Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Putin drückt aufs Gas

Beim Geld fängt die Freundschaft erst an: Die Rivalen Russland und China ringen um ein Erdgas-Abkommen, das auch Europas Versorgung beeinflussen könnte.

Nordasien rückt ins Zentrum des weltweiten Wettlaufs um Ressourcen. Unmittelbar bevor Bundeskanzlerin Angela Merkel am Donnerstag in der Mongolei einen großen Rohstoffabkommen festzurren will, stehen auch die großen Nachbarn China und Russland offenbar vor einer Vereinbarung über langfristige Erdgas-Lieferungen. Ein Pekingbesuch des russischen Regierungschefs Wladimir Putin endete am Mittwoch zwar ohne einen Durchbruch in den Verhandlungen, um die seit Jahren gerungen wird. Doch russischen und chinesischen Medienberichten zufolge ist inzwischen wieder genügend Bewegung in den Gesprächen, dass eine Einigung in den kommenden Wochen möglich ist. Der Vertrag, der eine Laufzeit von 30 Jahren haben soll, dürfte Einfluss darauf haben, wie viel Gas Russland in Zukunft nach Europa liefert, und zu welchen Bedingungen. 68 Milliarden Kubikmeter Gas will Peking jährlich von den sibirischen Gasfeldern nach Nordchina pumpen. Eine von zwei geplanten Pipelines ist bereits fertig. Die Gasverkäufe nach China könnten rund zwei Prozent des russischen Bruttoinlandsprodukts ausmachen, doch um die Berechnung des Kaufpreises wird noch immer gefeilscht. „Wer verkauft, der will immer zu einem höheren Preis verkaufen, und wer einkauft, der will immer zu einem niedrigeren Preis einkaufen“, erklärte Putin in Peking. „Wir brauchen einen Kompromiss, der beide Seiten zufriedenstellt.“

Wegen der riesigen Menge möchte China angeblich Rabatt gegenüber dem Preis, den die Europäer für russisches Gas zahlen. Der halbstaatliche Energiekonzern Gazprom soll das ablehnen und seinerseits eine Vorauszahlung von 40 Milliarden Dollar verlangen. Grundsätzlich fehlt es Gazprom nicht an Kunden. Als kürzlich Nordkoreas Machthaber Kim Jong-il Russland besuchte, zeigte er Bereitschaft, eine Pipeline durch sein Land bauen zu lassen. Damit könnte Russland sein Gas direkt nach Südkorea und durch einer Seepipeline sogar bis nach Japan liefern.

Gleichzeitig soll aber auch China seine Verhandlungsposition verbessert haben, indem es seine Beziehungen zu den rohstoffreichen zentralasiatischen Nachbarn Kasachstan und Turkmenistan festigte und dort langfristige Abkommen schloss. „Russlands Verhandlungsposition ist durch Chinas Erfolg beim Auffinden anderer Partner vor allem in Zentralasien erheblich geschwächt“, befindet eine Studie des Stockholmer Instituts für Friedensforschung (Sipri). Pekings Ziel ist es, sich möglichst viele Ressourcen durch bilaterale Verträge zu sichern, weil dies Peking sicherer erscheint, als sich auf die Märkte verlassen zu müssen. Diese Taktik ist ein Grund dafür, dass auch Berlin seine Rohstoffstrategie überdacht hat.

Traditionell ist das chinesisch-russische Verhältnis von Rivalität und Misstrauen geprägt. Einig sind sich beide Seiten allerdings in ihrer Ablehnung der weltpolitischen Dominanz der USA und ihrer europäischen Verbündeten. So stimmten Russen und Chinesen kürzlich gemeinsam gegen eine neue Uno-Resolution gegen Syrien. Auch Pekings langfristiges Vorhaben, den US-Dollar als globale Reservewährung abzuschaffen, findet in Russland Unterstützung. Putin bezeichnete das Dollar-Regime in einem Interview mit der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua als „Parasiten der Weltwirtschaft“.

Angespannt ist das chinesisch-russische Verhältnis im militärischen Bereich. Moskau bestätigte kürzlich die Festnahme eines mutmaßlichen chinesischen Spions, der versucht haben soll, die Technik der Flugzeugabwehrrakete S-300 auszuspionieren. China ist der größte Kunde russischer Waffentechnik. Bei der Modernisierung der Volksbefreiungsarmee ist Peking maßgeblich auf russische Hilfe angewiesen, etwa Lieferungen von Kampfjets und U-Booten. Auch das chinesische Weltraumprogramm, das kürzlich mit dem Aufbau einer eigenen bemannten Allstation begann, beruht weitgehend auf russischer Technologie. Die Russen würden den Chinesen gerne weiterhin ihre Systeme verkaufen. Die Volksrepublik bemüht sich allerdings darum, eigene Technologie zu entwickeln – häufig auf Basis der russischen.

Bernhard Bartsch | 12. Oktober 2011 um 13:01 Uhr

 

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