Bernhard Bartsch

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Pjöngjang droht mit „totalem Krieg“

Nordkorea hat ein südkoreanisches Kriegsschiff versenkt – und bezeichnet das Untersuchungsergebnis nun seinerseits als Provokation.

Südkorea macht den Vorwurf gegen Nordkorea offiziell: Das Land soll an der innerkoreanischen Grenze den schwersten militärischen Zwischenfall seit 57 Jahren verursacht haben. Ein nordkoreanisches U-Boot soll am 26. März einen Torpedo auf das südkoreanische Patrouilleschiff „Cheonan“ abgeschossen und die Korvette versenkt haben. 46 Besatzungsmitglieder starben. So lautet das Ergebnis des am Donnerstag von Seouls Verteidigungsministerium vorgestellten Untersuchungsberichts.

Die Beweislage sei „überwältigend“, erklärte Yoon Duk-yong, einer der Leiter der Kommission, der Experten aus Südkorea, den USA, Australien, Kanada und Großbritannien angehörten. „Es gibt keine andere plausible Erklärung.“ Südkorea will den Fall nun an die Waffenstillstandskommission der Vereinten Nationen weitergeben, die seit Ende des Koreakrieges im Jahr 1953 die Waffenruhe an der innerkoreanischen Grenze überwacht. Nordkorea bestreitet die Vorwürfe.

Dem Untersuchungsbericht zufolge spielte sich der Angriff so ab: Am 23. oder 24. März verließen mehrere nordkoreanische U-Boote zusammen mit einem Mutterschiff eine Marinebasis an der koreanischen Westküste. Nahe der umstrittenen Seegrenze im Gelben Meer feuerte eines der U-Boote einen Torpedo mit einem 250-Kilogramm-Sprengkopf auf die Cheonan ab. Das Geschoss explodierte sechs bis neun Meter unter dem südkoreanischen Schiff, das von der Druckwelle in zwei Teile zerrissen wurde. Von den 104 Besatzungsmitgliedern konnten sich nur 58 retten. Südkoreas Ermittler fanden am Unglücksort Torpedofragmente, darunter einen Propeller, der in einer in Nordkorea üblichen Weise beschriftet war. Die Komponenten sollen mit denen sonargesteuerter Torpedos identisch sein, die in Katalogen nordkoreanischer Waffenexporteure mit der Typnummer „CHT-02D“ geführt werden. Zwei bis drei Tage nach dem Angriff sei die nordkoreanische Flotte wieder in ihrem Stützpunkt eingelaufen.

Noch während Südkoreas Verteidigungsministerium seinen Bericht am Donnerstag vor der Presse erläuterte, konterte Nordkorea mit einem scharfen Dementi. Pjöngjangs Nationale Verteidigungskommission, die unter dem direkten Vorsitz von Diktator Kim Jong-il steht, kündigte im Fernsehen an, eigene Experten nach Südkorea schicken zu wollen, um Nordkoreas Unschuld zu beweisen. „Sie zeigen mit einem schmutzigen Anklagefinger auf uns wie auf einen Dieb“, hieß es in der gewohnt drastisch formulierten Mitteilung. „Die Welt wird klar sehen, was für einen hohen Preis diese Gruppe von Verrätern bezahlen wird für ihre ungeschickte Verschwörungsfarce und ihre Scharade, die Landsleute bezwingen soll.“ Nordkorea werde sich gegen die „Fabrikationen“ zur Wehr setzen und scheue nicht vor einem „totalen Krieg“ zurück.

Für Südkoreas Präsident Lee Myung-bak entwickelt sich die Cheonan-Krise zu einer schweren Bewährungsprobe. Kommende Woche will er mit US-Außenministerin Hillary Clinton in Seoul über die Lage beraten. Der für Ostasien zuständige US-Assistenzaußenminister Kurt Campbell erklärte bereits, die Ergebnisse hätten Washingtons volle Zustimmung: „Die Vereinigten Staaten unterstützen Südkorea eindeutig und entschieden.“ Der Generalsekretär der Vereinten Nationen und ehemalige südkoreanische Außenminister Ban Ki-moon bezeichnete die Ergebnisse als „sehr besorgniserregend“.

Beschwichtigende Töne schlug dagegen China an. „Der Cheonan-Vorfall ist ein sehr unglücklicher Vorfall“, kommentierte Vizeaußenminister Cui Tiankai lakonisch und mahnte an, dass die Stabilität der Region höchste Priorität habe. Gleichzeitig forderte China beide Länder zur Zurückhaltung auf. Ohne die Unterstützung der Volksrepublik, Nordkoreas engsten Verbündeten, dürfte es kaum eine Möglichkeit geben, Kim Jong-il zur Rechenschaft zu ziehen – und dem hatte Peking erst Anfang Mai einen großen Empfang bereitet.

Bernhard Bartsch | 20. Mai 2010 um 14:27 Uhr

 

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