Bernhard Bartsch

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Peking hält die Luft an

Chinas Hauptstadt leidet unter dramatischer Luftverschmutzung. Die Pekinger machen dafür ihre Regierung verantwortlich.

PEKING Pan Shiyi ist ein mächtiger Mann. Mehr als 13 Millionen Chinesen folgen dem Pekinger Bauunternehmer und Fernsehstar bei „Weibo“, dem chinesischen Twitter. Dieser Tage beglückte der scharfzüngige Pan seine Fans mit einer besonders treffenden Anekdote. „Die Beamten haben mich einmal zum Teetrinken eingeladen, weil ich etwas über Pekings Luftqualität geschrieben hatte“, berichtete Pan. Teetrinken ist in China ein Synonym für eine Vorladung bei der Staatssicherheit. „Ausländische Kräfte benutzen dich“, habe ein Beamter ihm vorgeworfen. „Weißt du, was das für ein Problem ist?“

Die beißende Kritik in Pans kleiner Geschichte konnte keinem entgehen. Peking und andere nordchinesische Städte leiden seit Tagen unter Rekordsmog, und viele Chinesen werfen ihrer Regierung katastrophales Versagen vor. Denn obwohl die Umweltprobleme in Chinas Städten seit Jahren zunehmen, versuchen die Behörden, das Volk glauben zu machen, die Luftqualität werde immer besser. Wer das Gegenteil behauptet gilt als Verräter. Doch angesichts der dunklen, stinkenden Schmutzglocke, die derzeit über der Hauptstadt liegt, muss auch die Regierung eingestehen, dass die Probleme außer Kontrolle geraten sind. Am Montag hat Peking erstmals die Smog-Alarmstufe Orange ausgerufen. Das ist die zweithöchste Alarmstufe. Im Rahmen eines Notfallplans wurde der Schadstoffausstoß einzelner Fabriken reduziert. Laut der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua stoppten die Autofabrik des südkoreanischen Herstellers Hyundai sowie eine Zementfabrik die Produktion. Zudem gilt ein Fahrverbot für einen Teil der Behördenautos .

Den 20 Millionen Einwohnern raten die Behörden derzeit, so wenig wie möglich vor die Tür zu gehen. Alte, Kranke und Kinder sollten am besten gar nicht das Haus verlassen. Das staatliche Fernsehen rief die Bewohner der Hauptstadt am Montag auf, wegen der schlechten Sicht und der Gesundheitsgefahren weiterhin nicht mit dem Fahrrad zu fahren. Bereits am Samstag waren mehrere Stadtautobahnen geschlossen worden, weil die Sichtverhältnisse zu schlecht waren. Auch Pekings Flughafen musste vorübergehend den Betrieb einstellen.

Die derzeitige Schadstoffbelastung überrascht selbst Experten. Die Messung von gesundheitsgefährlichem Feinstaub mit einem Durchmesser von 2,5 Mikrometern, welche die US-Botschaft in Peking auf ihrem Dach durchführt und im Internet veröffentlicht, erreichte am Samstag einen Wert von 728 – und das bei einer Skala, die eigentlich bei 500 enden sollte. Als gut gilt Luft nur bei einem Wert unter 50. Ab 300 gelten Konzentrationen als akut gesundheitsgefährlich, weil die winzigen Partikel direkt in die Lunge und von dort ins Blut gelangen können. Feinstaub kann Schlaganfälle, Herzerkrankungen, Atemwegsleiden, Geburtsschäden oder Krebs auslösen, warnen Ärzte. Um sich gegen die Luftverschmutzung zu schützen, kaufen Pekinger nun teure Luftfilter und Atemmasken. In Online-Verkaufsbörsen stieg der Verkauf seit Freitag um das Zehnfache, wie Xinhua berichtete.

Die Messung der chinesischen Umweltbehörde erreichte allerdings nur einen Wert von 456. Dass er deutlich unter der amerikanischen Botschaftsmessung liegt, erklärt sich wohl damit, dass die Regierung ihre Luftdaten vorwiegend am Stadtrand erhebt. Viele Chinesen werfen den Behörden seit Langem vor, die Öffentlichkeit bewusst über das Ausmaß der Luftverschmutzung zu täuschen. Schließlich weigerte sich Chinas Umweltamt bis vor wenigen Monaten, Feinstaub überhaupt nach internationalen Standards zu messen.

Dass die US-Botschaft die offiziellen chinesischen Angaben Lügen straft, sorgt seit Jahren für diplomatische Spannungen zwischen Peking und Washington. Chinas Stellvertretender Umweltminister bezeichnete es kürzlich als unverschämt, dass die USA „chinesische Luft nach amerikanischen Standards“ zu messen wagten. Die Chinesen vertrauen in diesem Fall aber lieber den Ausländern, und schließen sich Pan Shiyis Spott gegen die eigene Regierung an. „Die Luft in Peking ist so schmutzig, als hätten die Japaner Gasbomben geworfen“, kommentierte ein Weibo-Benutzer seine Anekdote, und ein anderer schrieb: „Ich wüsste gerne, ob die alten Knacker im (Regierungsviertel) Zhongnanhai immer noch Frühsport machen.“

Bernhard Bartsch | 15. Januar 2013 um 08:00 Uhr

 

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