Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Picassos für den Grabbeltisch

Das südchinesische Dafen ist die größte Künstlerkolonie der Welt. 10.000 Maler bedienen von hier aus den globalen Massengeschmack.

Huang Jianzhong malt eine Katze. Er hasst Katzen. „Wer sich so was bloss hinhängt?“, fragt er sich, während er mit schnellen Pinselstrichen das flauschige Fell schraffiert. Das Motiv, das in Postkartengrösse an der Staffelei hängt – rechts die Katze, links eine Schmuckdose –hat Huang schon dutzende Mal kopiert. Bald werden es hunderte Male sein, denn Katzenbilder sind beliebt, weitaus populärer als Picassos, Miros oder Rembrandts, ganz zu schweigen von Huangs eigenen Werken. Im Grossformat beschäftigt die Katze ihn einen vollen Tag, von kleineren Massen schafft er sogar mehrere. Wobei die Grösse für Huang keinen grossen Unterschied macht. Bezahlt wird er ohnehin wie ein Anstreicher: nach Fläche, pro Quadratmeter hundert Yuan, rund zehn Euro.

Die Katzen sind das Ende einer künstlerischen Laufbahn, die nie begonnen hat. Ein paar Bilder an der Wand zeigen, was hätte sein können: verdorrte Sträusse und grell-bunte Naturidyllen, die von Grossstädten überwalzt werden. Als Student an der Kunsthochschule der Provinz Fujian hoffte Huang eine Zeitlang, damit in die chinesische Avantgarde-Szene vorzudringen, die auf dem internationalen Kunstmarkt Spitzenpreise erzielt. Doch schon vor seinem Abschluss vor acht Jahren verlor er seine Illusionen. „Wenn man nicht die richtigen Leute kennt, hat man keine Chance“, sagt er. So landete er statt auf Soireen in Hongkong, New York oder Berlin im südchinesischen Dafen, der grössten Künstlerkommune der Welt.

Dafen – vor zwanzig Jahren noch ein Dorf, heute Stadtteil der Sweatshop-Metropole Shenzhen – ist das künstlerische Äquivalent zu chinesischen Akkordschneidereien oder Massenschustereien: Rund 10.000 Maler produzieren hier Gemälde für den Massenmarkt. In Hunderten Ateliers malen sie Blumenstillleben für Hotelflure und Landschaften für Arztpraxen, Mao-Porträts für chinesische Amtsstuben und Segelschiffe für Hamburger Fischrestaurants. Sie versorgen Kinderstuben mit Tierbabyaquarellen, Teenager mit ölgemalten Britneys und Elternschlafzimmer mit nackter Haut in frechen Posen. Aus Familienfotos machen sie Ölgemälde und aus Meisterwerken Wandschmuck für jedermann: Ob da Vincis Mona Lisa oder Davids Napoleon, ob Monets Seerosen oder van Goghs Sonnenblumen, ob Klimts Kuss oder Warhols Marilyn – jede Ikone der Kunstgeschichte ist in Dafen vorrätig, für fünf Euro aufwärts, je nach Grösse und Qualität. Walter Benjamin, den es in den Dreissigern vor dem „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ grauste, hätte Dafen den Rest gegeben. Die Vervielfältigung des Einmaligen erfolgt heute durch Billiglohnkünstler in Fernost.

Dort sieht man Kunst als ein Produkt wie jedes andere. „Bei handgemalten Bildern hat Dafen heute einen Weltmarktanteil von 60 Prozent“, erklärt Herr Wang von der Ortsverwaltung. „Im vergangenen Jahr exportierte Dafen rund fünf Millionen Gemälde für insgesamt 30 Millionen Euro“, rechnet er vor. „Unsere Unternehmen kooperieren mit einigen der grössten Vertriebskonzerne der Welt.“ Wenn bei Aldi, Wal-Mart oder im Baumarkt Handgemaltes im Angebot ist, stammt es wahrscheinlich ebenso aus Dafen wie die altägyptischen Papyrusbilder, die am Fuss der Pyramiden feilgeboten werden.

30 Millionen Euro für fünf Millionen Bilder: Das macht sechs Euro pro Bild und bei 10.000 Malern ein jährliches Pro-Kopf-Einkommen von 3000 Euro. Zieht man davon Ateliermiete, Materialkosten und Margen für Grosshändler ab, bleibt gerade noch die Hälfte übrig. „Die meisten von uns verdienen kaum mehr als ein Fabrikarbeiter“, sagt Yang Mingjie. „Dabei haben die meisten von uns studiert.“ Wie Huang besuchte auch Yang die Kunsthochschule in Fujian und betreibt heute zusammen mit seiner Frau eine der vielen hundert kleinen Galerien, eine Art Garage, von der sechs Quadratmeter als Schlafzimmer und Küche abgetrennt sind . Einen Grossteil seiner Aufträge bekommt er von den Betreibern einer Internetseite, die handgemalte Porträts anbietet. „Die Kunden schicken ein Foto und wählen den Stil, in dem sie gemalt werden wollen“, erklärt Yang, „oder sie lassen ihr Gesicht in ein berühmtes Gemälde einsetzen.“ Geld bekommt Yang nur, wenn die Kunden mit dem Resultat zufrieden sind, denn die Zufriedenheitsgarantie des Internetateliers gibt ihnen das Recht, sich das fertige Bild erst einmal anzuschauen, bevor sie es geschickt bekommen, ab 25 Euro plus Porto. Mancher hat es sich schon anders überlegt, und so hat Yang auf seinem grossen Stapel unverkaufter Gemälde auch diverse Mona Lisas, Herkulesse und Putten mit den Gesichtern unschlüssiger Web-2.0-Benutzer. Für eigene Gemälde bleibt ihm kaum Zeit. „Kunst braucht Inspiration“, sagt er, „aber wo soll die in Dafen herkommen?“

Dabei war Dafen anfangs eine Kommune durchaus ambitionierter junger Künstler. Ende der Achtziger zogen dutzende Absolventen der nach der Kulturrevolution (1966-1976) gerade wiedereröffneten Akademien in die grossen Städte, nach Peking, nach Shanghai und auch ins südchinesische Perlflussdelta im Hinterland der britischen Kronkolonie Hongkong. Auf grosse Kunstmärkte konnten sie in dem noch immer sehr armen Land nicht hoffen, aber wenigstens auf ein paar Ausstellungen oder kleine Aufträge. Tatsächlich gab es eine gewisse Nachfrage, allerdings nicht nach mit Herzblut gemalten Originalen, sondern nach Dekorationen für bessere Hotel-, Büro- oder Wohnungswände. So begannen die Künstler zu malen, was sonst auf Poster oder Kalender gedruckt wurde.

Wo Maler als bessere Druckmaschinen eingesetzt wurden, war es bis zur Fliessbandproduktion nicht mehr weit. Einer der ersten, der in Dafen eine Kunstfabrik eröffnete, war Huang Jiang. 1989 kam er von Hongkong, wo er als Kurier angefangen hatte, nach Shenzhen, mietete eine Halle und liess die Künstler dort im Akkord malen, während er selbst sich um den Verkauf kümmerte. Bald merkte er, dass viele seiner Maler weit über das Ziel hinausschossen: Ihre Fälschungen waren viel besser, als die Kunden wollten. Die Kopien sollten schliesslich keine Kunstkritiker beeindrucken, sondern nur kahle Wände verzieren. „Dafür braucht man kein Kunststudium, sondern nur ein wenig Talent und Übung“, dachte er sich und begann Lehrlinge einzustellen. „Jeder bekam ein Bild zugewiesen, das er so lange abmalen musste, bis es gut genug war.“ Die studierten Künstler nannten ihre billigen Konkurrenten „Bauern mit Pinseln“, konnten jedoch nichts daran ändern, dass sie in Huangs Fabrik künftig nur noch für die Feinarbeit oder besonders komplizierte Gemälde eingesetzt wurden, für Rubens etwa, Rembrandt oder Michelangelo. Bald standen in seiner Werkstadt dutzende Staffeleien, auf denen im Jahr an die 100.000 Bilder gemalt wurden, die er über Grossverträge mit Wal-mart und anderen internationalen Warenhausketten in Tausenderpacks verkaufte. Zu seiner besten Zeit, Ende der Neunziger, setzte Huang 200.000 Euro im Jahr um. Nicht schlecht für einen ehemaligen Laufburschen.

Dass er damit bei Chinas Künstlern einen gewissen Ruhm erlangte, liess sich nicht vermeiden und führte dazu, dass sein Geschäftsmodell das gleiche Schicksal erlangte wie die Bilder, mit denen er handelte: Es wurde kopiert. „Der Wettbewerb ist riesig geworden“, sagt er. Allein die Firma seines ehemaligen Lehrlings Wu Ruiqiu verschifft heute über 300.000 Gemälde im Jahr, während seine Umsätze eingebrochen sind. Die Ortsverwaltung begann, Dafen zur Touristenattraktion auszubauen, mit einem grossen Bronze-Pinsel am Eingang des Karrees und einem Leonardo da Vinci Platz in der Mitte. Viele Ateliers zogen in neue Kunstmalls wie das „Dafen Louvre“, einen Bau mit falschen Säulen, in dem es nicht nur Gemälde, sondern auch Gipsnachbildungen griechischer Marmortorsos, falsche Terrakotta-Krieger und dekorative Blumentöpfe mit Mustern gibt, die man alle schon einmal gesehen hat.

Um das Profil von Dafen weiter zu schärfen und neue Absatzmärkte zu schaffen, baut die Regierung derzeit ein eigenes Kunstmuseum. Das Gebäude aus schwarzem Marmor mit grossen Glasfronten macht dem Ort alle Ehre. Es sieht aus wie die Quintessens einer architektonischen Mode, der prototypische postmoderne Museumsbau. „Hier sollen die Originale unserer Künstler ausgestellt werden“, erklärt Wang, „und natürlich auch verkauft.“ Rund zehn Prozent der Bilder in Dafen seien nicht kopiert; das wären immerhin eine halbe Million.

Xie Xuenong, der in Guangzhou Malerei studierte und seit fünf Jahren in Dafen arbeitet, hat nie daran gedacht, Originale zu verkaufen. „Es gibt so viele grosse Meister, da kann ich gar nicht besser sein“, sagt er. Einmal gelang es ihm trotzdem, einen echten Xie an den Mann zu bringen – und das ohne es zu merken. Weil sein Atelier für eine echte Staffelei zu klein ist, pinnt er seine Leinwände wie viele seiner Kollegen seit jeher an eine Sperrholzplatte an der Wand. „Eines Tages kam ein europäischer Tourist und fragte, ob er meine Malplatte kaufen könne“, erzählt Xie. Er hatte keine Ahnung, was der Ausländer damit wollte, überschlug aber im Kopf, dass er für 20 Yuan (2 Euro) eine neue bekommen würde und hielt sich für sehr geschäftstüchtig, von dem seltsamen Kunden 200 Yuan (20 Euro) zu verlangen. Der willigte anstandslos ein. „Erst als ich die Platte abmontierte, sah ich, was er gesehen hatte“, sagt Xie.
Durch jahrelange Benutzung war die Unterlage selbst zum Gemälde geworden, bemalt mit tausenden Strichen und Punkten, zufällig platziert, wenn Xie Leinwände grundiert, Pinsel abgewischt oder Farbmischungen überprüft hatte. „ „Sie sah aus wie ein abstraktes Kunstwerk“, ärgert Xie sich heute. „Da hätte ich ein Vielfaches verlangen können.“ Sein ungewöhnlicher Verkauf sprach sich schnell herum, und inzwischen sehen die Maler von Dafen ihre Grundierungsplatten mit neuen Augen. Denn das ist der Geist der chinesischen Künstlerkolonie: Was einmal Erfolg hat, funktioniert auch noch hundert weitere Male.

Bernhard Bartsch | 30. Oktober 2007 um 09:06 Uhr

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.