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„Opa Wen“ gegen den „Großen Bruder Bahn“

Chinas Bevölkerung reagiert wütend auf das Zugunglück von Zhejiang. Der Zorn zeigt das geringe Vertrauen in die Institutionen des Staates.

Das Zugunglück in der südchinesischen Provinz Zhejiang, bei dem am vergangenen Samstag 39 Personen ihr Leben verloren und fast 200 verletzt wurden, ist in der Volksrepublik zu einem Politikum erster Klasse geworden. Familien von Opfern, Internetbenutzer und sogar offizielle Medien zürnen öffentlich über die Arroganz von «Tie lao da», dem «Grossen Bruder Bahn», wie das skandalträchtige Eisenbahnministerium im Volksmund genannt wird.

Ministerpräsident Wen Jiabao versuchte am Donnerstag mit einem sorgfältig inszenierten Besuch am Unglücksort und bei Betroffenen, das Vertrauen in die Institutionen des Staates aufrechtzuerhalten. «Wir werden die Verantwortlichen für diesen Unfall hart bestrafen», sagte der Regierungschef, der im Volksmund «Opa Wen» genannt wird und der sein spätes Eingreifen in den Fall damit erklärte, dass er die vergangenen elf Tage im Krankenhaus verbracht habe. Die Untersuchung der Unfallursache müsse «offen und transparent» sein und zu Verbesserungen im ganzen Land führen, forderte Wen. «Der Bau von Hochgeschwindigkeitszügen in China soll Tempo, Qualität, Effizienz und Sicherheit vereinen, und die Sicherheit soll dabei die höchste Priorität haben.»

Dabei kursiert in China inzwischen öffentlich der Vorwurf, die chinesische Bahn sei nicht nur korrupt, sondern habe auch bewusst Sicherheitsmängel in Kauf genommen, um ihr Prestigeprojekt eines Hochgeschwindigkeitsnetzes mit heimischer Technologie zu verwirklichen. Nachdem die Behörden den tragischen Unfall zunächst mit einem Blitzschlag hatten erklären und so als Naturkatastrophe hatten abtun wollen, gestand die Regierung am Donnerstag ein, dass die Kollision wohl hätte verhindert werden können, wenn das von einem staatlichen Forschungsinstitut entwickelte Signalsystem zuverlässig funktioniert hätte.

Nachdem ein Blitzschlag die Oberleitungen beschädigt hatte, hätte ein Signal von Grün auf Rot schalten müssen, um folgende Züge zu stoppen. Das Pekinger Nationale Institut für Eisenbahnforschung und -bau veröffentlichte eine Entschuldigung, in der es sich bereit erklärte, «die Verantwortung zu übernehmen und die fällige Strafe zu akzeptieren». Drei ranghohe Beamte des Eisenbahnministeriums wurden bereits entlassen.

Doch der Druck der Öffentlichkeit dürfte weiter anhalten. Mehrere Medien setzten sich in den vergangenen Tagen über Anweisungen des Propagandaministeriums hinweg, sich bei der Berichterstattung streng an die offizielle Linie zu halten. Die Behörden hätten sich «zu sehr daran gewöhnt, immer nur gelobt zu werden, und in der Krise denken sie nun, sie könnten mit der Öffentlichkeit umgehen wie mit einem bürokratischen Apparat», schrieb die Zeitung «Huanqiu Shibao».

Im Internet sind die Vorwürfe noch weitaus deutlicher. Kritisiert wurde etwa eine Entscheidung der Behörden, die Eisenbahnwracks mit Erde zuschütten zu lassen, angeblich, um den Rettungskräften den Weg zum Einsatzort zu erleichtern. In der Öffentlichkeit wurde dies als Versuch gesehen, Beweisspuren zu vernichten. Auch die offiziellen Opferzahlen werden angezweifelt. Viele Chinesen erheben ausserdem den Vorwurf, die Regierung habe den Ausbau zu schnell vorangetrieben.

Nachdem das Eisenbahnministerium in den vergangenen Jahren immer wieder mit den Temposuperlativen seiner angeblich selbstentwickelten Züge Aufmerksamkeit gesucht hat, reiht sich seit Monaten ein Skandal an den nächsten. Im Juni gab es Unregelmässigkeiten bei der Eröffnung der Prestigestrecke zwischen Peking und Schanghai. Kurz vor der Jungfernfahrt musste das Bahnministerium bekanntgeben, dass die Züge nicht mit ihrer Höchstgeschwindigkeit von 380 km/h unterwegs sein würden, sondern nur mit höchstens 300. Doch auch so kam es immer wieder zu Ausfällen, Züge blieben auf offener Strecke liegen. Im Februar war Eisenbahnminister Liu Zhijun verhaftet worden, weil er im Zusammenhang mit Chinas Hochgeschwindigkeitszügen Bestechungsgelder in Millionenhöhe angenommen haben soll.

Bernhard Bartsch | 28. Juli 2011 um 04:13 Uhr

 

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