Bernhard Bartsch

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Nordkorea reichert Uran an

Pjöngjang führt Wissenschaftlern moderne Atomanlage vor. Errichtet wurde sie womöglich mit Hilfe auf China und Pakistan.

Wenn Nordkoreas Diktator Kim Jong-il der Welt droht, bedient er sich meist martialischer Formulierungen. „Flammenmeer“ und „totaler Krieg“ gehören zum Standardvokabular seines offiziellen Sprachrohrs, der Nachrichtenagentur KCNA. Doch Pjöngjangs jüngste Warnung kommt in feinstem Wissenschaftsjargon daher. Anfang November lud Nordkorea drei Atomphysiker der US-Eliteuniversität Stanford ein, um ihnen eine bisher unbekannte Anlage zur Urananreicherung vorzuführen – und überließ es dann ihnen, das gefährliche Geheimnis mit der Weltöffentlichkeit zu teilen. „Man hat uns eine neue Anlage gezeigt, die eine moderne, kleine Industrieanlage zur Anreicherung von Uran mit 2000 Zentrifugen enthält“, schreibt Delegationsleiter Siegfried S. Hecker in einem Bericht, der zunächst dem Weißen Haus zuging, aber inzwischen auf der Universitätswebsite zu lesen ist. Zwar werde die Anlage vorrangig für zivile Anwendungen benutzt, doch sie könne „einfach umgebaut werden, um hochangereichertes Uran für Bomben“ herzustellen.

Damit ist es dem abgeschotteten Land offenbar gelungen, sein Atomprogramm in aller Heimlichkeit viel weiter voranzutreiben, als der Westen bisher ahnte. Zwar beobachten US-Militärs per Satellit schon länger Arbeiten zum Wiederaufbau der Atomanlage Yongbyon, die im Jahr 2008 im Zuge eines Abrüstungsabkommens teilweise zerstört wurde. Erst vergangene Woche hatte das in Washington ansässige Institute for Science and International Security (ISIS) von Hinweisen auf die Errichtung eines Leichtwasserreaktors berichtet, in dem theoretisch auch waffenfähiges Plutonium hergestellt werden könnte. Doch obwohl Nordkorea schon seit Jahren von seinem Urananreicherungsprojekt berichtet, war über dessen tatsächliche Existenz bisher nichts bekannt.

Hecker berichtete von einem „ultramodernen Kontrollraum“. Fotos habe er allerdings nicht machen dürfen und auch nicht Nordkoreas Behauptung überprüfen können, dass die Fabrik tatsächlich bereits niedrig angereichertes Uran produziere. Hecker bezweifelt, dass Nordkorea das Projekt allein entwickelt habe oder zu Ende bringen könne. Wahrscheinlich habe das Land Hilfe aus Pakistan und China erhalten, urteilte Hecker – und unterstellte China damit indirekt, im Nuklearkonflikt ein doppeltes Spiel zu spielen. Denn gleichzeitig bemühen sich Pekings Diplomaten um eine Fortsetzung der Sechs-Parteien-Gespräche zur Beilegung des Atomstreits. An den Verhandlungen in der chinesischen Hauptstadt nahmen in der Vergangenheit neben den beiden Koreas und China auch die USA, Russland und Japan teil.

Dass Kim Jong-il ausgerechnet jetzt einen Blick hinter die Kulissen erlaubt, ist wohlkalkuliert: Gestern brach der US-Sondergesandte für den Nordkoreakonflikt, Stephen Bosworth, zu einer neuen Vermittlungsmission nach Seoul, Tokio und Peking auf. Die internationale Sorge vor einer weiteren Aufrüstung Nordkoreas oder dem Bau eines womöglich unsicheren Kernreaktors dürfte die Verhandlungsposition von Pjöngjang durchaus verbessern.

Bernhard Bartsch | 21. November 2010 um 03:44 Uhr

 

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