Bernhard Bartsch

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Peking dreht am Yuan

China gibt überraschend die Dollar-Bindung seiner Währung auf. Mit einer schnellen Aufwertung des Yuan ist trotzdem nicht zu rechnen.

Es könnte eine der wichtigsten wirtschaftspolitischen Entscheidungen des Jahres sein – und sie wurde verkündet wie ein behördlicher Formalakt: Am Samstagabend veröffentlichte Chinas Zentralbank auf ihrer Webseite eine Pressemeldung, deren Überschrift nur zur Hälfte lesbar war und lediglich durch das daneben blinkende Wort „new“ ins Auge fiel: „Weitere Reform des RMB-Wechselkursregimes und Weiterentwicklung der RMB-Wechselkursflexibilität“ lautete der nüchterne Titel, der weltweit umgehend als Signal interpretiert wurde, dass Peking nach monatelangem politischem Tauziehen zu einer Aufwertung seiner Währung bereit ist.

Westliche Regierungen, insbesondere die der USA, werfen der Volksrepublik vor, dass der fest an den Dollar gekoppelte Renminbi (RMB, auch Yuan genannt) massiv unterbewertet sei und eine massive Verzerrung des internationalen Wettbewerbs bewirke, weil er Chinas Exporte künstlich verbillige.
Obwohl Peking die Kritik stets zurückgewiesen hatte, ist die Regierung nun offenbar zu dem Schluss gekommen, dass eine Änderung des Währungssystems auch im chinesischen Interesse ist. Die Bindung an den Dollar werde aufgehoben, hieß es in der Meldung. Stattdessen werde man den Yuan-Kurs künftig stärker nach „Angebot und Nachfrage, in Bezug auf einen Währungskorb“ bestimmen.

Die Ankündigung erinnert an die vorige Kurskorrektur des Yuan: Im Juli 2005 hatte die Zentralbank schon einmal einen Währungskorb eingeführt und den Yuan schrittweise um rund 20 Prozent steigen lassen, bevor sie mit Ausbruch der Finanzkrise im Interesse der Stabilität wieder zur Dollar-Koppelung zurückgekehrt war. Über die Zusammensetzung des Währungskorbs machte China keine Angaben.

US-Präsident Barack Obama begrüßte die chinesische Ankündigung. „Chinas Entscheidung, die Flexibilität seines Wechselkurses zu erhöhen, ist ein konstruktiver Schritt, der bei der Sicherung des Aufschwungs helfen und zu einer ausgewogeneren Weltwirtschaft führen kann“, hieß es in einer Mitteilung des Weißen Hauses. Sein Finanzminister Timothy Geithner, der noch vor einer Woche den Druck auf China erhöht und indirekt mit Strafzöllen auf chinesische Produkte gedroht hatte, erklärte: „Eine entschlossene Umsetzung wäre ein positiver Beitrag zu einem robusten und ausgewogenen, globalen Wachstum.“ Der Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn, sprach von einer „ermutigenden Entwicklung“.
Wie weit Peking den Yuan diesmal steigen lassen will, ist unklar. Westliche Ökonomen halten die Währung für bis zu 40 Prozent unterbewertet. China selbst stellte noch am Sonntag klar, dass eine einmalige Aufwertung ausgeschlossen sei. Die Zentralbank werde den Wechselkurs „auf einem vernünftigen und ausgeglichenem Niveau grundsätzlich stabil halten“, dämpfte ein Sprecher übertriebene Hoffnungen.

Chinesische Zentralbankvertreter haben mehrfach angedeutet, dass sie die Währungspolitik in erster Linie als Mittel der Inflationsbekämpfung sehen. Stärkere Anstiege von Verbraucher- und Produzentenpreisen könnten also eine schnellere Aufwertung bedeuten. Westliche Industrienationen gehen ihrerseits davon aus, dass eine Yuan-Aufwertung sich positiv auf ihre Exporte nach China auswirken und den Preisdruck auf einheimische Industrien verringern wird. Entwicklungs- und Schwellenländer erhoffen sich von einem stärkeren Yuan ebenfalls eine Verbesserung ihrer Wettbewerbsfähigkeit.
Dass Peking die Änderung seines Währungssystems wie beiläufig verkündete, dürfte kein Zufall sein. Chinas Regierung hat stets betont, sich in der Yuan-Frage nicht unter Druck setzen lassen zu wollen. Noch vergangene Woche hatte Außenamtssprecher Qin Gang erklärt, Peking verbitte sich auf dem kommendes Wochenende im kanadischen Toronto stattfindenden G20-Gipfel eine Diskussion über seine Währung. Doch nun dürfte der Yuan für die anreisenden Staats- und Regierungschefs ein Hauptthema werden. Wie viel Lob Chinas Präsident Hu Jintao dort allerdings von seinen Amtskollegen bekommen wird, dürfte davon abhängen, wie sich der Yuan in der kommenden Woche entwickelt. An den Märkten wir für Montag die erste Kursänderung erwartet – alles andere wäre nach der Ankündigung eine Enttäuschung.

Bernhard Bartsch | 20. Juni 2010 um 17:46 Uhr

 

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