Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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„Nordkorea wünscht sich einen Friedensvertrag“

Paik Hak-soon, Nordkoreaexperte des südkoreanischen Thinktanks Sejong Institute, über Pjöngjangs Nuklearmoratorium und die Aussichten für ein Friedensabkommen.

Bernhard Bartsch: Herr Paik, Nordkorea hat den USA am Mittwoch versprochen, sein Atomprogramm bis auf Weiteres einzustellen, im Gegenzug für umfassende Lebensmittellieferungen. Wie ist es zu dieser überraschenden Einigung gekommen?

Paik Hak-soon: Beide Seiten haben praktische Gründe, aufeinander zuzugehen. In den USA herrscht Präsidentschaftswahlkampf, und Barack Obama hat die Vision einer nuklearwaffenfreien Welt zu einer Säule seiner Aussenpolitik gemacht. Da will er sich von den Republikanern nun nicht vorwerfen lassen müssen, er habe zugelassen, dass in Nordkorea so etwas wie ein neues Pakistan entsteht, also eine weitere unkontrollierbare Atommacht. Ein neuer nordkoreanischer Nukleartest mitten im Wahlkampf wäre für Obama ein Albtraum. Ausserdem ist es den USA mit diesem bilateralen Abkommen gelungen, den Rivalen China unter Druck zu setzen. Die Chinesen sind ja eigentlich die engsten Verbündeten der Nordkoreaner und werden nicht glücklich sein, dass sie bei dieser Entscheidung aussen vor geblieben sind.

Und welches sind Nordkoreas Motive?

Für die Nordkoreaner ist die Atom- frage eng mit dem noch immer nicht beendeten Koreakrieg verbunden. Grundsätzlich wünscht sich Pjöngjang einen Friedensvertrag mit den USA und eine Normalisierung der Beziehungen. Denn solange dieses Problem ungelöst ist, kann Nordkoreas Regierung auch ihre anderen Probleme nicht in den Griff bekommen und eine Strategie für die Zukunft entwickeln.

Demonstriert Nordkoreas neuer Herrscher Kim Jong Un also bereits einen anderen Politikstil als sein im Dezember verstorbener Vater Kim Jong Il?

Um das zu bewerten, ist es noch zu früh. Auch Kim Jong Il hat sich um eine neue Strategie bemüht, nur ist er damit nicht sehr weit gekommen. Aus nordkoreanischer Sicht ist die Lage wirklich sehr vertrackt: China ist Nordkoreas einziger Verbündeter, und wenn die Nordkoreaner dieser einseitigen Abhängigkeit entkommen wollen, haben sie keine andere Wahl, als mit Ländern wie den USA, Südkorea oder Japan zu kooperieren. Dass Pjöngjangs neue Führung aber schon jetzt eine solche Initiative startet, zeigt immerhin, dass sie sich innenpolitisch sicher im Sattel fühlt.

Ist es nicht nur die blanke Not, die Nordkorea dazu treibt, Lebensmittelhilfen einzutreiben? Das Regime hat seinem Volk schliesslich versprochen, dass zum 100. Geburtstag von Staatsgründer Kim Il Sung im April ein «Zeitalter der Prosperität» anfangen werde.

Dass Nordkorea seine Versorgungsprobleme nicht aus eigener Kraftlösen kann, ist der Regierung schon lange klar. Deshalb sind Lebensmittellieferungen schon seit Anfang der Neunzigerjahre ein fester Bestandteil der Nukleargespräche. Allerdings ist diese Unterstützung für die Nordkoreaner nicht nur eine Frage praktischer Notwendigkeit. Sie sind gegenüber den USA sehr misstrauisch und suchen deshalb immer nach Anzeichen von gutem Willen und der Bereitschaft, ihr Land ernst zu nehmen. Deshalb ist es gut, dass Obama bereit ist, in einer positiven Weise auf die Nordkoreaner zuzugehen. Wenn – Washington bereit ist, Pjöngjang als Partner zu akzeptieren und dem Regime eine friedliche Koexistenz zuzusichern, ist ein Friedensabkommen möglich.

Aber wie steht es um die Ernsthaftigkeit der Nordkoreaner? In der Vergangenheit haben sie mehrfach zugesagt, ihr Nuklearprogramm einzustellen, ihre Versprechen aber immer wieder gebrochen.

So wird das häufig gesehen, aber wenn man sich die Geschichte des ganzen Konflikts ansieht, muss man zugeben, dass es zuerst die USA waren, die ihre Versprechen nicht gehalten haben.

In den Neunzigerjahren hatten sie Nordkorea einen Leichtwasserreaktor versprochen, diesen aber nicht geliefert.

Genau. Kim Jong Il war damals offenbar wirklich bereit, sein Atomprogramm aufzugeben, wenn die USA ihm helfen, sein Energieproblem zu lösen. Dass die Amerikaner ihn dann im Stich gelassen haben, hat die Verhandlungsbereitschaft nachhaltig beschädigt. Wenn dieser Konflikt tatsächlich gelöst werden soll, dann sind die Nordkoreaner also nicht die Einzigen, die Vertrauen schaffen müssen.

Bernhard Bartsch | 01. März 2012 um 07:39 Uhr

 

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