Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Nichts tun – aber richtig!

Chinesen gelten als fleißig. Das ist ein Missverständnis. Denn wenn Chinesen die Wahl haben, tun sie lieber: nichts.

Eine meiner nützlichsten Erkenntnisse über China verdanke ich der Direktorin Zhang, einem Verwaltungsdrachen der Pekinger Filmhochschule, an der ich Ende der Neunzigerjahre studiert habe. Einmal im Monat musste ich in ihr Büro, ein Zimmer voller Gerümpel, mit einem schmalen Schreibtisch und einem wuchtigen Sofa, um meine Stipendiumsrate abzuholen. Den Antrittsbesuch stattete ich ihr an einem der ersten Tage kurz nach Mittag ab. Auf mein Klopfen gab es zunächst keine Antwort, dann ein Grunzen, und als ich lauter pochte, blickte ich plötzlich in ein vom Schlaf zerknautschtes Gesicht mit derangierter Frisur. „Von elf bis zwei ist Pause“, fauchte Zhang. „Merk dir das!“

Ich befolge ihren Rat bis heute, egal, wo ich in China unterwegs bin. Zwischen elf und zwei in einem chinesischen Büro anzuklopfen oder anzurufen ist verschwendete Zeit und bringt einem womöglich noch Ärger ein. Denn in diesen drei Stunden gehen Chinas Beamte und Angestellte essen, bevor sie sich aufs Ohr hauen. Einfache Sachbearbeiter legen den Kopf auf die Tischplatte. Höhergestellte mit Einzelbüros haben gemütliche Sofas und nicht selten sogar ein richtiges Bett. Mit jeder Stufe auf der Karriereleiter steigt das Recht auf Ruhe. Natürlich können Chinesen hart arbeiten und, wenn es sein muss, unmenschlich schuften. Aber wenn nicht, lassen sie es bleiben. Chinesen sind ganz normale Menschen.

Der kollektive Mittagsschlaf mag modern klingen, doch in Wahrheit handelt es sich um ein Erbe der Planwirtschaft, als es wenig zu tun gab, aber trotzdem alle beschäftigt werden mussten. Behörden und viele Unternehmen stecken bis heute in diesem Muster fest: Der Einzelne bekommt nur geringe Zuständigkeiten und wenig Verantwortung. Entsprechend niedrig ist die Arbeitsbelastung wie die Motivation. Bei Direktorin Zhang etwa habe ich nie eine verantwortungsvollere Tätigkeit beobachten können als das Abzählen von Stipendiumsraten. Kein Wunder, dass ihr die Mittagspause heilig war. Nichtstun macht müde, und im Schlaf vergeht die Zeit bis zum Feierabend schneller.

Obwohl Millionen chinesische Büroarbeiter das gleiche Schicksal teilen, wird Untätigkeit in China ambivalent gesehen. Es gibt das gute Nichtstun und das schlechte, den entspannten Müßiggang und die zermürbende Tatenlosigkeit, das respektable Seelebaumeln-Lassen und die schändliche Tagedieberei. Fragt man Chinesen, wie es ihnen geht, heißt es häufig: „Hen mang – sehr im Stress.“ Der Satz ist mehr Etikette als Information, eine Floskel wie das englische „I’m fine“, das auch nicht aussagt, ob sich einer gut oder grässlich fühlt. Schwer beschäftigt zu sein ist in China der Grundzustand, den die Gesellschaft fordert, auch wenn die Mehrheit vor allem zum Nichtstun verdammt ist.

Denn mit 1,3 Milliarden Einwohnern ist die Volksrepublik auch nach drei Jahrzehnten Wirtschaftswunder noch immer meilenweit von Vollbeschäftigung entfernt. Die Akkordnäherinnen und Bauarbeiter, die das Bild eines bienenfleißigen Volkes prägen, sind zahlenmäßig in der Minderheit. In den Hierarchien über und unter ihnen geht es geruhsamer zu. Reist man durch chinesische Dörfer, wo noch immer rund die Hälfte der Chinesen lebt und maßgeblich von den Wanderarbeitern in Fabriken und auf Baustellen finanziert wird, kann man leicht vergessen, dass man sich in einem Boom-Land bewegt: Menschen sitzen plaudernd an der Straße, warten in kleinen Geschäften auf Kundschaft oder zappen sich in der Wohnung durchs Fernsehprogramm.

Früher wurde die Kunst des Müßiggangs hoch geschätzt. In Chinas historischem Gedächtnis wimmelt es von Einsiedlern, die sich in die Einsamkeit der Berge und Wälder zurückzogen, um unbehelligt vom weltlichen Rummel dem Sinn des Lebens auf den Grund zu gehen. Jeder chinesische Schüler kann heute Gedichte über das glückliche Eremitendasein aufsagen. Die Wirklichkeit war weniger romantisch, denn bei den vermeintlichen Weisen handelte es sich oft um Beamte, die in Ungnade gefallen und für den Rest ihrer Tage verbannt worden waren.

Die philosophische Heimat der chinesischen Müßiggänger ist der Taoismus, der zeitweise versuchte, das Nichtstun zur Staatsdoktrin zu erheben. Unter der Maxime Wuwei (wörtlich: nichts machen) empfahlen die Taoisten Chinas Herrschern, sich in ihren Entscheidungen einfach vom natürlichen Strom des Tao treiben zu lassen. Da sich das Tao allerdings schlecht dingfest machen lässt, waren die Taoisten als Politikberater wenig erfolgreich. In der Esoterikszene sind sie dafür bis heute umso populärer. Heilklangstudios benennen sich ebenso nach Wuwei wie alternative Managementberater oder Tai-Chi-Schulen.

Die Direktorin Zhang machte übrigens auch Tai-Chi, jeden Morgen. Auch sonst war es nicht leicht, sie zu erwischen. Mal hatte sie ihre Masseurin zu Besuch, mal den Akupunkteur, und häufig schwatzte sie einfach mit einer Kollegin. Wenn ich dann – vor elf oder nach zwei – an ihre Tür klopfte, sagte sie genervt, ich möge später wiederkommen. Dass Zhang nichts zu tun hatte, hieß schließlich nicht, dass sie nicht beschäftigt war. –

Bernhard Bartsch | 27. März 2013 um 08:32 Uhr

 

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