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Neuer Babymilch-Skandal in China

Chinesische Molkerei entdeckt 38 Tonnen verseuchtes Milchpulver. Diskussionen besorgter Eltern im Internet werden blockiert.

Chinas Eltern machen sich wieder Sorgen um die Sicherheit von Babymilch: Zwei Jahre nach dem Skandal um verseuchte Kleinkindnahrung ist erneut Milchpulver aufgetaucht, das die Industriechemikalie Melamin enthält. 2008 waren daran 300.000 Babys an Nierensteinen erkrankt, mindestens sechs starben. Insgesamt 38 Tonnen verseuchter Trockenmilch seien in zwei Molkereien der Firma Dongheng in den westchinesischen Provinzen Gansu und Qinghai sichergestellt worden, berichtete die offizielle Nachrichtenagentur Xinhua. Die darin festgestellte Melaminmenge überstieg den zulässigen Höchstwert um das 500fache. Die stickstoffhaltige Chemikalie, die unter anderem in Holzleim, Dünger oder Putzmitteln verwendet wird, kann bei verdünnter Milch einen erhöhten Proteingehalt vortäuschen.

Bisher gibt es keine Angaben, ob das verseuchte Milchpulver an Verbraucher verkauft wurde. Dongheng vertreibt sein Milchpulver in vielen chinesischen Provinzen. Zwei Verantwortliche wurden festgenommen. Ebenso unklar ist, wann das Milchpulver, das aus der Provinz Hebei im Pekinger Umland geliefert worden sein soll, hergestellt wurde. Da Trockenmilch lange haltbar ist, könnte der Fund noch aus den Beständen des letzten Skandals stammen. Experten halten es sogar für wahrscheinlich, dass kriminelle Händler noch Lager mit verseuchter Trockenmilch haben und diese portionsweise auf den Markt zu bringen versuchen. Zuletzt war im Frühjahr melaminvergiftetes Milchpulver aufgetaucht.

Im chinesischen Internet, wo besorgte Konsumenten und Eltern über den neuen Skandal diskutierten, wurden am Freitagnachmittag Beiträge zu dem Thema gelöscht. Der Melamin-Skandal ist für Chinas Qualitätssicherungsbehörden ein dunkler Kapitel. 2008 hatte die Regierung den Fall monatelang totgeschwiegen, um Chinas Image vor den Olympischen Spielen in Peking nicht zu beschädigen. Auch nachdem chinesische Journalisten das Verbrechen aufdeckten, betrieben die Behörden nur eine teilweise Aufklärung. Zwar wurden in einem Prozess 21 Menschen schuldig gesprochen und zwei von ihnen hingerichtet. Doch gleichzeitig wurden chinesische Anwälte angewiesen, keine Klagen von Eltern anzunehmen.

Während die meisten Familien die staatliche Entschädigungszahlung von umgerechnet zwischen 600 und 3000 Euro akzeptierte, möchten einige die Sache nicht auf sich beruhen lassen – und werden dafür hart bestraft. So ist der ehemalige Journalist Zhao Lianhai, dessen Sohn an Nierensteinen erkrankt war, seit vergangenen November in Haft, weil er im Internet eine Interessengemeinschaft betroffener Familien gegründet hatte. Im März wurde er wegen „Störung der öffentlichen Ordnung“ vor Gericht gestellt, das Urteil steht noch aus.

Anfang der Woche wurde außerdem bekannt, dass der Vater eines der gestorbenen Kinder zu einem Jahr „Umerziehung durch Arbeit“ verurteilt worden ist. Tang Lin hatte seiner Wut im Internet Luft gemacht und mit Rache gedroht. Er werde „ins Extrem gehen“ und Maßnahmen ergreifen, „über die in den Nachrichten berichtet werden wird“, schrieb er in einem Webforum. Chinas Internetpolizei hatte die Kommentare entdeckt und Tang im Mai festgenommen und in einem Schnellverfahren verurteilt.

Der Melamin-Skandal hatte auch international für Aufregung gesorgt, weil verseuchte Produkte teilweise exportiert worden waren. Erst am Dienstag hatte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) einen weltweiten Grenzwert für Spuren der Industriechemikalie in Lebensmitteln festgelegt. In Lebensmitteln dürfen künftig pro Kilogramm nicht mehr als 2,5 Milligramm Melamin vorhanden sein, legte eine Expertenkommission für Nahrungsmittelsicherheit fest. Bei Babymilch liegt der zulässige Höchstwert sogar bei einem Milligramm.

Bernhard Bartsch | 09. Juli 2010 um 13:04 Uhr

 

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