Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Opa Wens letztes Gedicht

Chinas Premier gibt seine letzte große Pressekonferenz und fordert noch einmal politische Reformen. Wie diese aussehen könnten, weiß er aber offenbar selbst nicht.

Wen Jiabao hat viel Zeit mitgebracht. Und einen dicken Stapel Sprechzettel. Es ist das zehnte und letzte Mal, dass Chinas Regierungschef die große Pressekonferenz abhält, die traditionell den Abschluss der Jahrestagung des Nationalen Volkskongresses bildet. Im Herbst wird die Kommunistische Partei seinen Nachfolger küren, der im kommenden März die Amtsgeschäfte übernehmen soll, und da Altkader in der Öffentlichkeit gewöhnlich nur noch Statistenrollen spielen dürfen, ist es für den 69-Jährigen die letzte Gelegenheit, sich ausführlich an sein Volk zu wenden.

„Ich habe 45 Jahre lang für China gearbeitet und dabei niemals meinen eigenen Vorteil gesucht“, gibt Wen den fleißigen Volksdiener. In den neun Jahren seiner Regierung habe das Land zwar eine große Entwicklung durchgemacht, aber viele Probleme seien ungelöst geblieben. „Dafür übernehme ich die Verantwortung und bitte um Verzeihung.“ Derartige Bescheidenheit hat Wen zum wohl populärsten Politiker des Landes gemacht. Die Medien nennen ihn liebevoll „Opa Wen“, und zum Abschied bemüht er sich, noch einmal besonders menschlich zu erscheinen. Er spricht langsam, mit ausgedehnten Pausen, in denen sich die rund tausend Journalisten im Saal mitunter fragen, ob der Premier den Faden verloren habe. Hat er natürlich nicht, denn sämtliche Fragen wurden im Vorfeld abgesprochen und die Antworten liegen auf Zetteln vor ihm.

Drei Stunden kostet er seinen Schwanengesang aus, und den Kameraleuten des Staatsfernsehens, das live überträgt, fällt es von Stunde zu Stunde schwerer, im Publikum interessierte Gesichter zu filmen. Dass Chinas Medien hinterher trotzdem Wens Volksverbundenheit und Ernsthaftigkeit rühmen, versteht sich von selbst. Nur im Internet gibt es Spott: „Opa Wen ist so alt geworden, dass ihm schon das Vorlesen schwer fällt“, schreibt ein Blogger, ein anderer sekundiert: „Wenn er so langsam regiert, wie er spricht, wundert mich nichts mehr.“

Wen gilt als Anhänger des liberalen Parteiflügels, der zuletzt stark an Einfluss verloren hatte, doch wer erwartet hatte, dass der Premier zu einem letzten Gefecht blasen würde, wurde enttäuscht. Zwar wiederholte er seine Forderung, dass China nach drei Jahrzehnten wirtschaftlicher Reformen nun auch eine politische Erneuerung brauche. „Chinas Reformen sind an einem kritischen Punkt“, erklärte er. „Ohne politische Strukturreformen können wir das, was wir erreicht haben, unmöglich erhalten.“ Doch zu der entscheidenden Frage, wie politische Reformen aussehen könnten, schwieg Wen, der in den 1980ern zum Kreis um den demokratiefreundlichen Parteichefs Hu Yaobang und Zhao Ziyang gehört hatte. Reformorientierte Chinesen hatten deshalb bis zuletzt gehofft, dass er an deren Tradition würde anschließen wollen.

Zu anderen Themen wiederholte Wen noch einmal seine altbekannten Positionen: Er warnte vor Protektionismus und rechtfertigte Chinas Währungspolitik, er kritisierte den Dalai Lama und gelobte ein stärkeres Engagement, um das Einkommen der ärmeren Bevölkerungsschichten anzuheben. Und wie jedes Jahr zitierte Wen ein Gedicht, diesmal von dem taiwanesischen Poeten Lin Chaosong. „Es wird einen Tag geben, an dem der Halbmond wieder ein Vollmond sein wird“, hat dieser geschrieben, woraus Wen einen dringenden Wunsch beider Chinas für eine Wiedervereinigung ableitete. Auch in seiner Poesieauswahl war Wen schon einmal liberaler: 2007 hatte er den chinesischen Dichter Ai Qing zitiert – den Vater des regimekritischen Künstlers Ai Weiwei.

Bernhard Bartsch | 14. März 2012 um 07:58 Uhr

 

Ein Kommentar

  1. Neru Kaneah

    15. März 2012 um 14:17

    Ai Qing war ja nun nicht gerade eine liberale Figur. Und fuer seinen Sohn kann er doch nichts. Ich bin jedes mal aufs Neue ueberrascht, wie deutsche Journalisten immer irgendwie die Kurve zu ihrem „Lieblings-Hosen-runter-Fuckfinger-hoch-Aktivisten“ kriegen.

    Ansonsten: Guter Text.