Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Nischen der Meinungsfreiheit

In China erleben Buchläden eine Renaissance: Denn sie bieten der kritischen Internetgemeinde Gelegenheit, sich in der Wirklichkeit zu treffen.

Sanwei_Buchladen_BesitzerehepaarNeulich wurde im Sanwei-Buchladen wieder viel gelacht. Es war Samstagnachmittag und der 70-jährige Autor Yang Jishen hatte gerade anderthalb Stunden lang aus seinem Buch „Grabstein“ gelesen, einem schonungslosen Recherchebericht über die Hungersnöte der Mao-Zeit, der die offizielle Parteigeschichtsschreibung als hanebüchene Propaganda entlarvt. „Ihr Vortrag frustriert mich“, meldete sich ein junger Mann im Publikum zu Wort. „Ich bin Journalist bei einer Zeitung in der Provinz und darf immer nur gute Nachrichten schreiben, nie die Wahrheit.“ Was er denn machen müsse,um ab und zu auch einmal Texte verfassen zu können, für die er sich nicht zu schämen brauche, wollte er wissen. „Geduld, junger Mann, ihre Zeit wird kommen“, entgegnete Yang. „Ich habe mein Leben lang bei der Nachrichtenagentur Xinhua gearbeitet und in dieser Zeit höchstens drei anständige Texte schreiben können. Aber seitdem ich im Ruhestand, kann ich machen, was ich will. Freuen Sie sich also aufs Alter.“

Solch schwarzer Humor ist typisch für die Samstagnachmittage im Sanwei-Buchladen, einem traditionellen grauen Backsteinhaus unweit des Pekinger Regierungsviertels Zhongnanhai. Mehrere hundert Leute drängen sich dann in den kleinen Vortragssaal über dem Geschäft, und weil manchmal sogar der ganze Treppenaufgang rappelvoll ist, kann man die Lesungen hinterher auch im Internet als Video herunterladen. Im Netz kursieren auch die meisten Bücher, über die hier gesprochen wird und die es im Laden nicht zu kaufen gibt, weil Titel wie Yangs „Grabstein“ in der Volksrepublik auf dem Zensurindex stehen. Gesprochen wird über sie jedoch trotzdem, bei Sanwei oder in einem der anderen kleinen, privaten Buchläden, in denen Chinas Intellektuellenszene ihre Jour fixe abhält. Denn in China erlebt derzeit die alte Buchladenkultur eine Renaissance.

Schon vor hundert Jahren, als das Kaiserreich zerfiel und China seinen Weg in die Moderne suchte, waren Buchhandlungen ein wichtiger Umschlagplatz für Ideen über Reformen und Revolutionen. Nicht zuletzt Chinas Kommunisten der ersten Generation bezogen von den Regalen und in den angeschlossenen Salons das geistige Rüstzeug für ihren Umbruchsehrgeiz, inklusive Mao Zedong, der als Gehilfe in einer Pekinger Universitätsbibliothek seine ersten marxistischen Denk- übungen machte. Da die Partei die Macht von Worten und Wissen kennt, versucht sie die Debatten heute nach Kräften zu steuern und zurechtzustutzen, doch die Meinungsfreiheit findet trotzdem ihre Nischen.

Das wichtigste Forum für offene Debatten und Kritik ist das Internet, aber die Online-Intellektuellen kommen zunehmend auch in der realen Welt zusammen, wobei Buchläden der bevorzugte Ort sind, weil sich in den meist angeschlossenen Cafés oder Teehäusern ohne großes Aufsehen Veranstaltungen organisieren lassen.

Mehrere Dutzend private Buchhandlungen haben in den vergangenen Jahren in Peking eröffnet. Zwar können sie mit den Absatzzahlen der großen staatlichen Ketten nicht mithalten. So verfügt etwa die „Xidan Buchstadt“, das Flagschiff der offiziellen Xinhua-Kette im Herzen Pekings, über 60.000 Quadratmeter Ladenfläche und 200.000 vorrätige Titel. Auch der Internetbuchhandel gewinnt in China immer mehr Marktanteile.

Für die Kleinen ist der Verkauf von Büchern jedoch nur ein Teil ihres Geschäfts. Einige Buchläden wie das „Café Einbahnstraße“ oder das „Denker-Café“ rücken ihren Restaurantcharakter in den Vordergrund, um zu betonen, dass sie sich mehr als Treffpunkte denn als Buchvertriebe sehen. Andere existieren nur, weil sie reiche Liebhaber im Hintergrund haben. So wie Sanwei, der 1988 mit der Unterstützung einflussreicher unabhängiger Köpfe als erster privater Buchladen seine Tore öffnete.

„Wir waren damals die erste Pekinger Buchhandlung, in der die Kunden eingeladen waren, nach Lust und Laune zu lesen, ohne zum Kauf verpflichtet zu sein“, sagt Gründerin Liu Yuansheng. Die 72-Jährige galt unter Mao zwei Jahrzehnte lang als Revisionistin, ihr Mann verbrachte sieben Jahre im Gefängnis. „Als die Reformzeit anfing, hatten wir die erste Hälfte unseres Lebens schon verschwendet, weswegen wir umso mehr versuchen wollten, in der zweiten Hälfte noch etwas Sinnvolles zu tun.“ Bald wurde bei ihnen nicht nur gelesen, sondern auch musiziert und diskutiert. Da es sich bei den Vortragenden stets um namhafte Professoren und Intellektuelle handelte, die wussten, wie man auf der Grenze des Erlaubten tanzt, entging Sanwei der Zensur. „Viele Leute sagen uns, dass wir sehr mutig seien, weil bei uns immer über sensible Themen diskutiert wird“, sagt Liu. „Aber uns interessiert nicht die Sensibilität von Themen, sondern nur die Wahrheit,und es sollte eigentlich kein Mut nötig sein, diese offen auszusprechen.“

Allerdings sind die Buchläden nicht nur Orte für intellektuellen Altersmut. Den Großteil des Publikums machen Studenten, junge Akademiker oder Journalisten aus. Auch die Pekinger Dissidentenprominenz lässt sich hier regelmäßig blicken, etwa die Bloggerin Zeng Jinyan, deren Mann Hu Jiaderzeit wegen seiner offenen Demokratieappelle eine dreieinhalbjährige Haftstrafe verbüßt und vergangenes Jahr mit dem Menschenrechtspreis des europäischen Parlaments ausgezeichnet wurde. Der unangefochtene Superstar der jungen Vordenkerszene ist allerdings der 27-jährige Han Han, der gleichzeitig als Autorennfahrer, Herzensbrecher und Autor Karriere gemacht hat und einen der meistgelesenen Blogs des Landes schreibt, in dem er Geschichten aus chinesischen Medien aufgreift und bissig zu Ende denkt.

„Ich versuche, immer an die Grenze zu gehen und sie jedes Mal ein bisschen weiter hinauszuschieben“, sagte Han. „Ich habe das Glück, schon seit einigen Jahren berühmt zu sein, weshalb ich mir mehr erlauben kann als viele andere.“ Zwar will auch er sich nicht auf Frontalkämpfe mit dem Regime einzulassen, aber mit „Batman-Journalismus“ könne man auch in China für das Gute kämpfen. „Meiner Meinung nach ist Pressefreiheit im Moment das wichtigste Thema in China, denn ich glaube an die Macht von Informationen“, meint Han. „Heute sind viele Chinesen stolz darauf, dass es bei uns schon viel besser ist als in Nordkorea, aber wenn es Nordkorea nicht gäbe, sähen wir ganz schön alt aus.“

Solche Slogans kommen bei Chinas jungen Intellektuellen gut an, allerdings nur bei denen, die sich nicht von der Partei ins Dickicht nationalistischer Parolen locken lassen. Letztere sind in China zweifellos in der Mehrheit – und das Buchladenkonzept hat auch die Regimetreuen überzeugt, so dass sie inzwischen ihre eigenen Treffpunkte betreiben. Etwa das Buch-Café Utopia im Pekinger Universitätsviertel Haidian. Hier versammelt sich die so genannte „Neue Linke“, die der alten Linken näher steht, als der Name einzugestehen bereit ist. Buchauswahl und Veranstaltungsprogramm sind vor allem auf Revolutionsromantiker und Mao-Zeit-Nostalgiker zugeschnitten.

„Maos militärische Gedanken sind für immer die unbesiegbare Flagge unserer Armee“,lautete etwa das Thema des Vortrags, mit dem kürzlich Mei Qiyi, ein pensionierter General der Volksbefreiungsarmee, 250 Zuhörer in seinen Bann zog. „Der Vorsitzende Mao hat die systematischste, umfassendste und wissenschaftlichste Militärtheorie der Welt formuliert“, erklärte Mei. „Das wird in aller Welt anerkannt.“ Dann erging er sich zwei Stunden lang in der Beschreibung von Schlachten, die seit Jahrzehnten zu den Evergreens der Armeepropaganda gehören und immer dem gleichen Schema laufen: Die kommunistischen Truppen werden von bösen Kräften in eine aussichtslose Lage manövriert, doch dann erscheint Mao mit Bonmots wie „Siege werden nicht mit Waffen, sondern mit dem Herz entschieden“ und der Sieg ist sicher. Die Zuhörer – im Schnitt deutlich älter und weniger gut situiert als die Sanwei-Besucher – gaben Szenenapplaus.

In den Buchregalen stehen neben marxistischen Klassikern und Mao-Bildbändenauch die Manifeste des neuen, trotzigen chinesischen Selbstbewusstseins. Etwa „China kann Nein sagen“, dessen Autoren 1996 mit antiwestlichen Tiraden auf der nationalistischen Klaviatur spielten. Oder „Währungskrieg“, in dem eine angebliche antichinesische Verschwörung des internationalen Großkapitals entdeckt wird. Oder der Anfang 2009 erschienene Bestseller „China ist nicht glücklich“, der die Chinesen lehrte, die Ursachen vieler Probleme geradewegs im Ausland zu suchen. Gleichzeitig verkauft sich hier auch die so genannte „Großlandliteratur“ bestens, die China an seine alte Stärke erinnern soll.

„In der Menschheitsgeschichte hat es nur ein einziges Reich gegeben, das weltweit eine noch größere Bedeutung gehabt hat als das heutige Amerika, und das war das China der Tang-Dynastie“, sagt Zhu Daping, Vorsitzender des „Pekinger Informationszentrum für gesellschaftliche Erziehung und Kultur“, einer der größten Vertreiber von Propagandaliteratur. Doch in den über tausend Jahren nach dem Ende der Tang-Zeit habe China sein Selbstbewusstsein verloren. „Damals hat China die klügsten Köpfe des Planeten angezogen und die fortschrittlichsten Ideen in die Welt zurückgetragen“, erklärt Zhu, „und aus aller Welt kamen Frauen, um mit chinesischen Männern zu schlafen, weil das ihr größter Traum war.“ Zwar verrät Zhu damit womöglich mehr über seine eigenen Wünsche als über die chinesische Geschichte. Doch bei den Massen kommt das allemal gut an.

Bernhard Bartsch | 10. Oktober 2009 um 03:53 Uhr

 

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