Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Ohne Kontrolle geht es nicht

Viele Spielzeuge enthalten giftige Chemikalien. Doch dass sie meistens aus China stammen, heißt noch lange nicht, dass auch die Chinesen die Schuld tragen.

Ein großer Teil des in Deutschland verkauften Spielzeugs ist mit Schadstoffen belastet – zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Stiftung Warentest. Bei einer Untersuchung von 50 Produkten wurden bei mehr als 80 Prozent giftige Chemikalien nachgewiesen, bei zwei Drittel sogar in hohen Mengen, und das selbst bei Traditionsmarken wie Brio, Eichhorn, Fisher Price, Sigikid oder Steiff. Die Suche nach den Verantwortlichen scheint auf den ersten Blick einfach: Mehr als die Hälfte der in Deutschland verkauften Spielzeuge stammt aus China und damit – zumindest statistisch – auch der größte Teil der beanstandeten Spielzeuge.

Doch so einfach ist es mit der Schuldzuweisung nicht. Denn dass die schadstoffverseuchten Spielzeuge aus der Volksrepublik stammen, heißt noch lange nicht, dass auch die chinesischen Hersteller für die Mängel die Verantwortung tragen. Diese liegt juristisch gesehen bei den Unternehmen, die das Spielzeug nach Europa importieren und hier auf den Markt bringen. Ihre Pflicht ist es also sicherzustellen, dass sie aus China einwandfreie Ware einführen. Doch weil der damit verbundene Kontrollaufwand teuer ist, wird an Qualitätsprüfungen häufig gespart.

Jedes größere deutsche Spielzeugunternehmen lässt heute zumindest einen Teil seiner Produkte in China fertigen oder bezieht von dort Vorprodukte. „Grundsätzlich können wir in China jede Qualität herstellen“, sagt der Spielzeugunternehmer He Bin aus der südchinesischen Provinz Zhejiang. „Aber unsere Kunden wollen es immer so billig wie möglich haben. Dabei ist Qualität auch in China nicht umsonst.“ Nachdem Produktskandale in den vergangenen Jahren das Vertrauen in „Made in China“ schwer erschüttert haben, beschäftigen viele ausländische Marken eigene Kontrolleure, die in den Fabriken ihrer chinesischen Zulieferer sicherstellen, dass die eingesetzten Chemikalien den europäischen Richtlinien für Kinderspielzeug entsprechen. Gleichzeitig haben auch die chinesischen Qualitätsbehörden sowie der chinesische Zoll ihre Überwachung verschärft. Die Devise der Pekinger Regierung lautet, dass lieber mangelhafte Lieferungen zurückgehalten werden sollen, als Chinas Image in der Welt zu beschädigen. Schließlich will die Volksrepublik mittelfristig nicht mehr nur ein Standort für Niedriglohnarbeit sein, sondern sich auch mit Qualitätswaren einen Ruf machen.

Allerdings zeigen die Ergebnisse der Stiftung Warentest, dass China davon noch weit entfernt ist. Die deutsche Studie deckt sich mit den Resultaten anderer Untersuchungen. In Taiwan fielen im September bei Tests der staatlichen Qualitätssicherungsbehörde ein Viertel der überprüften Spielzeuge durch. In Singapur war es im August die Hälfte. In beiden Fällen kamen die beanstandeten Produkte fast alle aus China. Anfang Oktober kam auch das Unternehmen Asiainspection zu dem Ergebnis, dass mindestens ein Viertel der in China für den Export hergestellten Spielzeuge nicht den europäischen oder amerikanischen Anforderungen entsprechen. „Solche Ergebnisse zeigen, dass Spielzeugimporteure sich der Risiken bewusst sein und entsprechende Kontrollmechanismen installieren müssen“, erklärte Geschäftsführer Sébastien Breteau, für den die Erkenntnis allerdings eine freudige Nachricht war. Seine Firma lebt vom Überprüfungsgeschäft.

Bernhard Bartsch | 22. Oktober 2010 um 03:31 Uhr

 

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