Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Pjöngjanger Zierapfelblüte

Die Botschaft in Peking ist Nordkoreas wichtigste diplomatische Vertretung – und der größte wirtschaftliche Außenposten.

Nordkoreaner verstehen etwas von gutem Essen. „Wir servieren hier die Schätze unseres Landes“, erklärt Kellnerin Lee, während sie in ihrer weißen Tracht, die aussieht wie ein bunt bestickter Hochzeitstraum, durch die Tischreihen gleitet. „Nordkoreanisches Fleisch, nordkoreanischer Fisch, nordkoreanisches Gemüse – etwas Frischeres und Köstlicheres gibt es nicht auf der Welt.“ Mit einer Verbeugung präsentiert sie die Speisekarte, ein stattliches Buch mit Hochglanzfotos von fein dekorierten Fleischplatten, Gemüsetellern, Fischtöpfen und Sushi-Kollektionen. Die Preise sind gepfeffert, doch auf den Tischen der Gäste türmen sich die Speisen, als hätte niemand ein Problem mit den Kosten. Aus den Lautsprechern strömt elektronischer Doktor Schiwago, gelegentlich versetzt mit Karaoke-Gesang, wenn Kellnerin Lee oder ihre Kolleginnen mit einer neuen Tablettladung die Tür zu einem Hinterzimmer öffnen. Keine Frage: Wer ins „Pyongyang Haedanghwa“ kommt, muss sich um Geld keine Sorgen machen.

Das Restaurant, das übersetzt den zierlichen Namen „Pjöngjanger Zierapfelblüte“ trägt, liegt anderthalb Flugstunden von der nordkoreanischen Hauptstadt entfernt im Herzen Pekings und ist eines der undurchsichtigsten Geschäftsbiotope der Welt. Betrieben wird der Treffpunkt von der wenige Schritte entfernt gelegenen nordkoreanischen Botschaft, Kim Jong Ils bedeutendster ausländischer Vertretung und zugleich wichtigster wirtschaftlicher Außenposten seines abgeschotteten Landes. Nicht nur die Importe aus China, Nordkoreas mit Abstand wichtigstem Handelspartner, werden in erster Linie von der Pekinger Gesandtschaft abgewickelt, sondern nach Überzeugung internationaler Diplomaten auch ein Großteil des Schmuggelverkehrs, mit dem sich das Kim-Regime Devisen und westliche Waren beschafft.

Dass von den weit über hundert Bewohnern des großen, stacheldrahtbewehrten Gebäudekomplexes nur wenige als Diplomaten im klassischen Sinn arbeiten, ist kein Geheimnis. „Es ist eher ein Staatsbetrieb als eine diplomatische Gesandtschaft“, sagt der Pekinger Botschafter eines ehemaligen Ostblock-Landes, „das war bei uns früher nicht anders.“ In den Gassen hinter der Botschaft bieten dutzende, speziell auf die nordkoreanischen Bedürfnisse spezialisierte Großhandelsläden an, was in dem Land infolge der vorsichtigen Wirtschaftsreformen der vergangenen fünf Jahre zumindest für die Privilegierten zunehmend erhältlich ist: Reiskocher, Mikrowellen und Heizlüfter, Kochtöpfe und Geschirr, Kleidung und Schuhe, Brillen und Kontaktlinsen sowie hochwertige Lebensmittel wie Öl, getrockneter Fisch oder frisches Obst. In einigen Läden liegen zudem Prospekte für Autoersatzteile, Produktionsmaschinen und Baumaterialien aus. „Wir verkaufen nur an die Nordkoreaner“, sagt Frau Jin, Verkäuferin bei einem Optiker, der sich „Koreanisch-Chinesischer Freundschaftsbrillenladen“ nennt – in koreanischer Schrift, wie alle Läden hier. Auch mit ihren Kunden spricht Jin Koreanisch – sie gehört selbst zur „Chaoxianzu“ genannten koreanischen Minderheit in Chinas Nordosten. „Die Gestelle, die wir hier verkaufen, sind ziemlich altmodisch. Kein Pekinger kauft heute mehr solche Brillen, aber die Nordkoreaner wollen nichts anderes“, kommentiert Jin ihr Angebot. „Das ist wie in China in den Siebzigern: Wer Zugang zu Importprodukten hat, will das nicht unbedingt zeigen. Überhaupt eine Brille zu tragen, ist ja schon auffällig genug.“

Tatsächlich halten sich die Pekinger Nordkoreaner streng an den Einheitslook ihres Landes: schlecht sitzende schwarze Synthetikanzüge, glänzende Kunstlederschuhe, sperrige Brillengestelle und die obligatorische rote Anstecknadel mit dem Bild von Kim Il Sung oder Kim Jong Il. Viele von ihnen haben, was Jin den „Nordkoreanerblick“ nennt, eine eigentümliche Reserviertheit, in der sich die Schizophrenie ihrer Situation widerspiegelt: ihr Leben in einer Welt, über die sie womöglich untereinander, auf jeden Fall aber in ihrer von ausländischen Nachrichten und Bildern isolierten Heimat nicht reden dürfen, weil sie der Kimschen Propaganda zufolge gar nicht existieren kann. Wie viele der Waren, die täglich mit Kleinlastern an den Hintertoren der Botschaft angeliefert werden, in die offiziellen Statistiken eingehen, ist unbekannt.

Nach Angaben des chinesischen Handelsministeriums hatte der Warenverkehr zwischen beiden Ländern vergangenes Jahr ein Volumen von 1,27 Milliarden Euro. Nordkoreas Importe waren dabei mit 860 Millionen Euro mehr als doppelt so hoch wie die Exporte. Während der Handelsriese China kaum mehr als ein Tausendstel seines Außenhandels mit dem kleinen Nachbarn bestreitet, sind es umgekehrt 40 Prozent. Unter anderem kommen rund 70 Prozent der nordkoreanischen Lebensmittelimporte und 70 bis 80 Prozent der Benzineinfuhren aus der Volksrepublik. Doch der Schwarzhandel dürfte beträchtlich sein. Mitarbeiter des Pekinger Flughafens berichten, dass die dienstags und samstags verkehrenden Maschinen der nordkoreanischen Fluglinie Air Koryo stets voll mit Kisten beladen seien, die größtenteils als diplomatisches Gepäck am Zoll vorbeimanövriert werden. Dass diese nicht alle mit Botschaftsbedarf gefüllt sind, beweisen etwa die nordkoreanischen Schnapsflaschen, die im Zierapfelblüte-Restaurant verkauft werden: Ihnen fehlt die bei Importspirituosen übliche Zollmarke.

Limousinen und Sushi

Doch für viele Schmuggelwaren dürfte China nur Durchgangsland sein. In den vergangenen Jahren ist Nordkorea als Ursprungsland von gefälschten Medikamenten, Kokain und Waffen aufgefallen. Zudem wurden Anfang des Jahres in verschiedenen asiatischen Banken gefälschte Hundert-Dollar-Scheine im Wert von mehreren hundert Millionen Dollar sichergestellt, die nach Überzeugung von Experten auf der Presse der nordkoreanischen Zentralbank gedruckt wurden. Mit dem Falschgeld dürften unter anderem die extravaganten Privatanschaffungen von Kim Jong Il finanziert worden sein – von edlen Limousinen bis zu frischem Sushi. „China ist Nordkoreas einziger Freund und hat ein Interesse, das Land stabil zu halten“, sagt ein westlicher Diplomat in Pjöngjang, „deshalb drückt man ein Auge zu.“

Manchmal findet die Botschaft allerdings auch elegantere Methoden, Geld zu verdienen. So berichten Mitarbeiter einer internationalen Anwaltskanzlei, die Nordkoreas Regierung beim Aufbau ihrer Sonderwirtschaftszonen in Kaesong und Sinuiju beraten wollte, dass Pjöngjang für erste Gespräche eine Delegation von sieben Kadern nach Peking schickte – mit der Auflage, dass die Kanzlei die Flug- und Hotelkosten übernehmen. Die Anwälte buchten Zimmer in einem guten Hotel, bekamen aber am Tag der Ankunft mitgeteilt, dass die Delegation in der Botschaft wohnen würde. Diese schickte ihnen allerdings hinterher eine Rechnung über sieben Executive-Suiten à 2000 Yuan (200 Euro) pro Nacht, zuzüglich Limousinenservice und Verpflegung, unter anderem im Restaurant „Pyongyang Haedanghwa“. Da die Anwälte hofften, dass Nordkorea sich eines Tages doch noch der Welt öffnen könnte, bezahlten sie.

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Der große Bruder

Ohne Pekings Hilfe kann Nordkorea nicht überleben. 1961 schwor China in einem bilateralen Vertrag dem kommunistischen Nachbarn Brüdertreue. Es versorgt das Regime von Diktator Kim Jong Il mit Öl, Kohle und Lebensmitteln. Fast der gesamte Handel Nordkoreas wird über chinesisches Gebiet abgewickelt.

Seit Pjöngjang 2002 zugab, Atomwaffen zu entwickeln, froren die USA, die EU und Japan die Wirtschaftsbeziehungen ein. China dagegen erhöhte den Im- und Export. Lag der Außenhandel zwischen beiden Ländern 2003 bei einer Milliarde Dollar, waren es 2005 knapp 1,6 Milliarden. Neben China ist Südkorea wichtiger Handelspartner.

Nach Nordkoreas Atomtest stimmte nun auch China im UN-Sicherheitsrat für Sanktionen. Allerdings fürchtet Peking nach einem Zusammenbruch des Nachbarlandes Flüchtlingsströme. In Nordkorea hungern 22 Millionen Menschen.

Bernhard Bartsch | 18. Oktober 2006 um 06:38 Uhr

 

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