Bernhard Bartsch

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Reichlich Potential

Die OECD traut China langfristig hohes Wachstum zu – vorausgesetzt, die Wirtschaftsreformen gehen weiter.

Die heikelste Frage bleibt an diesem Morgen unbeantwortet: Wie stark unterbewertet ist wohl der chinesische Yuan, will ein Reporter wissen. Wie groß ist also der Wettbewerbsvorteil, den China seiner Exportwirtschaft durch Währungsmanipulation verschafft? Pier Carlo Padoan und Richard Herd, kühlköpfige Ökonomen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), können sich ein Lachen nicht verkneifen. „Dazu haben wir keine Zahl“, geht Herd dem politischen Fettnapf aus dem Weg. Aber dass der Yuan unterbewertet sei, stehe außer Frage, sagt er und meint, eine Aufwertung des Yuan würde nicht nur dem Abbau globaler Handelsungleichgewichte dienen, sondern auch der Entwicklung der chinesischen Wirtschaft.

Chinas Entwicklung ist längst eine Frage von globaler Bedeutung, und erstmals seit fünf Jahren hat nun die OECD wieder einen ausführlichen Bericht zur Lage der bald zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt vorgelegt. „China ist zu einem Wachstumsmotor für die Weltwirtschaft geworden“, urteilte OECD-Chefökonom Padoan gestern in Peking. Gerade durch die Finanzkrise sei dies offensichtlich geworden. 2009 habe China dank hoher staatlicher Infrastrukturinvestitionen und einer Politik des billigen Geldes mitten in der globalen Rezession ein robustes Wachstum von 8,7 Prozent erreicht.

Doch um die Dynamik langfristig aufrechterhalten zu können, müsse die Volksrepublik ihre Reformen beschleunigen. „Chinas Konjunkturprogramm zeigt nicht nur Wachstumsimpulse, sondern auch eine neue Richtung der Wirtschaftspolitik, hin zu einer Stärkung der Binnenwirtschaft“, so Padoan. Zu den wichtigsten Empfehlungen der OECD-Ökonomen gehört eine starke Erhöhung der Ausgaben für Bildung, Sozialwesen, Gesundheit und Altersversorgung – ein Vorschlag, der sich weitgehend mit Pekings aktuellen Entwicklungsplänen deckt. Weil die Chinesen bisher für Ausbildung, Krankheitsfälle und Alter weitgehend selbst aufkommen müssen, ist die Sparquote hoch – und die Konsumbereitschaft gering.

Durch ein besseres Sozialsystem könnte die Binnenwirtschaft wichtige neue Impulse bekommen und Chinas Abhängigkeit von der Exportwirtschaft verringert werden. Ähnlichen Nutzen verspricht sich die OECD auch von einer Aufwertung des Yuan, weil ein marktgerechterer Wechselkurs eine Voraussetzung für eine effektive Inflationsbekämpfung ist. Der rapide Anstieg der Verbraucherpreise ist in den Augen der OECD derzeit eines der größten Risiken. Für 2010 erhöhten sie ihre Inflationsprognose von 0,1 Prozent auf 1,8 Prozent. 2011 erwarten sie 2,0 Prozent. 2009 waren Chinas Verbraucherpreise um 0,7 Prozent gefallen. „Eine reale Aufwertung ist in einer sich entwickelnden Wirtschaft ein normales Phänomen“, sagte Herd. Aus Angst vor einem rapiden Anstieg und Sorge um die Stärke des chinesischen Finanzsystems habe die Regierung sich aber bisher nicht getraut, ein liberaleres Währungssystem einzuführen. Das Thema sorgt seit Jahren für politische Spannungen, insbesondere zwischen Peking und den USA.

Wachstumspotenzial sieht die OECD anderen Ortes. So könne auf dem Finanzmarkt „viel gewonnen werden, wenn der Banksektor mittleren und kleinen Unternehmen mehr Kapital zugänglich machen würde“, sagte Padoan. Bisher entgingen dem Land wichtige Wachstumsimpulse, weil Großkonzerne bevorzugten Zugang zu Geld hätten. Auch im produzierenden Gewerbe mahnte die OECD eine Liberalisierung an. „In China spielt der Staat noch immer eine sehr starke Rolle“, so Padoan. „Das behindert Wettbewerb und Effizienz.“

Große Chancen für die Entwicklung sieht die OECD außerdem durch Reformen des Arbeitsmarkts. In den vergangenen Jahren habe es bereits deutliche Verbesserungen gegeben. So habe ein neues Arbeitsgesetz zu einer besseren Absicherung der Angestellten geführt. Allerdings sei die Mobilität von Arbeitskräften noch immer durch rechtliche Barrieren behindert. Da man in China nicht ohne weiteres seinen gemeldeten Wohnsitz ändern kann, würden Menschen vom Land gegenüber den Stadtbewohnern stark diskriminiert. „Eine Änderung dieses Systems wäre für den kommenden Fünfjahresplan wünschenswert“, sagte Herd.

Bernhard Bartsch | 02. Februar 2010 um 12:22 Uhr

 

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