Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Neue Tonart, altes Lied

Barack Obama will in Peking das Vertrauen in die USA wiederherstellen. Dabei versucht China selbst, sich als Leitmacht zu etablieren.

„Gehe kein Bündnis ein, solange du nicht die Motive deines Nachbarn kennst“, schrieb vor 2500 Jahren der chinesische Stratege Sunzi in seiner „Kunst des Krieges“. Wie viele Lehrsätze des berühmten Militärphilosophen ist auch dieser gleichermaßen banal wie genial. Wer wäre so verrückt, sich mit einem undurchschaubaren Partner zu verbünden, mag man fragen – nur um dann zu erkennen, dass derartige Allianzen die normalste Sache der Welt sind. In diesen Tagen wird wieder ein solches Problembündnis beschworen, das zwischen den USA und China. Washingtons Diplomaten haben sich schwergetan, für das schwierige Verhältnis eine Formel zu finden, die politisch korrekt ist und trotzdem so ehrlich klingt, wie ihr Präsident gerne sein möchte. Am Ende kam wieder nur der Wunsch nach einer „strategischen Partnerschaft“ heraus.

Obama hat sich zum Ziel gemacht, Amerikas Strahlkraft und Führungsanspruch in der Welt zu erneuern. Chinas Kommunistische Partei möchte dagegen den Einfluss der USA zurückdrängen und selbst die Rolle einer Leitnation übernehmen. Da die USA in den vergangenen Jahren durch ihre militärischen Alleingänge, politischen Allüren und zuletzt ihren wirtschaftlichen Absturz viel Vertrauen verspielt haben, werben die Chinesen mit der gegenteiligen Strategie um Sympathien und Anhänger. Militärisch bemühen sie sich um Unauffälligkeit, und politisch berufen sie sich auf das Prinzip der Nichteinmischung – alles mit dem Ziel, sich in der Arena der Wirtschaft zu etablieren. In vielen Entwicklungs- und Schwellenländern ist die Rechnung aufgegangen. Unter anderem gehören die rohstoffreichen Länder Iran, Venezuela sowie zahlreiche afrikanische Staaten zum chinesischen Lager und ermöglichen der Volksrepublik, in der internationalen Politik zunehmend als Führungsmacht der Dritten Welt aufzutreten. Beide Seiten glauben dabei, die gute Sache zu vertreten: die USA sehen sich als Verfechter der Demokratie, China als Repräsentant der armen Mehrheit der Weltbevölkerung.

In früheren Jahrhunderten hätte eine solche Machtkonstellation wohl unausweichlich zum Krieg geführt. Doch im Zeitalter der Globalisierung ist die Welt zu komplex geworden, als dass Großmächte ihre Rivalitäten allzu offen ausleben könnten. Denn wirtschaftlich sind die USA und China so eng verflochten, dass sie gar keine andere Wahl haben, als einander als Partner zu akzeptieren. Die Volksrepublik braucht die USA als Absatzmarkt für ihre Exportindustrie, den wichtigsten Motor des chinesischen Wirtschaftswunders. Andersherum ist das hohe amerikanische Konsumniveau „made in China“, nicht nur wegen der billigen Produkte, sondern weil Peking durch den Kauf von US-Staatsanleihen Washingtons Defizit finanziert. Reicht das für ein politisches Zweckbündnis? Einige Strategen beschwören bereits „Chimerica“ oder die „G-2-Staaten“ als Doppelspitze der Weltpolitik. Doch es gibt wenige Themen, bei denen China und die USA ähnliche Positionen beziehen: weder bei der Reform internationaler Organisationen noch bei der Finanzmarktsanierung, weder beim Klimaschutz noch bei der Aufteilung militärischer Einflusszonen, von der Frage der Menschenrechte ganz zu schweigen.

Um solche Widersprüche auszuklammern, hat Washington kürzlich eine neue Formel für das Verhältnis ins Spiel gebracht: „Strategische Rückversicherung“. Demnach wollen Washington und seine Alliierten China als „wohlhabende und erfolgreiche Macht“ auf der internationalen Bühne akzeptieren, wenn Peking der Welt beweise, dass seine „wachsende globale Rolle nicht auf Kosten der Sicherheit und des Wohlstandes anderer“ gehe. Das ist eine diplomatische Quadratur des Kreises – und die große Kunst des Verschleierns. Denn wie schon Sunzi gesagt hat: „Die beste Taktik ist die, die man nicht erkennt.“

Bernhard Bartsch | 17. November 2009 um 10:58 Uhr

 

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