Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Pünktliche Provokation

Vor dem Südkorea-Besuch von US-Präsident Obama provoziert Pjöngjang ein Seegefecht im Gelben Meer.

Kim Jong-il gilt als Mann mit diplomatischem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom – und pünktlich zur Asienreise von US-Präsident Barack Obama, die auch nach Südkorea führen wird, steht Nordkoreas Diktator nun wieder im Mittelpunkt. Schiffe der nord- und südkoreanischen Marine lieferten sich im Gelben Meer einen Schusswechsel, wobei das direkte Feuer offenbar Kims Soldaten eröffneten. Es fällt schwer, an einen Zufall zu glauben. Seit jeher benutzt Kim militärische Provokationen, um sich in der Welt Gehör zu verschaffen. Ein anderes Mittel steht dem Tyrannen auch gar nicht zur Verfügung.

Der Zwischenfall könnte nach einigen Monaten der Annäherung eine erneute Verschlechterung der Beziehungen einläuten könnte. Nach Darstellung des Generalstabs in Seoul soll ein nordkoreanisches Patrouillenboot die umstrittene Demarkationslinie im Gelben Meer verletzt und anderthalb Kilometer in südkoreanisches Gewässer eingedrungen sein. Als die Südkoreaner Warnschüsse in die Luft schossen, eröffneten die Nordkoreaner demnach das direkte Feuer. In dem folgenden Schusswechsel sei das nordkoreanische Schiff schwer getroffen worden und schließlich brennend umgekehrt. Südkoreas Boot wurde von 15 Kugeln getroffen, blieb ansonsten aber unversehrt. Über Opfer wurde zunächst nichts bekannt.

Nordkoreas Oberkommando sprach seinerseits von einer „ernsten bewaffneten Provokation“ des Südens und forderte eine Entschuldigung. Das eigene Schiff habe ein „unidentifiziertes Objekt“ untersucht und sich bereits auf dem Rückweg befunden, als die südkoreanische Marine die Verfolgung aufgenommen habe. „Das Patrouillenboot, das immer einsatzbereit war, verlor keine Zeit und reagierte mit einem prompten Vergeltungsschlag“, hieß es in einer Meldung der offiziellen Nachrichtenagentur KCNA. Pjöngjang hatte Seoul schon Mitte Oktober beschuldigt, Kriegsschiffe in seine Hoheitsgewässer vor der Westküste geschickt zu haben, und drohte mit Militäraktionen.

Der Grenzverlauf vor der koreanischen Westküste ist seit dem Koreakrieg (1950 bis 1953) umstritten. Nach dem Waffenstillstand zog der damalige Kommandeur der Uno-Truppen einseitig eine Linie zur Festlegung der Seegrenze im Gelben Meer. Nordkorea erkennt diese sogenannte Nördlichen Grenzlinie (NLL) nicht an, respektiert sie in Zeiten guter Beziehungen mit dem Süden aber trotzdem. Verschlechtert sich das Verhältnis, kommt es dagegen regelmäßig zu Konfrontationen. 1999 und 2002 ereigneten sich blutige Zwischenfällen, 2002 kamen sechs südkoreanische Seeleute ums Leben. Nach Angaben des Generalstabs in Seoul haben nordkoreanische Marineschiffe die NLL dieses Jahr bereits 22 Mal übertreten.

Südkoreas Präsident Lee Myung-bak warnte bei einer Krisensitzung vor einer Verschärfung der Situation und rief das Militär zu entschiedenem, aber ruhigem Handeln auf. Politiker waren sich zunächst uneinig, wie der Vorfall zu bewerten sei. Südkoreas Premierminister Chung Un-chan sprach seinerseits also von einem „zufälligen Zusammenstoß“. Verteidigungsminister Kim Tae-Young erklärte dagegen, er gehe davon aus, dass die Nordkoreaner sich „der Eindringung klar bewusst“ gewesen seien. „Der Norden hat das Feuer eröffnet und direkt auf unser Schiff gezielt“, sagte er. Das aggressive Verhalten könnte nach Meinung von Experten als Signal an die USA gedacht sein, Nordkorea nicht zu unterschätzen.

Dabei hatte sich noch am Montag neue Bewegung im Nordkoreakonflikt abgezeichnet. Die Beziehungen hatten Ende Mai einen Tiefpunkt erreicht, nachdem Pjöngjang seinen zweiten Atombombentest absolviert hatte. Nach monatelangem diplomatischem Tauziehen hat Washington bilateralen Gesprächen mit Pjöngjang zugestimmt. Medienberichten zufolge will Obama seinen Sondergesandten Stephen Bosworth als Sondergesandten nach Nordkorea schicken, um über das nordkoreanische Atomprogramm zu verhandeln. Kim hat direkte Kontakte mit den USA zur Bedingung für eine Rückkehr zu den Pekinger Sechs-Parteien-Gesprächen an denen neben den beiden Koreas und den USA auch China, Russland und Japan teilnehmen. Trotz des Entgegenkommens scheint Washington aber darum bemüht, sich im Atomstreit nicht wieder auf Kim Jong-ils Hinhaltetaktik einzulassen. Stattdessen will Obama auf Lees Kurs einschwenken, der eine härtere Gangart verlangt. Anders als seine Vorgänger, die im Rahmen der sogenannten Sonnenscheinpolitik regelmäßig Zugeständnisse machten und im Gegenzug Fortschritte erwarteten, setzt Lee auf eine einmalige Lösung. Die US-Regierung sprach Lee bereits ihre Unterstützung für einen solchen sogenannten „Grand Bargain“ aus.

Doch Kim hat derzeit Oberwasser. Erst im Oktober hat ihm seine Schutzmacht China politisch den Rücken gestärkt hat. Premierminister Wen Jiabao besuchte als erster chinesischer Regierungschef seit 18 Jahren Pjöngjang und beschwor den Zusammenhalt beider Länder. Peking hat allen Grund, Kims Regime zu Stützen. China braucht Nordkorea nicht nur als Pufferstaat zu der in Südkorea stationierten US-Armee. Die Chinesen genießen auch exklusiven Zugang zu Nordkoreas Rohstoffen. Insbesondere die reichen Uran-Vorkommen sind für Peking von strategischer Bedeutung, um den Bau von dutzenden Atomkraftwerke voranzutreiben, deren Reaktoren China nicht mit eigenem Kernmaterial bestücken kann. Nordkoreas Atomwaffenkonflikt ist also auch ein chinesisches Atomkraftproblem. Dieser gordische Knoten lässt sich nicht einfach zerschlagen.

Bernhard Bartsch | 10. November 2009 um 22:11 Uhr

 

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