Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Opportunistische Großmacht

Strategie China sieht seine Rolle zunehmend als Gegenspieler des Westens.

Es ist das rituelle Klagelied der transatlantischen Beziehungen: die Amerikaner, beschweren sich die Europäer, interessieren sich nicht mehr so recht für den Alten Kontinent, sondern schenken ihre Aufmerksamkeit zunehmend dem pazifischen Raum. Dabei richten die europäischen Regierungen ihre Augen nicht weniger nach Asien – allen voran Deutschland, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ihrem jüngsten Chinabesuch erneut demonstriert. Die engen Beziehungen zur Volksrepublik sind einer der wichtigsten Gründe dafür, dass Deutschlands Wirtschaft der europäischen Krise so viel besser standhält als die seiner Nachbarn. Und noch in diesem Jahr könnte China die USA als wichtigster deutscher Exportmarkt außerhalb der EU ablösen. Die Kanzlerin hat deshalb gut daran getan, das Verhältnis zu China zur Chefsache gemacht zu haben.

Fünfmal ist Angela Merkel bereits nach Peking gereist. Ein sechster Besuch soll noch dieses Jahr folgen, zu den zweiten deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen. Die gemeinsamen Kabinettssitzungen hatte Merkel im vergangenen Juni in Berlin ins Leben gerufen, um die politische Vertrautheit auf ein Niveau zu bringen, wie Deutschland es bis jetzt nur von westlichen Regierungen kennt. Dabei werden die deutsch-chinesischen Beziehungen auf unabsehbare Zeit ungleich schwieriger sein als die bewährte, wenn auch nicht immer einfache transatlantische Partnerschaft. Dass die chinesischen Behörden ein Treffen mit dem Juristen Mo Shaoping, dem Anwalt des inhaftierten Friedens-Nobelpreisträgers Liu Xiaobo, verhinderten, ist nur die Spitze des Eisbergs. Unter der diplomatisch geglätteten Oberfläche liegen kolossale Unterschiede in den politischen Zielen und wirtschaftlichen Interessen.

Politisch sieht Peking seine Rolle zunehmend als Gegenspieler der westlichen Staatengemeinschaft, die international lange den Ton angegeben hat. Die Abgrenzung ist für die Kommunistische Partei nicht nur notwendig, um Forderungen nach demokratischen Reformen abwehren zu können, sondern entspringt auch geostrategischem Kalkül. Chinas Aufschwung ist dem Westen nur dort willkommen, wo sich damit Geld verdienen lässt. Als Konkurrenten um Rohstoffe und territorialen Einfluss sind die Chinesen unerwünscht.

Um die etablierten Machtstrukturen aufzubrechen, geriert sich Peking als Leitmacht der Entwicklungs- und Schwellenländer. Regimes, die der Westen ächtet, rollt China den roten Teppich aus. Während etwa Amerikaner und Europäer Irans Atomprogramm mit Sanktionen stoppen wollen, beharren die Chinesen auf dem Recht auf freien Handel und machen die Drohung eines Ölembargos wirkungslos. Kurzfristig ist die Volksrepublik damit der Gewinner. Ob sich auf diesem Prinzip allerdings langfristig eine erfolgreiche Außenpolitik aufbauen lässt, ist fraglich. Nicht nur dem Westen bereitet das chinesische Machtstreben Sorgen, auch Chinas Nachbarn betrachten es mit Unbehagen. Echte Freunde hat Peking in der Welt nicht, und der Opportunismus, den die Partei häufig an den Tag legt, kann sich schnell gegen sie wenden.

Gleiches gilt in der Wirtschaft. Zwar profitieren derzeit Hunderte deutscher Unternehmen von den Chancen des chinesischen Marktes, doch das Engagement ist für viele gefährlich. Auch nach zehn Jahren chinesischer Mitgliedschaft in der Welthandelsorganisation WTO beschränkt Peking den Zugang zu vielen Märkten und manipuliert den Wettbewerb. Ihre Größe und Macht ermöglichen es der Volksrepublik, Methoden anzuwenden, derer sich sonst nur die USA bedienen können. Eine Zeit lang kann das gutgehen. Doch die Chinesen wollen von der Welt nicht nur Aufmerksamkeit, sondern auch Ansehen, Respekt und Sympathie. Bis dorthin ist es noch ein weiter Weg – wenn China ihn denn überhaupt schon eingeschlagen hat.

Bernhard Bartsch | 04. Februar 2012 um 03:46 Uhr

 

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