Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Pekings antiautoritäre Erziehung

Mit der Einladung des Dalai Lama wollten die Taiwanesen ihre Unabhängigkeit beweisen. In Wirklichkeit ist der Besuch ein strategisches Geschenk an Peking.

Der Dalai Lama hat am Montag Taiwan besucht, und wie jedes Mal, wenn der Friedensnobelpreisträger seinen Exilwohnsitz im indischen Dharamsala verlässt, erhielten seine Gastgeber umgehend einen Drohbrief aus Peking. Der Besuch werde den Beziehungen Schaden zufügen, warnte Chinas Regierung. „Wir sind entschieden dagegen.“ In der Regel ist das so gemeint, wie es gesagt ist, und je nach politischer Großwetterlage holt Peking tatsächlich zu diplomatischen Vergeltungsschlägen aus. Im Fall von Taiwan dürfte die Sache allerdings anders liegen. Trotz des rituell vorgetragenen Unmuts ist die Dalai-Lama-Visite für die Kommunistische Partei ein heimlicher Triumph: Obwohl die Taiwanesen glauben mögen, dass sie am Montag ihre Unabhängigkeit von der Volksrepublik unter Beweis stellen konnten, haben sie in Wirklichkeit wieder einmal ein kleines Stück davon verloren.

Denn wie jedes Mal, wenn der Dalai Lama aus Dharamsala aufbricht, wird er zum Teil politischer Machtspiele, in denen er und das tibetische Volk oft nur eine Nebenrolle spielen. Das gilt für Einladungen bei Angela Merkel oder Roland Koch ebenso wie für den Besuch im südtaiwanesischen Taifungebiet. Eine Gruppe örtlicher Bürgermeister hatte den buddhistischen Religionsführer gebeteten, für die knapp 600 Opfer zu beten.

Dabei interessierte die Politikern nicht nur das Seelenheil der Toten, sondern vor allem die Seelenpein, die sie Präsident Ma Ying-jeou damit zufügen konnten. Bei den Gastgebern handelte es sich nämlich um Politiker der oppositionellen Demokratischen Fortschrittspartei (DPP), die vergangenes Jahr die Macht an Mas Kuomintang (KMT) verlor und seitdem nicht wieder auf die Beine gefunden hat, nicht zuletzt wegen des Korruptionsverfahrens gegen Ex-Präsident Chen Shui-bian.

Zwar hat Ma, der sich die Verbesserung der Beziehungen zu Peking auf die Fahnen geschrieben hat, dem Dalai Lama in der Vergangenheit schon mehrfach die Einreise verweigert, doch diesmal konnte er nicht Nein sagen. Schließlich geben die Taiwanesen seiner Regierung eine Mitschuld an den hohen Opferzahlen, weil die Behörden und Militär viel zu spät reagierten. Das Macher-Image des Präsidenten ist seitdem stark beschädigt. Totengebete zu verbieten, konnte er sich da nicht leisten.

Peking zeigte Verständnis für Mas Dilemma. Zweifellos hätte die Partei den Besuch zu verhindern können. Schließlich ist rund ein Drittel des taiwanesischen Bruttoinlandsprodukts von den Geschäften mit der Volksrepublik abhängig. Doch sie verzichtete auf wirtschaftliche Erpressung – Peking wird schon anderweitig auf seine Kosten kommen. Der geschwächte Ma wird Peking den Gefallen bei den nächsten Verhandlungen zurückzahlen müssen.

Und wichtiger als das: Bei den Taiwanesen dürfte die Episode den Eindruck hinterlassen, dass Peking ihnen tatsächlich weitgehende politische Unabhängigkeit zuzugestehen bereit ist. Eine fatale Fehleinschätzung, zu der die Partei die Taiwanesen seit Jahren zu verführen versucht. Geht es ironischer? Ausgerechnet der von Peking als Separatist gebrandmarkte Dalai Lama hilft der Volksrepulik, die abtrünnige Provinz Taiwan wieder fester in den Griff zu bekommen.

Bernhard Bartsch | 31. August 2009 um 17:23 Uhr

 

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