Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Nie mehr Fu Manchu

Viele Chinesen sind überzeugt: Die im Westen achten uns nicht. Und finden auch überall Beweise für ihre These.

Wer erinnert sich an einen Film, in dem die Chinesen die Guten sind? Abgesehen von chinesischen Streifen, natürlich. Viel einfacher ist es, sich auf Filme mit Antihelden aus dem Reich der Mitte zu besinnen. Dr. Fu Manchu war der Vater aller chinesischen Halunken, ein satanischer Meisterkrimineller aus einer Zeit, als der Umgang mit rassistischen Klischees noch unbekümmert und die Warnung vor der „Gelben Gefahr“ gesellschaftsfähig war. Seit Fu Manchu in den Dreißigern erstmals auf die Leinwand kam, mussten viele Filmhelden gegen Chinesen antreten, von James Bond („Der Morgen stirbt nie“) über Ethan Hunt („Mission Impossible III“) bis Lara Croft („Tomb Raider II“).

Eigentlich geht es zwar nur um leichte Unterhaltung, doch weil Popkultur mächtig ist, löst jeder neue Leinwandbösewicht chinesischer Herkunft in Chinas Medien und Chat-Räumen einen Aufschrei aus. Für die Chinesen ist die Rollenfestlegung Teil eines größeren Plots, der sich in einem Satz zusammenfassen lässt: Die Welt verweigert uns den Respekt. Seit dem 19. Jahrhundert, als sich die westlichen Kolonialmächte den Zugang zum chinesischen Markt freischossen, gehört die Ablehnung durch das Ausland zum nationalen Selbstbild.

Die Beweise dafür finden sich nicht nur im Kino. In westlichen Medien ist Kritik an China allgegenwärtig. Egal, ob es um das politische System, den Schutz geistigen Eigentums oder die Achtung der Menschenrechte geht – nur selten bekommen die Chinesen gute Noten. Pekings staatlicher Medienapparat sorgt seinerseits dafür, dass möglichst viele Chinesen die Vorwürfe persönlich nehmen. „Warum könnt ihr uns nicht einfach in Ruhe lassen?“, sagt ein Pekinger Bekannter, ein Satz, den man in Variationen von Wanderarbeitern ebenso hört wie von Spitzenpolitikern. „Einige Ausländer mit vollen Bäuchen haben nichts Besseres zu tun, als mit dem Finger auf uns zu zeigen“, empörte sich Chinas Vizepräsident und designierter nächster Staatschef, Xi Jinping. „China exportiert erstens keine Revolutionen, zweitens exportieren wir keinen Hunger, und drittens machen wir niemandem Ärger – was beschwert ihr euch also?“

Der Anspruch, im Ausland geschätzt zu werden, gehört gewissermaßen zu Chinas kultureller DNA. Mehr als tausend Jahre lang waren die Chinesen die fortschrittlichste Zivilisation, und die Tributgaben, zu denen der Kaiserhof seine Nachbarn zwang, ließen sich leicht als Huldigungsgeschenke deklarieren. Auch innerhalb der konfuzianischen Gesellschaft war Respekt ein zentraler Begriff. Auf Chinesisch bedeutet er „zun-zhong“, wobei der erste Wortteil „ehren“ bedeutet und der zweite „ernst nehmen“, zusammen also in etwa: „Ehre, wem Ehre gebührt.“

Wer geehrt werden sollte, schrieb Konfuzius genau vor: Die Jungen mussten die Alten respektieren, die Frauen die Männer, das Volk seine Herrscher und die Ungebildeten die Gelehrten. Der gesellschaftliche Rang hing davon ab, wem man Respekt schuldete und von wem man ihn bekam. Während am anderen Ende des eurasischen Kontinents das Jesuswort „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ humane Verhältnisse beschwor, lehrte die chinesische Leitkultur, dass man nur diejenigen zu lieben brauchte, die es verdient hatten.

Daran änderte auch der Kommunismus mit all seinen christlichen Wurzeln nichts. Er war ohnehin nur eine Übergangsideologie hin zu einer Welt, in der endgültig das Geld regiert. „Wie viel Respekt man bekommt, hängt heute davon ab, wie reich man ist“, sagt eine Pekinger Freundin. „Ohne Geld ist ein Mensch nichts wert.“

Auch der verbreitete Unmut über mangelnde Wertschätzung des Westens hat materielle Gründe. Die trotz allen Fortschritts noch immer weitverbreitete Armut ist vielen Chinesen peinlich. Und sie suchen und finden überall Anzeichen für mangelnde Anerkennung. Ein Chinese, der kürzlich von einer deutschen Stiftung zu einer Delegationsreise nach Frankfurt eingeladen worden war, beschwerte sich, dass man ihm das billigstmögliche Ticket gebucht und einen Zwischenstopp in Istanbul zugemutet hatte, statt ihn mit der Lufthansa direkt fliegen zu lassen. Ein Schulleiter, der mit einer Klasse zum Austausch nach Niedersachsen gereist war, monierte, dass er im Gästezimmer eines deutschen Kollegen schlafen musste statt in einem Hotel. Ein Arzt für Traditionelle Chinesische Medizin warf ausländischen Medizinern Arroganz vor, weil sie die alte Heilmethode in Zweifel zogen. Ein Pekinger Philosophieprofessor fühlte sich nicht ernst genommen, weil ein Berliner Kollege glaubte, er verstehe Kant ein wenig besser. Wer so denkt und entsprechend reagiert, provoziert am Ende eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Mitunter werden unorthodoxe Methoden bemüht, sich Respekt zu verschaffen. Für ein internationales Schülerfußballturnier lieh sich eine Schule in Tianjin Jungprofis aus und gewann haushoch. Doch der Betrug flog auf, als Schüler sich verplapperten und den Ausländern erzählten, sie hätten die Spieler noch nie gesehen. Statt Beifall bekamen die Chinesen den Vogel gezeigt.

Dabei dürfte der Ärger über mangelnde Anerkennung weitgehend auf einem Missverständnis beruhen: Welches Volk wird von anderen schon so bewundert, wie es sich das selbst wünscht? Doch da das Thema in China heikel ist, wartet inzwischen jeder Ratgeber mit dem Tipp auf, man müsse Chinesen unbedingt auf Augenhöhe begegnen. Diesen Hinweis haben offenbar auch die Bosse des Hollywood-Studios MGM gelesen, die in Chinas Kinos einen Wachstumsmarkt sehen. Anfang des Jahres kamen sie zu dem Schluss, dass es wohl keine gute Idee gewesen sei, eine Neuverfilmung des Kalte-Krieg-Dramas „Die Rote Flut“ dahingehend zu modernisieren, dass aus den bösen Russen böse Chinesen wurden. In der Postproduktion entschied man sich, die Identität der Antihelden mit digitaler Bildnachbearbeitung zu verändern: Die Welt muss nun nicht mehr vor Chinesen gerettet werden, sondern vor Nordkoreanern.

Erschienen in: brand eins 5/2011

Bernhard Bartsch | 02. Mai 2011 um 08:18 Uhr

 

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