Bernhard Bartsch

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Nummernschilder zu gewinnen

Wer sich in Peking ein Auto kaufen will, braucht nicht nur Geld, sondern auch viel Glück.

Autos kann man in Peking künftig nicht mehr einfach kaufen, sondern nur noch gewinnen. Oder genauer: Das Recht zum Autokauf wird fortan verlost. Damit versuchen die Verkehrsbehörden den drohenden Verkehrskollaps auf den Straßen der Hauptstadt abzuwenden. Wie viele Pekinger deshalb um ihren Traum von den eigenen vier Rädern fürchten, zeigte sich bei der ersten Pekinger Nummernschildlotterie diese Woche: 210000 Interessenten bewarben sich auf 17600 Neuzulassungen, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua. Rund 90 Prozent der Nummernschilder sind für Privatleute reserviert, der Rest geht an Unternehmen. Um ein „offenes und faires Verfahren“ sicherzustellen, wurde die Verlosung live im Fernsehen und Internet übertragen.

Die Lotterie ist Teil einer Initiative von Bürgermeister Guo Jinlong, der versprochen hat, Pekings Stauprobleme in den nächsten fünf Jahren zu lösen. Die Straßen in der 22-Millionen-Metropole sind völlig überlastet. Dieses Problem zu lösen, ist ein mehr als ehrgeiziges Ziel. Während der Olympischen Spiele im Jahr 2008 sah Peking sich gezwungen, die Hälfte der Autos von der Straße zu nehmen, um einen reibungslosen Ablauf des Sportfests garantieren zu können. Derzeit sind in der Hauptstadt rund 4,8 Millionen Autos zugelassen, wovon allein 750000 im vergangenen Jahr angemeldet wurden. 2011 sollen nur noch 240000 Neuwagen hinzukommen. Die Neuregelung hatte in den Wochen vor ihrer Einführung einen regelrechten Sturm auf Pekings Autohäuser ausgelöst.

Peking ist nicht die erste chinesische Stadt, die das Wachstum der Blechlawine auf ihren Straßen mit Zulassungsbeschränkungen einzudämmen versucht. In Schanghai müssen Autokäufer ihre Nummernschilder schon seit Jahren ersteigern, wobei die Genehmigungen inzwischen so teuer sind wie Kleinwagen. Autohersteller befürchten, dass die Einschränkungsversuche Schule machen könnten. Schließlich hat inzwischen fast jede chinesische Stadt ein veritables Stauproblem. China ist inzwischen der größte Automarkt der Welt. Im vergangenen Jahr verkaufte die Branche in der Volksrepublik rund 18 Millionen Fahrzeuge, das ist ein Wachstum von rund einem Drittel.

Die Nachricht von den Beschränkungen hat selbst in Deutschland die Aktien von Autokonzernen vorübergehend fallen lassen. Deutsche Hersteller haben in der Weltwirtschaftskrise besonders vom Absatz in China profitiert. Nirgendwo werden so viele Autos verkauft wie in der zweitgrößten Wirtschaftsnation. Im vergangenen Jahr stieg der Absatz in China um 32 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 18 Millionen. Volkswagen meldete ein Plus von 37 Prozent auf knapp zwei Millionen. Audi verkaufte 43 Prozent mehr und kletterte erstmals über die Marke von 200000 Autos. Mercedes verdoppelte sogar seinen Absatz auf 147000. Ein Drittel aller Autos werden heute in nur zwei Dutzend chinesischen Großstädten verkauft.

Bernhard Bartsch | 28. Januar 2011 um 13:53 Uhr

 

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