Bernhard Bartsch

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Googles Umzug könnte auch für China eine Gesicht wahrende Lösung sein.

Wissen ist Macht. Kein Wunder, dass die Kommunistische Partei Chinas es als direkten Angriff auf ihre Herrschaft betrachtet, dass der US-Internetkonzern Google den Chinesen ungefilterten Zugang zu Informationen ermöglichen will. Die strikte Kontrolle darüber, was das Volk wissen darf und was nicht, etwa über das Tiananmen-Massaker oder inhaftierte Demokratieaktivisten wie Liu Xiaobo, ist eine tragende Säule der Pekinger Ein-Partei-Diktatur. Die Chinesen sollen die Welt so sehen, wie der staatliche Propagandaapparat sie ihnen präsentiert. Die Zensur verhindert, dass in China die Macht vom Volke ausgehen kann.

Wissen ist ein Menschenrecht, das Chinas Regierung seiner Bevölkerung vorenthält. Darauf beruft sich Google bei seiner Entscheidung, Pekings Zensurbestimmungen nicht länger zu akzeptieren und seinen chinesischen Suchdienst künftig von der ehemaligen britischen Kronkolonie Hongkong aus zu betreiben, wo Presse- und Meinungsfreiheit durch die Regelung „Ein Land, zwei Systeme“ bis heute geschützt sind.

Das Unternehmen mit dem Leitspruch „Don´t be evil“ will nicht länger gezwungen sein, seine Suchergebnisse zu kastrieren und Verfasser kritischer Texte oder E-Mails bei den Behörden zu verpfeifen. Es ist ein mutiger Schritt, mit dem Google sein gesamtes China-Geschäft aufs Spiel setzt. Kein Konzern hat je Vergleichbares gewagt.

Doch Wissen ist nicht nur Macht und Menschenrecht, sondern auch eine Ware – und kein Unternehmen verdient mit ihrem Handel mehr Geld als Google. Unternehmerisch betrachtet ist der Kampf gegen Chinas Zensoren kein moralisches Heldenstück, sondern eine betriebswirtschaftliche Vernunftentscheidung. Googles vierjährige Präsenz in der Volksrepublik ist keine Erfolgsgeschichte. Mit Einnahmen von 200 Millionen US-Dollar im Jahr macht das China-Geschäft kaum ein Prozent des globalen Umsatzes von 22 Milliarden Dollar aus, und mit einem Marktanteil von rund einem Drittel ist Google in China nur die Nummer zwei hinter dem von der Regierung unterstützten Konkurrenten Baidu.

Chinas Regulatoren haben verhindert, dass die Amerikaner ihre Marktdominanz entfalten konnten, die darauf beruht, dass ihre Suchmaschine nicht nur Webinhalte analysiert, sondern auch ihre Benutzer, für die individuell angepasste Werbung geschaltet wird. In China darf Google diese Informationen nicht als Geschäftsgeheimnis unter Verschluss halten, sondern muss sie den Behörden zugänglich machen, die sie ungeniert an die Konkurrenz weitergeben.

Auch die Verzahnung von Googles verschiedenen Internetplattformen wurde behindert; unter anderem sind der Videodienst YouTube und das Diskussionsforum Blogspot blockiert. Unter diesen Bedingungen dürfte Google zu der Erkenntnis gelangt sein, dass der chinesische Markt mehr Risiken als Chancen birgt. Nicht böse zu sein, ist einfach, wenn es gleichzeitig den eigenen Interessen dient.

Ob sich Google tatsächlich vollständig aus China zurückziehen muss oder lukrative Geschäftszweige wie den Werbungsverkauf behalten kann, liegt in der Hand der chinesischen Regierung. Zwar könnte sie Google kurzerhand blockieren, doch damit würde sie Millionen Benutzer mit der Nase darauf stoßen, wie weit sie für die Zensur zu gehen bereit ist. Deshalb dürfte sie sich wohl entscheiden, den Status quo zumindest vorerst zu akzeptieren.

Obwohl Peking den Umzug nach Hongkong als Affront bezeichnet, könnte er sich für beide Seiten als Gesicht wahrende Lösung erweisen. Chinas Zensoren können behaupten, sich mit ihrer Forderung durchgesetzt zu haben, Google müsse die Gesetze der Volksrepublik respektieren. Die Möglichkeit, den Zugang zu unliebsamen Internetseiten zu blockieren, haben sie weiterhin. Die sogenannte „Great Firewall“, die Inhalte automatisch auf kritische Wörter durchsucht, wird unaufhaltsam ausgebaut. Allerdings wird chinesischen Benutzern von Google.cn stärker als vorher bewusst werden, dass ihnen bestimmte Inhalte vorenthalten werden.

Denn während die Selbstzensur der Suchmaschinen dazu führen soll, dass nur harmlose Ergebnisse angezeigt werden, greift die Zensur bei ausländischen Suchdiensten erst, wenn ein Link geöffnet werden soll. Jeder Benutzer wird dann merken, dass ihm ein Teil des Wissens der Welt vorenthalten wird – und sich womöglich dafür interessieren, wie es auf der anderen Seite der Großen Mauer aussieht.

Bernhard Bartsch | 24. März 2010 um 03:16 Uhr

 

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