat. „Unser Auftraggeber, das Bundeswirtschaftsministerium, hat uns eine unendlich lange Liste von Themen gegeben, die im Pavillon vorkommen sollen“, erzählt Redlin. „Wir haben dann in China recherchiert, wie man Inhalte für das hiesige Publikum verpacken muss, und waren sehr überrascht, dass Chinesen oft viel neugieriger und unbefangener an eine Ausstellung herangehen als Deutsche.“

Das Ergebnis der dreijährigen Arbeit sind zehn Themenräume mit über hundert interaktiven Spielen. Über Stadtentwicklung, Umweltschutz und Innovationen lernt man ebenso etwas wie über Karneval, Literatur und Schrebergärten. Am Ende des Parcours steht eine siebenminütige Live-Show in einem runden Theater, bei der das Publikum mit einer tonnenschweren hängenden Bildschirmkugel interagiert, die auf Geräusche mit Projektionen und Bewegungen reagiert. „Wenn die Besucher, am Ende von Deutschland das Bild eines sehr spielerischen und kreativen Landes mitnehmen, haben wir unser Ziel erreicht“, sagt Redlin.

Nicht alle Länder leisten sich einen eigenen Pavillon. Sie präsentieren sich in Gemeinschaftshallen, teils mit finanzieller Unterstützung der Chinesen, denen es wichtig war, einen Teilnehmerrekord aufzustellen. Selbst den USA, die seit Jahren bei keiner Expo mehr waren, trotzten Chinas Diplomaten einen Pavillon ab. Gemeinsame Klammer aller Auftritte ist neben der nationalen Selbstdarstellung das Expo-Motto „Bessere Stadt, Besseres Leben“. Ein treffender Slogan: Schanghai symbolisiert den Fortschrittstraum des bevölkerungsreichsten Landes der Erde – doch von „Gute Stadt, gutes Leben“ ist die 20-Millionen-Einwohner-Metropole weit entfernt. Umweltverschmutzung, Verkehrschaos, hässliche Hochhausschluchten dominieren das Stadtbild.

„Bei Nacht ist Schanghai schön, weil es ein Lichtermeer ist, aber unsere Herausforderung besteht darin, es auch bei Tag schön zu machen“, sagt Wu Zhiqiang, Chefplaner des über fünf Quadratkilometer großen Expogeländes, eines ehemaligen Industriegebiets. Viele seiner Ideen bezog Wu aus Deutschland, wo er studiert hat. Er wandelte mehrere der alten Fabrikhallen in Ausstellungszentren um, legte Parks an, sorgte für erstklassigen öffentlichen Verkehr. „Wir haben absichtlich keine Parkplätze gebaut. Die Besucher sollen nicht mit dem Auto kommen, sondern mit U-Bahn oder Bus“, sagt Wu. Man wolle ein Beispiel für moderne, menschenfreundliche Stadtplanung zeigen und hoffe auf einen Nachahmungseffekt im ganzen Land. „Immerhin wird jeder chinesische Bürgermeister persönlich zur Expo kommen.“

Es ist leicht, Wus Optimismus zu widersprechen. Kritiker monieren, die Expo sei ein Prestigeprojekt, das sich Umweltschutz und Nachhaltigkeit auf die Fahnen schreibt, aber eigentlich für das Gegenteil stehe. Was ist schon nachhaltig an einer temporären Millionenstadt? Fast alle Gebäude müssen nach sechs Monaten abgerissen werden. Die meisten Pavillons sind nicht dafür geplant, ab- und anderswo wieder aufgebaut zu werden, der deutsche eingeschlossen. In Sachen Umweltschutz steht eher die Show im Vordergrund.
Schon für die Eröffnung haben die Chinesen eine Öko- und Klimasünde der Superlative geplant: Am Freitagabend soll das größte Feuerwerk- und Lichtspektakel aller Zeiten stattfinden, mit über 100 000 Feuerwerkskörpern und mehr als tausend computerkontrollierten 7 000-Watt-Scheinwerfern.

Doch Zynismus ist nicht Trumpf in Schanghai. „Die Expo ist eine Chance, bei vielen ein Umdenken über die Zerstörung unserer Welt zu bewirken“,sagt Lutz Engelke. Seine Berliner Projektagentur Triad hat die Ausstellung „Urbaner Planet“ gestaltet, einen von fünf Themen-Pavillons, die das Expo-Motto mit Inhalt füllen sollen. Wie durch eine Geisterbahn führt Engelke durch die Exzesse der menschlichen Zivilisation. In großen Becken teilen sich Fische das Wasser mit Müll und Ölschlick. Von einem Bildschirm verliest ein Avatar die Namen der Tiere, die bald aussterben werden: Blauwal, afrikanischer Elefant, großer Hai, Pandabär. Knappe, plakativ aufbereitete Fakten lehren die Besucher das Grausen: Nur drei Prozent des Wassers der Welt ist trinkbar, über die Hälfte davon verschmutzt. 500 Jahre dauert es, bis ein Autoreifen verrottet ist.

Am Ende der Horrorszenarien lässt Engelke die Besucher auf eine riesige Weltkugel von fast hundert Meter Durchmesser schauen, auf der gezeigt wird, was es heißt, wenn Kontinente verwüsten und Meeresspiegel steigen. „Viele Menschen kümmern sich nicht um die Welt, weil sie sie nicht als Ganzes sehen“, erklärt Engelke, der sich mit dem Konzept gegen 150 internationale Wettbewerber durchsetzte. „Wir wollen sinnlich und emotional erfahrbar machen, was es bedeutet, auf dieser Welt zu leben.“

Doch so sehr die Expo die Welt zusammenschweißen will, so deutlich zeigt sie auch, wie unterschiedlich die Völker sind. So wird sich der Höhepunkt des pakistanischen Pavillons wohl nur Pakistanern voll erschließen: Es ist eine lebensgroße Figur der ermordeten Ex-Premierministerin Benazir Bhutto. Ihr Gesicht wird mittels projizierter Originalaufnahmen zum Leben erweckt. „Wir sind alle sehr bewegt, wenn wir das sehen“, sagt ein Pavillon-Angestellter. Bhuttos Witwer, Präsident Asif Ali Zardari, habe die Installation gut geheißen. Er freue sich, seine Frau in Schanghai wiederzusehen.

Bernhard Bartsch | 29. April 2010 um 07:12 Uhr

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.