Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Risse in der koreanischen Mauer

In Seoul studiert man die Erfahrungen aus der deutsch-deutschen Vereinigung. Und hofft doch, dass man die Lektionen nicht allzu schnell brauchen wird.

An diesem Mittwoch wird Kim Seung Chul wieder über Deutschland sprechen. „Liebe Zuhörer, heute ist der 22. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung“ – so oder so ähnlich wird er in seiner Nachrichtensendung anfangen zu erzählen, wie es dazu kam, dass aus einem sozialistischen und einem kapitalistischen System ein gemeinsamer Staat wurde. Er wird viel Gutes über die Deutschen sagen, über die vereinte Wirtschaftskraft und eine junge Generation, die sich gar nicht mehr daran erinnern kann, dass ihr Land einmal geteilt war. Zwar ist Kim Seung Chul noch nie in Deutschland gewesen, aber trotzdem wünscht er sich, dass sich seine Landsleute an den Deutschen ein Vorbild nehmen.

Herr Kim sitzt in einer kleinen Mietwohnung in Seoul, von der aus er seit fünf Jahren den Kurzwellensender „Reformradio Nordkorea“ betreibt. Hinter der Glasscheibe des Tonstudios spricht einer seiner Mitstreiter gerade einen Text ein. Drei weitere Kollegen bereiten an ihren Schreibtischen Beiträge vor: Nachrichtensendungen, Reportagen, Bildungsprogramme. „Die Nordkoreaner brennen auf Informationen von draußen“, sagt der Mittfünfziger. „Nordkorea versucht, sein Volk vom Rest der Welt zu isolieren, aber der eiserne Vorhang ist nicht mehr so dicht wie früher.“

Kims Radiostation ist einer von vier spendenfinanzierten Sendern, die aus dem Süden Programme über die Demarkationslinie funken, die die Halbinsel seit 59 Jahren teilt. Zwar stellen nordkoreanische Radiofabriken ihre Geräte so ein, sie nur den Staatssender empfangen können. Doch viele Nordkoreaner manipulieren ihre Empfänger heimlich, oder sie benutzen eines der kleinen Transistorradios, die südkoreanische Aktivisten seit Jahren mit Heißluftballons über dem Norden abwerfen.

„Überläufer, denen in den letzten Jahren die Flucht in den Süden gelungen ist, erzählen, dass inzwischen fast jede zweite Familie heimlich südkoreanische Programme hört“, erzählt Kim. Dass immer mehr Nordkoreaner inzwischen durchschauen, wie ihr Regime sie im Interesse der eigenen Machterhaltung um Fortschritt und Wohlstand betrügt, stimmt ihn optimistisch, dass eine Wiedervereinigung der beiden Koreas womöglich gar nicht in so unerreichbarer Ferne ist, wie es gemeinhin erscheint.

Mit seinem Wunsch nach einer Wiedervereinigung ist Kim Seung Chul nicht gerade repräsentativ für seine Landsleute. Zwar haben beide Koreas in ihrer Verfassung die Vereinigung der Halbinsel als Staatsziel festgeschrieben. Doch keine Seite arbeitet derzeit aktiv darauf hin. Im Norden, wo die Diktatur des Kim-Klans Anfang des Jahres in die dritte Generation gegangen ist, fürchten die Eliten, dass eine Öffnungspolitik ihr auf Propaganda und Staatsterror errichtetes System zum Einstürzen bringen könnte. Im Süden hat man dagegen Angst, dass eine Fusion mit dem verarmten Nachbar den eigenen Wohlstand vernichten würde. „Derzeit sind die Menschen auf keiner Seite psychologisch vorbereitet auf eine Wiedervereinigung“, sagt Kim Tae Woo, Präsident von Südkoreas staatlichem Institut für Wiedervereinigung.

Dennoch ist man sich zumindest in Seoul bewusst, dass sich die Frage einer Wiedervereinigung schneller stellen könnte, als beiden Seiten lieb ist. Als im vergangenen Dezember in Pjöngjang Diktator Kim Jong Il starb, fürchteten Beobachter um die Stabilität der Atommacht Nordkorea. Und obwohl sein Sohn und Nachfolger Kim Jong Un seither seine Macht konsolidiert zu haben scheint, gilt das System noch immer als höchst marode. Eine Vereinigung könnte den Koreanern also genauso plötzlich vor die Füße fallen wie seinerzeit den Deutschen.

„In diesem Fall könnten wir von den Deutschen sicherlich viel lernen“, sagt Kim Tae Woo. Von Forschern der Freien Universität Berlin haben sich die Südkoreaner deshalb 44 Bände mit Materialien zusammenstellen lassen, die im Ernstfall nützlich sein könnten. Darin geht es um praktische Fragen wie die Währung, die Angleichung der Sozialsysteme oder die Zusammenführung von Verkehrssystemen. „Die Frage, wie es zu einer Vereinigung kommen könnte, ist nicht unser Thema“, sagt die Berliner Koreanistik-Professorin Eun-Jeung Lee. „Aber was passieren muss, wenn es soweit ist – dazu sind die deutschen Erfahrungen sehr relevant.“

Wie in Deutschland ist auch Koreas Trennung ein Produkt des Zweiten Weltkriegs. 1945 beschlossen die Siegermächte in Potsdam, die seit Anfang des 20. Jahrhunderts von den Japanern kolonialisierte Halbinsel am 38. Breitengrad vorübergehend zu teilen. Im Norden übernahm die Sowjetunion die Kontrolle, im Süden waren es die USA. Ausgerechnet ein Wiedervereinigungsversuch zementierte dann die Teilung. Am 25. Juni 1950 startete die von Moskau installierte Regierung des nordkoreanischen Revolutionsführers Kim Il Sung einen Überraschungsangriff und drängte die südkoreanischen und US-amerikanischen Truppen zunächst bis auf die Südspitze der Halbinsel zurück. Doch die USA schlugen zurück. Drei Jahre und schätzungsweise drei Millionen Tote später standen beide Seiten wieder dort, wo sie angefangen hatten, und schlossen einen Waffenstillstand. Der hält bis heute.

Unterschiedlicher hätten sich die beiden Länder seither kaum entwickeln können. Der Norden, der sich anfangs schneller von den Kriegsfolgen erholte, ist heute eines der ärmsten und isoliertesten Länder der Welt, Südkorea dagegen eine entwickelte Industrienation.

In Kim Tae Woos Büro im Institut für Wiedervereinigung am Stadtrand von Seoul ist die Trennung bereits überwunden. Hinter seinem Schreibtisch hängt eine große Karte der ungeteilten Halbinsel. Eine gerade Straßenverbindung führt von der einen Hauptstadt in die andere, so als könnte man sich in Seoul ins Auto setzen und vier Stunden später in Pjöngjang wieder aussteigen.

Tatsächlich gibt es zwischen den beiden Staaten allerdings weitaus weniger Verkehr als seinerzeit zwischen den beiden Deutschlands. Wenn die politische Großwetterlage es zulässt, treffen sich getrennte Familien alle paar Jahre an einem Grenzort. Darüber hinaus können sie nur über Mittelsmänner in China heimlich Kontakt unterhalten. Die einzige echte Verbindung zwischen beiden Staaten ist die gemeinsame Industriezone Kaesong, in der nordkoreanische Arbeiter für südkoreanische Firmen arbeiten: ein Resultat der Sonnenscheinpolitik, mit der Südkoreas Präsident Kim Dae Jung und sein Nachfolger Roo Moo Hyun zwischen 1998 und 2008 eine Annäherung versuchten.

Der gegenwärtige konservative Präsident Lee Myung Bak hat die Versöhnungsversuche allerdings ausgesetzt. Seine Hoffnung, den Norden damit zur Aufgabe seines Atomwaffenprogramms zwingen zu können, zerschlug sich jedoch. Wenn im Dezember Lees Nachfolger gewählt wird, wird der Kurs gegenüber dem Norden wieder ein Schlüsselthema sein. „Je nach politischem Lager gibt es unterschiedliche Ansichten, welche Lektionen wir Koreaner aus der deutschen Wiedervereinigung ziehen können“, sagt Kim Tae Woo. Die Konservativen, zu denen er sich selbst zählt, interpretieren die Ereignisse von 1989 als Sieg des wirtschaftlich starken und militärisch von den USA unterstützten Westens über den Osten. „Helmut Kohl hatte den Grundsatz, dass Westdeutschland nichts tun sollte, was die DDR-Regierung stützen würde“, sagt Kim. „Aussöhnung zwischen den Menschen wurde gefördert, aber nicht Aussöhnung zwischen den Regierungen.“ Dies sei genau das Gegenteil der südkoreanischen Sonnenscheinpolitik, bei der die Annäherung auf politischer Ebene im Vordergrund stand.

Eine wichtige Voraussetzung für die deutsch-deutsche Vereinigung sei jedoch gewesen, dass es in der Bevölkerung auf beiden Seiten eine große Bereitschaft für ein Zusammenleben gegeben habe. „Damit eine Wiedervereinigung funktioniert, müssen beide Völker zunächst einmal den Wunsch dazu haben“, sagt Kim. Die Unterwanderung des Regimes – etwa durch Feindsender wie „Reformradio Nordkorea“ – sei deshalb hilfreich, um den Menschen im Norden eine andere Sicht auf die Welt zu ermöglichen, als die Propaganda sie ihnen vorgaukele.

Das liberale Lager, das aus der Bürgerrechtsbewegung und dem Protest gegen Südkoreas Militärherrschaft entstanden ist, sieht dies freilich anders. Angesichts der politischen Situation sei es völlig unrealistisch, eine Annäherung zwischen den Völkern zu erwarten, wenn sich nicht zunächst die Regierungen aufeinander zubewegten, sagt der südkoreanische Aktivist Kim Sang Hun. Er wünscht sich eine Rückkehr zur Sonnenscheinpolitik. „Wandel durch Annäherung kann auch in Korea funktionieren“, sagt er. „Solange wir mit den nordkoreanischen Eliten im Gespräch sind, haben wir die Möglichkeit, in ihrer Denkweise etwas zu verändern. Andernfalls schotten sie sich ab.“ Aus seiner Sicht ist die Wiedervereinigung auch nicht allein eine strategische und historische Frage, sondern eine humanitäre. „Die Situation im Norden ist verheerend, aber die Südkoreaner sehen in den Nordkoreanern kaum noch ihre Brüder und Schwestern“, klagt Kim Sang Hun. „Die humanitäre Katastrophe ist ihnen egal, weil sie Angst um ihren Wohlstand haben.“

Einig sind sich Liberale wie Konservative allerdings, dass man im Fall der Fälle versuchen müsse, eine allzu schnelle Wiedervereinigung zu verhindern – auch dies eine Lektion aus Deutschland. „Unser Ziel wird sein, einen längeren Übergangszeitraum zu schaffen“, sagt Kim Tae Woo vom Wiedervereinigungsinstitut der Regierung. Die Berliner Professorin Lee glaubt, dass zehn bis 15 Jahre ein geeigneter Zeitraum wäre, um die Systeme zusammenwachsen zu lassen.

Radiomacher Kim Seung Chul hat allerdings Sorge, dass zu viel Vorsicht auf südkoreanischer Seite zum Stillstand führen kann. „Veränderung braucht Mut“, sagt er und weiß, wovon er spricht. Kim ist vor 18 Jahren selbst aus Nordkorea geflohen. „Ich wurde im Norden zum Ingenieur ausgebildet, und an der Universität hatte ich Zugang zu japanischen Fachzeitschriften. Sie haben mir die Augen geöffnet, wie rückständig unser Land ist.“ Als er Anfang der 90er-Jahre mit einem Arbeitsauftrag nach Russland geschickt wurde, floh er, schlug sich nach Moskau durch und suchte dort in der südkoreanischen Botschaft politisches Asyl. Unter den rund 20000 nordkoreanischen Deserteuren, die heute im Süden leben, gehört er zu den wenigen mit einem südkoreanischen Ehepartner. Wiedervereinigung beginnt im Kleinen.

Bernhard Bartsch | 03. Oktober 2012 um 08:18 Uhr

 

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