Bernhard Bartsch

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Pekinger Dachschaden

Der Architekt Meinhard von Gerkan entwarf den Umbau von Chinas Nationalmuseum. Doch nun verschweigen die Chinesen den ausländischen Designlieferanten.

Mit Dächern hat Meinhard von Gerkan wenig Glück. Der Hamburger Architekt, der sich mit der Deutschen Bahn einen langen Rechtsstreit um die Dachkonstruktion des Berliner Hauptbahnhofs lieferte, ist in Peking abermals Opfer von Designbanausen geworden: Ein spektakuläres Bronzedach brachte von Gerkan zwar vor sieben Jahren den Sieg in einem internationalen Wettbewerb um die Neugestaltung des chinesischen Nationalmuseums ein. „Aber dann gab es ziemlich schnell Widerstand dagegen, dass Chinas wichtigstes Museum von einem Ausländer entworfen wird, noch dazu von einem Deutschen“, erzählt von Gerkan. „Diese Aversionen wurden dann auf seltsame Weise an Sachargumenten festgemacht, und plötzlich galt das Dach als zu modern und unchinesisch.“

Nach sieben Jahren Streit und Umbau steht der 76-Jährige nun im Forum des Museums und betrachtet, was von seinen Entwürfen übrig geblieben ist. Es ist genug, um aus dem einst charmelosen Klotz am Platz des Himmlischen Friedens einen eindrucksvollen Repräsentierbau mit viel Licht und eleganten Linien zu machen. Doch für den erhofften großen Wurf reicht es nicht aus. Nicht nur das Bronzedach wurde gestrichen. Auch die Eingangshalle, die ein belebter öffentlicher Raum werden sollte, ist geschrumpft und längst nicht so einladend wie auf den Plänen. Statt moderner Möbel hat die Museumsleitung rot bezogene Korbstühle und unförmige Holztresen aufgestellt, auf den steinernen Sitzbänken stehen Topfpflanzen und mitten in der Hauptsichtachse weisen große Aufsteller den Weg zur Toilette. Über dem Eingangsportal prangt ein aus Stein gemeißeltes sozialistisches Arbeiterrelief – nur mit viel Mühe konnten die Deutschen die Chinesen davon überzeugen, die Farbe des Materials wenigstens an den Rest der Gebäude anzupassen. „Bei diesem Projekt haben sich schon sehr viele Köche gegenseitig den Löffel im Topf festgehalten“, meint von Gerkan.

In chinesischen Medien kommt von der Kritik des Architekten nichts an. Euphorisch feiert die Staatspresse den 270 Millionen Euro teuren Umbau und rechnen vor, dass ihr Museum mit einer Baufläche von 200.000 Quadratmetern größer sei als der Louvre, das British Museum uns ohnehin jedes andere Museum der Welt. Die deutsche Ausstellung „Kunst der Aufklärung“, die am Freitag von Außenminister Guido Westerwelle eröffnet wird und eine der ersten Veranstaltungen in dem neu eröffneten Museum ist, belegt trotz ihrer stattlichen 600 Werke gerade einmal drei vergleichsweise kleine Räume.

Dass der Umbau auf einen deutschen Entwurf zurückgeht wird in China fast vollständig ausgeblendet. Auf der Internetseite des Museums liegt die letzte Erwähnung des Hamburger Büros sieben Jahre zurück, als das Büro von Gerkan, Marg und Partner (GMP) gerade den Wettbewerb gewonnen hatte. In einer Pressemeldung vom 16. Februar, als Museumsdirektor Lü Zhangshen 30 Medienvertreter stolz durch den Bau führte, wird GMP dagegen mit keinem Wort erwähnt. „Der Umbau ist fast fertig und wir hoffen, dass dieses große Museum ein großes Land würdig vertreten kann“, sagte Lü damals. „Ich glaube, das Nationalmuseum ist doppelt würdig: Es verkörpert die Würde des jedes Einzelnen und die Würde des Staates.“

Von Gerkans Lorbeeren erntet die staatliche Baufirma Beijing Urban Construction Group (BUCG). „Ein neues Museum zu bauen, das Chinas 5000jähriger Geschichte und herausragenden Zivilisation angemessen ist, stellt eine große Aufgabe dar“, schrieb die Nachrichtenagentur Xinhua ein einem Schwärmstück. „Die Arbeiter von BUCG haben mit ihrem Herz, Blut und Schweiß einen heiligen Tempel für das chinesische Volk errichtet.“ Die parteiunmittelbare Volkszeitung nannte den Umbau einen „wichtigen Erfolg für den Kulturaufbau“, und die Baufirma selbst rühmt sich auf ihrer Webseite: „Heute steht das neue Nationalmuseum östlich von Tiananmen wie ein kultureller Gigant, der täglich im Morgenrot Besucher aus ganzer Welt mit der offenen Armen und einem Lächeln empfängt, um ihnen die 5.000-jährige chinesische Zivilisation zu zeigen.“

Von Gerkan, dem seine eigene Präsenz in den Medien keineswegs egal ist, versucht den geklauten Glanz sportlich zu verkraften. „Ich hätte bei der Ausstellungseröffnung auch gerne ein paar Worte gesagt, aber das war bei den Chinesen nicht durchsetzbar“, sagt er. „Aber im Juli kommt die Bundeskanzlerin nach China und wird sich bestimmt auch das Museum anschauen, und dann darf hoffentlich auch ich mal was sagen.“

Bernhard Bartsch | 01. April 2011 um 03:21 Uhr

 

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