Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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„Oh Papa, wie kannst du nur so dumm sein?“

Geng Hongtao möchte kein Bauer mehr sein. Sein Problem: 800 Millionen Chinesen wollen das Gleiche. Denn „Bauer“ ist in Chinas Städten inzwischen ein Schimpfwort.

Wenn Geng Hongtao in den Wintermonaten zu seinen Terminen geht, friert er ganz fürchterlich. Darauf ist er stolz, denn wenn ihm die Kälte in die Knochen zieht, hat er das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Meistens kommt er schon etwas früher, betrachtet aus sicherer Entfernung den Treffpunkt und sucht sich ein öffentliches Klo. Dort zieht er sein Jackett und den dicken Armee-Pullover aus, verstaut ihn ganz unten in seiner großen Aktentasche und zieht sein Sakko über das weiße Hemd mit der roten Krawatte. „Zum Anzug trägt man keinen Pullover“, sagt er. „Das ist unkultiviert, nur Bauern tun das.“ Und für einen Bauer soll ihn um Himmels willen niemand halten.

Geng ist 42 Jahre alt und stammt aus einem abgelegenen Dorf, eine Stunde entfernt von der Kleinstadt Xilinhaote in der Inneren Mongolei, dem chinesischen Teil der mongolischen Steppe. „Aber ich war dort kein Bauer, sondern Lehrer“, fügt er eilends hinzu, „für Englisch und alle anderen Fächer.“ Seine Familie, wie soll er sagen, ja, die könne man vielleicht als Bauern bezeichnen, zumindest im Moment noch, wo sie in der „alten Heimat“ leben, weil er es sich bisher nicht leisten kann, sie nach Peking zu holen. Aber sobald eines seiner Projekte zu einem florierenden Geschäft geworden ist, wird er eine Wohnung kaufen und für alle sorgen. Das sind die Vorstellungen, mit denen er sich warm hält, wenn er in der Eiseskälte darauf hofft, dass der nächste Termin endlich den ersehnten Durchbruch bringt. „Und wenn jemand wissen will, warum ich keinen Mantel trage, sage ich einfach, der sei gerade in der Reinigung, weil die Kellnerin bei einem Geschäftsessen Schnaps drübergeschüttet hat“, erklärt er. „Bauernmädel“, fügt er abfällig hinzu, wenn er sich besonders sicher fühlt.

Wer ist schuld an Überbevölkerung, Korruption,Seuchen und Kriminalität? Die Bauern!

Nicht für einen Bauern gehalten zu werden ist für Geng mehr als eine Sache des Stolzes. Es ist eine Schicksalsfrage. Bauer zu sein heißt, in der Stadt ausgeschlossen zu sein – von guten Jobs und Vertrauen, von einer zukunftsträchtigen Ausbildung für die Kinder und Anerkennung für die eigene Arbeit, ausgeschlossen von der Chance, der Perspektivlosigkeit auf dem Land zu entrinnen. Denn die Bauern gelten den Stadtbewohnern als Überträger der, wie Mao es nannte, „schlimmsten chinesischen Volkskrankheit“: der Armut. Und die Zeiten, in denen Armut in China keine Schande war, sind vorbei.

Erstmals in der chinesischen Geschichte wird der Kampf um die Verteilung des Wohlstands nicht mehr zwischen Herrschern und Untertanen ausgefochten, sondern zwischen zwei großen Bevölkerungsblöcken: auf der einen Seite die 500 Millionen Stadtbewohner, denen der Boom der vergangenen Jahrzehnte einen haushohen Vorsprung an Einkommen und Einfluss beschert hat, auf der anderen die 800 Millionen Bauern, die vom Aufschwung nur profitieren können, wenn sie ihrerseits in die Städte ziehen.

Zwischen 100 und 200 Millionen versuchen das derzeit. Aber dort sind sie alles andere als willkommen. Weil die Städter fürchten, die Lawine vom Land könne ihren noch frischen Wohlstand so stark verdünnen, dass von seiner Süße nichts mehr übrig bleibt, sind die Bauern für sie zum Reizthema geworden. Und da allgemeine Ängste schnell zu populären Vorurteilen gerinnen, hat sich „Nongmin“, wie Bauer auf Chinesisch heißt, zum gängigsten Schimpfwort der chinesischen Gegenwartssprache entwickelt.

Die Tonarten von „Nongmin“ reichen vom Verächtlichen bis zum Vernichtenden. In seiner harmlosesten Form markiert der Begriff – ähnlich wie im Deutschen etwa „Prolo“ oder „Ossi“ – den Verlauf der sozialen Fronten. Wenn jemand schlecht gekleidet ist, heißt das „Bauernaussehen“; wenn jemand auf die Straße spuckt oder sich im Supermarkt vordrängelt, ist das „Bauernbenehmen“; wenn Kinder nicht lernen wollen, warnt man sie: „Du willst doch kein Bauer werden.“

Oh nein, das wollen sie nicht. Denn stets schwingen die schärferen Konnotationen von „Nongmin“ mit. Die Bauern sind in den Städten die Sündenböcke für sämtliche Probleme: Warum leidet China an Überbevölkerung? Weil viele Bauern sich nicht an die Einkindpolitik halten. Warum ist das politische System so korrupt? Weil die Kommunistische Partei von Mao als Bauernpartei aufgebaut wurde und noch heute viele Kader auf dem Land rekrutiert. Warum entstehen Seuchen wie SARS oder die Vogelgrippe? Weil die Bauern mit ihren Tieren unter einem Dach leben und sie nicht ordnungsgemäß impfen. Warum sind Chinas Städte nicht mehr sicher? Weil sich dort viele Bauern mit Einbrüchen und Überfällen über Wasser halten. Ganz gleich welches Warum – Chinas Stadtbewohner haben immer eine Antwort, in der das Wort „Nongmin“ vorkommt.

Selbst die staatlichen Medien transportieren bisweilen solche Vorurteile. Das musste kürzlich der Volkssänger Shi Zhanming erfahren. Der 33-Jährige stammt aus einem abgelegenen Bergdorf in der Provinz Shanxi, wo er als Kind nicht zur Schule, sondern mit den Ziegen auf die Weide geschickt wurde, weswegen er bis heute nicht lesen oder schreiben kann. Doch weil er eine schöne Stimme hatte, fuhr er gelegentlich zu Gesangswettbewerben in die Kreisstadt Zuoquan, wo ihn vor vier Jahren ein Talent-Scout des Staatsfernsehens für das Sängercorps der volkstümlichen Hitparaden rekrutierte. Die Nachbarn hielten ihn für einen Glückspilz – bis er im Mai dieses Jahres in eine Show geschickt wurde und den Union Jack gezeigt bekam. „Zu welchem Land gehört diese Flagge?“, fragte der Showmaster. Shi hatte keine Ahnung, das Publikum murmelte, er wurde nervös und nannte schließlich das einzige Land, das ihm in seiner Not einfiel: „China.“ Damit wurde er in den staatlichen Medien über Nacht zum Symbol für die Bildungsdefizite der Landbevölkerung – aber nicht in der Opfer-, sondern der Täterrolle: „Dass ein Chinese die ei-gene Flagge nicht kennt, ist unverzeihlich“, echauffierte sich etwa die offizielle Tageszeitung »Shanghai Daily«. „Das ist kein Witz. Millionen Zuschauer sind schockiert.“ Eine andere Zeitung kolportierte, Shis kleine Tochter habe nach der Sendung gesagt: „Oh Papa, wie kannst du nur so dumm sein?“ Am ausgiebigsten feixte jedoch die chinesische Blogger-Szene – per se Teil der Städterlobby, aus Angst vor der chinesischen Internetpolizei aber meist eher linientreu. Sie nannte Shi einen Trottel, Nichtsnutz und Idioten, in der Regel aber nur „diesen Bauern aus Shanxi“.

Zwar ist es die erklärte Politik der Regierung, die Lebensumstände der Landbevölkerung zu verbessern. In der Realität gibt es aber weder ein Rechtssystem noch einen korrekten Umgang, geschweige denn einflussreiche Lobbys, die die Bauern davor schützten, dass die Stadtbewohner ihren Vorurteilen auch Taten folgen lassen, sobald sie sich in den Metropolen niederzulassen versuchen: Beamte verweigern ihnen Arbeitsgenehmigungen, Arbeitgeber prellen sie um ihren Lohn, Schulleiter weigern sich, die Kinder von Wanderarbeitern aufzunehmen. Häufig ist das illegal, aber Gesetze hin oder her – viele Stadtbewohner fühlen sich berufen, im Kampf gegen die „Verbäuerlichung“ ihren eigenen Beitrag zu leisten.

Es gibt zwei Möglichkeiten, dem Stigma zu entkommen: Reich werden. Oder kultiviert

Landbewohner wie Geng Hongtao, die in der Stadt Fuß fassen wollen, versuchen deshalb, so schnell wie möglich ihre Spuren zu verwischen. „Es gibt zwei Möglichkeiten“, glaubt er nach drei Jahren in Peking herausgefunden zu haben, „entweder man ist reich, oder man ist kultiviert.“ Einfacher haben es in jedem Fall die Reichen. Ein beträchtlicher Teil der wohlhabenden Bevölkerung in den Metropolen besteht aus Familien von Unternehmern, die es ursprünglich auf dem Dorf oder in Kleinstädten zu Geld gebracht haben. „Die meisten sind korrupte Hunde, das weiß jeder“, sagt Geng, „aber wenn man reich ist, muss man sich nicht mehr darum kümmern, was die Leute sagen. Dann ist man oben und schaut runter.“

Geng hatte anfangs nur 900 Yuan (90 Euro) in der Tasche, die Hälfte seines Ersparten nach mehr als zehn Jahren Arbeit in der Dorfschule; den Rest ließ er seiner Frau und seiner Tochter zurück. Er bewarb sich als Lehrer, doch sein Provinzdiplom war in Peking nichts wert. „Bauernlehrer brauchen wir hier nicht“, wurde ihm beschieden. Für Geng – in seiner Heimat der gebildetste Mann im Umkreis von Kilometern, brach eine Welt zusammen. In seiner Not nahm er eine schlecht bezahlte Stelle als Wohnheimaufpasser in einer Mittelschule am Stadtrand an – eine Zeit, die er heute als sein „Lehrjahr als Stadtbewohner“ bezeichnet. Denn der Schulleiter ließ alle Angestellten, die nicht aus Peking kamen, regelmäßig antreten, um sie Benimm zu lehren. „Wer bei uns arbeitet, darf sich nicht wie ein Bauer benehmen“, war das Leitmotiv seiner Monologe. „Ihr müsst lernen, Respekt vor anderen Menschen zu haben.“ Seine Vorstellungen davon, was das  bedeutete, waren eher militärischer Natur: Geng musste eine Uniform tragen, allen Lehrern und Eltern salutieren und aufstehen, wenn er mit ihnen sprach. Seine Lektionen untermauerte der Schulleiter mit Drillübungen. Jedes Wochenende mussten Geng und seine Kollegen auf dem Schulhof im Kreis exerzieren, strammstehen und Hacken knallend nach links oder rechts abtreten.

Die meisten empfanden die Erziehungsmaßnahmen des Schulleiters als Schikane, doch Geng nahm sie ernst. Er begann, die Vorurteile der Städter zu durchschauen und sich um sie herum eine neue Identität zu basteln. Seine freie Zeit verbrachte er in Buchhandlungen und stöberte in chinesischen Verhaltensratgebern. „Ein gepflegtes Aussehen ist das oberste Gebot für den neuen Menschen“, las er dort und kaufte sich einen Anzug. Er versuchte, seinen Dialekt zu unterdrücken und die Sprache der Pekinger zu kopieren, indem er wie sie aus tiefster Kehle sprach. Weil ihm das nicht gelang, erfand er eine faktenreiche Herkunftsgeschichte, die ihn zum Sohn einer während der Kulturrevolution aufs Land geschickten und dort vergessenen Professorenfamilie machte. Und er fing an, seinerseits wie die Städter schlecht über die Bauern zu reden.

Mag sein, dass er sich damit besser fühlt. Genützt hat es ihm bisher nichts. Obwohl er in den vergangenen Jahren alle paar Monate den Job wechselte – erst war er Nachtwächter in einer Bankfiliale, dann lieferte er Wasserkanister aus; er verkaufte Handys und pries in einem Supermarkt Joghurt an; er vertrieb Zeitungsabos und goss Blumen in Büros – änderte sich an seinem Einkommen wenig. 1000 Yuan (100 Euro) – das war die Obergrenze. Denn derzeit kommen so viele Arbeitskräfte vom Land in die Stadt, dass die Gehälter nicht steigen, sondern sinken.
Wenn er zum Frühlingsfest in die alte Heimat zurückfuhr, musste er eingestehen, dass er nie mehr als ein- bis zweitausend Yuan auf die hohe Kante gelegt hatte. „Und dafür lässt du uns hier allein?“, fragte seine Frau. Dem Rest des Dorfes erzählt sie allerdings nichts von den Problemen ihres Mannes. Denn die Bauern nennen ihn stolz „unseren Mann in der Stadt“ und sind überzeugt, dass ihm bald der große Durchbruch gelingen wird. Ein Vorurteil, das zu schön ist, als dass Geng darauf verzichten könnte. Deshalb friert er weiter.

Erschienen in: brand eins 11/2006

Bernhard Bartsch | 01. November 2006 um 05:23 Uhr

 

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