Bernhard Bartsch

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Pekinger Husten

Darf ein Lungenleiden nach Chinas Hauptstadt benannt sein?

Heute müssen wir, ich bitte um Verständnis, über meinen Husten sprechen. Anfang November war er wieder da, pünktlich wie eh und je. Seitdem kratzt er im Hals, rumpelt durch meine Lungen und ärgert mich beim Treppensteigen. Obwohl ich nicht erkältet bin, wird er mich bis zum Frühling begleiten. Der Katarrh ist ein alter Bekannter: der berüchtigte „Pekinger Husten“.

Seit 14 Jahren verbringen wir den Winter zusammen, und wie die meisten Hauptstadtbewohner hätte ich ihm keine besondere Beachtung geschenkt, wäre er nicht plötzlich ein Politikum. Seitdem Pekings Rekordsmog vor 14 Tagen die chinesische Öffentlichkeit aufschreckte und diese Woche schon wieder weltweit Schlagzeilen macht, werden gesundheitlichen Gefahren der Luftverschmutzung heiß diskutiert, und viele Pekinger fragen sich: Muss der Dauerhusten wirklich zur kalten Jahreszeit gehören wie Schnee und Kohlgemüse?

Muss er nicht. Aber das kann nur wissen, wer den Winter schon einmal anderswo verbracht hat. Deswegen waren es Ausländer, die Anfang der Neunziger den Begriff „Beijing cough“ prägten und als Ursachen die Pekinger Mischung aus trockener Kälte und dreckiger Luft ausmachten. Auch im Chinesischen kursierte bald die Übersetzung „Beijing ke“. Aber da der Husten kein großes Thema war, bekam auch der Begriff wenig Aufmerksamkeit.

Bis jetzt. Doch seit dem Pekinger Smogschock ist der „Pekinger Husten“ in aller Munde, wobei Medien und Internetbenutzer diskutieren, was schlimmer ist: das Phänomen oder sein Name. Die Bezeichnung sei eine „extreme Beleidigung Pekings“, die wissenschaftlich nicht belegt sei, erzürnt sich etwa der Pekinger Medizinprofessor He Quanying. Nachdenklicher kommentiert das staatliche Internetportal „China.org“: Der Ausdruck sei zwar verunglimpfend, aber „die meisten werden zugeben, dass er die Realität widerspiegelt“. Die Nachrichtenagentur Xinhua stellt fest, die wachsende Verwendung des Begriffs sei immerhin ein Zeichen einer „gesunden Debatte“.

Eine interessante These vertritt die populäre Zeitung „Global Times“. „Der Husten kann auch Chinesen befallen“, schreibt das Blatt, schränkt jedoch ein, ein Gesundheitsrisiko bestehe nur für „Menschen aus anderen Provinzen“. Was soll das denn heißen? Haben sich die Pekinger der Umweltverschmutzung genetisch angepasst wie Darwins berühmte Motte, die ihre Farbe während der englischen Indu-strialisierung von weiß nach schwarz wechselte, um auf rußbedeckten Bäumen besser getarnt zu sein?

Ich befürchte, die Evolution wird mit Chinas Umweltverschmutzung nicht Schritt halten können. Jedenfalls sind meine Kinder leider noch nicht resistent. Die Lösung kann also nur im Kampf gegen die Ursachen liegen: Wenn die Auslöser des „Pekinger Hustens“ Smog und Kälte sind, muss entweder die Luft besser werden oder der Winter wärmer. Beim chinesischen Umweltschutz bin ich desillusioniert, aber der Klimawandel kommt ja gut voran.

Bernhard Bartsch | 01. Februar 2013 um 07:54 Uhr

 

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