Bernhard Bartsch

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„Nordkorea wird seine Atomwaffen niemals aufgeben“

Nordkorea-Experte Andrei Lankov über Pjöngjangs Erpressungskünste, den Schulbuchamerikaner John McCain und Kim Jong-il als fürsorglichen Familienvater.

Andrei LankovNordkorea hat jüngst den Wiederaufbau des Atomreaktors Yongbyon angekündigt. Für den russischen Nordkorea-Experten Andrei Lankov von der Kookmin-Universität in Seoul ist das Teil eines langerprobten Erpressungsmusters. Im Interview erklärt er, warum Pjöngjang weiterhin an seinen Atomwaffen festhalten wird.

Frage: Herr Professor Lankov, der nukleare Abrüstungsprozess in Nordkorea droht zu scheitern. Bricht Kim Jong-il sein Versprechen, sein Atomprogramm internationaler Kontrolle zu unterstellen?

Lankov: Kim Jong-il hatte niemals vor, seine Atomwaffen abzugeben. Warum sollte er auch? Er würde dabei nichts gewinnen, aber viel verlieren.

Frage: Aber im Rahmen des Abrüstungsabkommens, das Nordkorea im Februar 2007 bei den Sechs-Parteien-Gesprächen mit den USA, China, Südkorea, Russland und Japan  geschlossenen hat, soll das Land doch gewaltige Hilfslieferungen erhalten. Es geht immerhin um den Gegenwert von ein Millionen Tonnen Rohöl.

Lankov: Kim ist zu gewieft, um sich von solch einer Einmalzahlung blenden zu lassen. Solange er Nuklearwaffen besitzt, kann er von der Welt ja immer wieder Hilfslieferungen erzwingen. Das tut er seit Jahren sehr geschickt. Insofern war das Abkommen keine besonders gute Idee, denn es hat Nordkorea nur noch einen weiteren Beweis geliefert, wie fantastisch atomare Erpressung funktioniert.

Frage: Was müsste man den Nordkoreanern anbieten oder androhen, damit sie auf ihre Atomwaffen verzichten?

Lankov: Im Moment hat das Ausland keinen Hebel, um Pjöngjang zu beeinflussen oder unter Druck zu setzen. Die Nordkoreaner haben große Angst vor einem Angriff durch die USA und haben nach dem Afghanistan- und Irakkrieg jegliches Vertrauen in Washingtongs Sicherheitsgarantien verloren. Sie sehen die Atomwaffen deshalb als dringend notwendig, um sich zu schützen. Außerdem dienen sie der internen Propaganda: Der Nukleartest von 2006 ist ja eine der wenigen Errungenschaft, die Kims Regierung vorweisen kann und mit der sie begründen kann, warum das Volk so viel Leid und Hunger erdulden muss: alles Opfer im Kampf gegen die imperialistischen Aggressoren.

Frage: Warum hat Nordkorea dann im Juni dem internationalen Druck nachgegeben und die Atomanlage Yongbyon gesprengt?

Lankov: Weil sich damit neue Hilfslieferungen herausquetschen ließen. Das Zugeständnis war allerdings kleiner, als es aussah: Nordkorea braucht die Anlange ohnehin nicht mehr. Kim hat schätzungsweise zehn Atomsprengköpfe – das ist alles, was er für seine Zwecke braucht.

Frage: Ist es unter diesen Umständen denn überhaupt sinnvoll, die Pekinger Sechs-Parteien-Verhandlungen weiterzuführen, deren Ziel ja die Lösung des Atomwaffenkonflikts ist?

Lankov: Solange das Regime sich an der Macht hält, werden die Sechser-Gespräche wahrscheinlich zu keinem Ergebnis kommen, aber trotzdem immer weitergehen. So bleibt man wenigstens im Kontakt und kann auf einen eingespielten Mechanismus zurückgreifen, wenn es mal zu einer echten Nordkoreakrise kommt.

Frage: Könnte ein Machtwechsel in Washington Bewegung in den Friedensprozess bringen?

Lankov: Ich denke, Kim wünscht sich einen Wahlsieg von John McCain. Von dem kann er schließlich erwarten, dass er genau das bestätigt, was die Nordkoreaner in ihren Grundschulkinderbüchern über die Amerikaner lernen: Sie drohen, schimpfen und beleidigen. Natürich kann man Nordkoreas Führung zu Recht als blutsaugende Diktatoren bezeichnen, aber muss der Präsident der Vereinigten Staaten das wirklich jeden Tag wiederholen? Es reicht vielleicht schon, dass er es nicht vergisst.

Frage: Barack Obama hat dagegen angekündigt, mehr auf Diplomatie und Einbindung zu setzen. Könnte er Nordkorea damit einen Ausweg aus der Isolation zeigen.

Lankov: Einbindung ist sicherlich der bessere Weg, solange man keine falschen Erwartungen hat: Mit einer Einbindungspolitik beeinflusst man schließlich nicht das Regime, sondern die Gesellschaft, in der Hoffnung dass diese dann selbst ihre Regierung ändert. Das braucht lange.

Frage: Glauben Sie denn, dass Nordkoreas Führungselite sich über den Tod von Kim Jong-il hinaus an der Macht halten kann?

Lankov: Über solche Fragen kann man nur spekulieren, denn über die Interna des Staatsapparates wissen wir ungeheuer wenig. Deshalb sollten wir auch Meldungen über eine mögliche Krankheit von Kim Jong-il nicht allzu ernst nehmen, denn wenn man alle Berichte glauben würde, wäre Kim schon über 50 Mal gestorben, aber bisher hat sich noch kein einziger davon bewahrheitet.

Frage: Aber selbst wenn die Berichte über Kims Schlaganfall im August nicht stimmen sollten, bliebe die Tatsache, dass er 66 Jahre alt ist und zeitlebens einen recht ungesunden Lebensstil geführt hat. Seine Herrschaft neigt sich damit so oder so dem Ende zu.

Lankov: Wenn Kim nicht mehr regierungsfähig ist, wird alles davon abhängen, ob die mächtigen Familien und Fraktionen sich auf einen gemeinsamen Nachfolger einigen können. Gelingt es ihnen, die Einheit des Regimes nach außen aufrecht zu erhalten, könnten sie noch Jahre oder sogar Jahrzehnte weiterherrschen, solange sie nicht Reformen nach chinesischem Muster einführen, denn dann würde wohl wie in der Sowjetunion alles zusammenbrechen. Sollte aber nach Kims Tod ein offener Machtkampf ausbrechen, wäre das wohl das Ende.

Frage: Kim wurde von seinem Vater Kim Il-sung schon früh zum Nachfolger auserkoren. Warum hat er selbst noch keinen seiner Söhne in Stellung gebracht?

Lankov: Nehmen sie meine Theorie dazu nicht wirklich ernst, denn ich tue es selbst nicht: Nach allem, was wir wissen, ist Kim ein guter Vater, guter Ehemann und sogar ein guter Exmann, der für das Wohlergehen seiner ehemaligen Konkubinen sorgt. Er weiß, wie labil Nordkorea ist, und wenn ihm das Wohlergehen seiner Familie am Herzen liegt, wäre es klug von ihm, seine Söhne bei der Nachfolge zu übergehen und irgendeinen überehrgeizigen General an die Macht zu bringen. Wenn dann alles zusammenbricht, wird dieser zunächst die Schuld bekommen, und bis sich die Nordkoreaner daran erinnern, mit welch unfassbarer Grausamkeit die Familie Kim Jahrzehntelang geherrscht hat, haben die Kims Zeit, sich in die Schweiz abzusetzen.

Bernhard Bartsch | 06. Oktober 2008 um 04:45 Uhr

 

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