Bernhard Bartsch

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Peking ist flüssig

Chinas Devisenreserven steigen auf 2,85 Billionen Dollar – Geld, mit dem Peking sich internationalen Einfluss zu erkaufen versucht.

Die reichste Regierung der Welt ist vergangenes Jahr noch reicher geworden. Wie Chinas Zentralbank am Dienstag bekannt gab, erreichten die Devisenreserven 2011 den neuen Rekordstand von 2,85 Billionen US-Dollar (2,2 Billionen Euro), 18,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Damit hat die Volksrepublik das mit Abstand größte Fremdwährungspolster.

Verantwortlich für den Anstieg der chinesischen Devisenreserven ist vor allem Chinas weiterhin hoher Handelsbilanzüberschuss. 2010 lag er bei 183 Milliarden US-Dollar, was einem Rückgang von 6,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Mit 38,7 Prozent wuchsen die chinesischen Importe im zweiten Jahr in Folge schneller als die Exporte, die um 34,7 Prozent zulegten. Von der chinesischen Kauflust profitierte besonders die deutsche Industrie. Nach Schätzungen der Großbank Unicredit stiegen die deutschen Ausfuhren nach China vergangenes Jahr um rum 40 Prozent. Vor allem deutsche Maschinen und Fahrzeuge sind in der Volksrepublik begehrt. Dank hoher Staatsinvestitionen und einer lockeren Geldpolitik dürfte die Volksrepublik im vergangenen Jahr ein Wirtschaftswachstum von rund zehn Prozent erreicht haben.

Die mit den Devisenreserven verbundene Wirtschaftskraft gibt Peking zunehmend auch politischen Einfluss. Mit Investitionen in europäische Staatsanleihen und Unternehmen hatte Vize-Premier Li Keqiang in den vergangenen Tagen bei einer einwöchigen Europareise Vorbehalte gegen Chinas wachsende Macht zu zerstreuen versucht. Bei jeder Station wiederholte Li sein Bekenntnis zum Euro und Chinas Angebot, mehr europäische Staatsanleihen zu kaufen. Nach Angaben des Finanzministeriums hat die People’s Bank of China im vergangenen Jahr den Anteil europäischer Bonds in ihrem Devisenportfolio erhöht, Details sind jedoch nicht bekannt. Medienberichten zufolge soll China bereits zehn Prozent der spanischen Staatsschuldscheine besitzen und auch in Griechenland investiert haben.

Die Investitionen seien Teil einer langfristigen Strategie, mit der Peking ein gutes Verhältnis zu europäischen Staaten aufbauen und die Aufhebung von Handelsrestriktionen wie dem Waffenembargo und Einschränkungen bei Hochtechnologieexporten erwirken wolle, sagt Wang Yizhou, Wirtschaftswissenschaftler an der Peking Universität. „Aus politischer Perspektive können Investitionen in Europa das Verhältnis verbessern“, sagt Wang. „Je mehr China von Europa kauft, umso mehr steigen auch Chinas Möglichkeiten, in Europa wirtschaftlichen und politischen Einfluss auszuüben.“ Yi Xianrong, Ökonom an der staatlichen Akademie für Sozialwissenschaften, bezeichnet Chinas staatliche Investitionen in Europa sogar als „politischen Tauschhandel“. Zwar sei der Kauf von europäischen Anleihen riskant, aber ein wirtschaftlicher Zusammenbruch in der Euro-Zone würde auch China schwer treffen. „Europa steckt in tiefen Schwierigkeiten, und wenn die Krise sich verschlimmern wollte, wären auch Chinas Importe und Exporte betroffen“, sagt Yi.

Obwohl Chinas Ausgaben in Europa gemessen an der Größe des Währungspools relativ klein sind, wird das Engagement auf dem Kontinent vor allem in den USA mit Sorge betrachtet – und dürfte ein Schlüsselthema des Staatsbesuchs von Präsident Hu Jintao kommende Woche in Washington werden. Bisher waren die Chinesen verlässliche Geldgeber für die amerikanische Defizitfinanzierung hatten und sind mit Staatsanleihen im Wert von 907 Milliarden Dollar der größte Gläubiger des Landes. Doch angesichts der amerikanischen Finanznot bemüht sich China schon seit Jahren um eine stärkere Diversifizierung seiner Devisenreserven. Allerdings ist auch der Kauf von europäischen Anleihen ist in China nicht unumstritten. Der Ökonom Yu Yongding von der staatlichen Akademie für Sozialwissenschaften erklärte, China müsse sicherstellen, dass seine Investitionen sicher seien. Deshalb riet er dazu, statt spanischer oder griechischer Bonds lieber Anleihen der Europäischen Finanzstabilisierungsfazilität (EFSF) zu kaufen, die den Rettungsschirm der Euro-Zone organisiert. Die EFSF will Ende Februar durch die Ausgabe von Anleihen zunächst 16,5 Milliarden Euro zusätzliches Kapital aufnehmen.

Allerdings soll in Zukunft ein größerer Teil der chinesischen Deviseneinnahmen von Unternehmen und privaten Investoren verwaltet werden. Schon in den vergangenen Jahren finanziert der Staatsfond China Investment Corp. in großem Maßstab Auslandsaktivitäten chinesischer Konzerne. Insbesondere als Käufer von Rohstoffen haben die Chinesen Aufmerksamkeit erregt. „Die Welt wird sich daran gewöhnen müssen, dass China neben seinen Waren künftig auch immer mehr Kapital exportieren wird“, sagt Lu Jinyong, Ökonom an der Pekinger Universität für Internationale Wirtschaft. „Bisher ist das noch sehr beschränkt, weil Auslandsinvestitionen in der Regel die Genehmigung der Zentralregierung brauchen, aber inzwischen werden internationale Engagement immer mehr ermutigt.“ Eine der Maßnahmen, mit denen Peking seinen Unternehmern den Schritt auf die Weltmärkte ebnen will, machte am Dienstag Schlagzeilen. Fabrikanten und Händler aus dem für ihre guten internationalen Netzwerke bekannten südchinesischen Wenzhou sollen künftig Sonderrechte im Umgang mit Auslandswährungen genießen. Wer seinen Hauptwohnsitz in der Industriestadt hat, darf künftig bis zu 200 Millionen Dollar außerhalb Chinas investieren. Anlagen im internationalen Finanzsystem sind allerdings ausgeschlossen.

Bernhard Bartsch | 12. Januar 2011 um 03:39 Uhr

 

Ein Kommentar

  1. Paul Scheibling

    19. Juli 2011 um 17:53

    GutenTag Hr.Bartsch

    Mit interesse habe Ihren Artikel über chinas Weintrinker gelesen (NZZ am Sonntag 17.07.2011). Sie erwähnen darin den Weinimporteur Fleischer. Wäre es Ihnen möglich mir die Adresse, email, von Hr.Fleischer zu geben? Ich besitze einen grösseren Posten Bordeaux Weine (Privat) und suche einen Weinhändler, welcher meine Flaschen an den Mann, bzw. an den Chinesen bringen könnte. Besten Dank für Ihre Bemühungen. Mit freundlichen Grüssen aus St.Gallen (Schweiz) Paul Scheibling