Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Protest im Akkord

Antijapanische Demonstrationen zwingen japanische Unternehmen in China zur Schließung. Doch Peking hat Mühe, die Proteste unter Kontrolle zu halten.

Die japanische Botschaft in Peking erlebt an diesem Montag Protest im Akkord: In geordneten Reihen lassen die Polizisten die Demonstranten vor das Gebäude treten, um ihre Parolen zu rufen, rote Flaggen zu schwenken und Flaschen oder Eier zu werfen. Ein paar Minuten Wut müssen reichen, dann ist die nächste Gruppe dran. Wer noch nicht genug hat, muss sich wieder anstellen. „Euer Zorn ist gerechtfertigt und jeder darf seine Meinung äußern“, dröhnt es aus den Megaphonen der Sicherheitskräfte. „Aber achtet auf Ordnung und Gesetze.“

Wie in den vergangenen Tagen sind wieder Hunderte gekommen, um Japan im Disput um die Inselgruppe, auf Chinesisch „Diaoyu“ und auf Japanisch „Senkaku“ heißt, unter Druck zu setzen. Auch in zahlreichen anderen Städten wurde demonstriert. Tokios Regierung hatte die unbewohnten Eilande im ostchinesischen Meer vergangene Woche von privaten japanischen Besitzern erworben, was nach chinesischer Auffassung ungültig und eine offene Provokation ist. Das seit Jahrzehnten angespannte Verhältnis wird von Politikern beider Seiten regelmäßig instrumentalisiert, um nationalistische Gefühle zu beschwören.

Japans Botschaft empfahl den Zehntausenden in China lebenden Japanern, sich möglichst unauffällig zu verhalten. Die Mehrheit der japanischen Restaurants und Geschäfte bleibt dieser Tage geschlossen. Japanische Unternehmen wie der Elektronikkonzern Canon schlossen vorübergehend ihre Fabriken. Die Angst ist gewollt: In chinesischen Medien und Internetforen wird offen zum Boykott japanischer Waren aufgerufen, was für die ohnehin kriselnde japanische Wirtschaft eine ernsthafte Bedrohung wäre.

Allerdings hat Japans Regierung wenig Spielraum für Kompromisse: Da bald Neuwahlen anstehen, kann es sich Premier Yoshihiko Noda nicht leisten, gegenüber China Schwäche zu zeigen. Andererseits kann auch China die Proteste nicht auf unbegrenzte Zeit weitergehen lassen. Schon jetzt geraten die Demonstrationen an vielen Orten außer Kontrolle. Am Wochenende wurden mehrere japanische Autohäuser demoliert. In einigen Orten mischen sich in die Kundgebung inzwischen auch Demonstranten, die nicht gegen Japan, sondern gegen die Kommunistische Partei protestieren. So tauchten Banner mit den Aufschriften „Menschenrechte und Freiheit“ auf, Anliegen, für die man in China normalerweise nicht ungestraft auf die Straße geht.

Trotzdem dürften die Proteste am Dienstag, dem 81. Jahrestag des japanischen Einfalls in Nordchina zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, noch einmal einen neuen Höhepunkt erreichen. Auch ihren Anspruch auf die Inselgruppe wollen die Chinesen dann betonen. Eine Flotte von tausend Fischerbooten sei am Montag zu den Diaoyus aufgebrochen, berichtete das Parteiblatt Renmin Ribao.

Die Japaner nutzten am Montag ihrerseits einen Besuch von US-Verteidigungsminister Leon Panetta, um China vor einer Eskalation zu warnen. Japans Außenminister Koichiro Gemba erklärte, Tokio und Washington seien sich einig, dass sich der japanisch-amerikanische Sicherheitspakt auch auf die Inseln erstrecke. Sollte es zu einem militärischen Konflikt kommen, stünden sich die Großmächte China und USA dabei also unmittelbar gegenüber. Panetta erklärte, in Washington sei man wegen des Konflikts besorgt. Tatsächlich dürfte der Streit dem Pentagon allerdings nicht ungelegen kommen, passt er doch gut die Strategie, die US-Präsenz im Pazifikraum zu verstärken, um Chinas Einfluss in der Region einzudämmen. Neben dem Territorialstreit im ostchinesischen Meer sorgen seit Jahren auch Konflikte im südchinesischen Meer für Spannungen.

Bernhard Bartsch | 17. September 2012 um 22:55 Uhr

 

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