Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Nationale Karambolage

Toyotas Pannen beschädigen das Image des größten Autoherstellers der Welt – und spiegeln die Probleme der ganzen japanischen Wirtschaft.

Ausgerechnet das Gaspedal! Welch bittere Ironie. Über Jahre hinweg hat der japanische Automobilkonzern Toyota bei Millionen Fahrzeugen Beschleunigungspedale eingebaut, die im durchgedrückten Zustand verklemmen können. Im schlimmsten Fall ist das Auto dann nicht mehr zu stoppen, und die Insassen können nur hoffen, dass wenigstens der Airbag funktioniert.

Toyota habe schon lange von der Gefahr gewusst, heißt es. Doch weil das Unternehmen gerade expandierte, drückte es sich um eine imageschädigende Rückrufaktion. Erst nach mehreren Unfällen und auf Druck der Behörden in den USA bekannte sich Toyota im Januar notgedrungen zu dem Fehler – und wünscht sich nun wohl selbst einen Airbag. Denn der Skandal, zu dem sich außerdem noch Probleme mit rutschenden Fußmatten und blockierenden Bremspedalen gesellen, zerstört das Renommee, mit dem Toyota es vom belächelten Billigwagen-Hersteller zum größten Autoproduzenten der Welt gebracht hat. Drei Jahrzehnte lang galt Toyota als Vorbild in Sachen Produktionsqualität und Sicherheit. Jetzt ist der Mythos angekratzt. Der bis vor kurzem noch als unschlagbar geltende Branchenprimus, der in einer eigenen Liga zu spielen schien, ist plötzlich nur noch Primus inter Pares – eine Automarke wie andere auch.

Der Schock sitzt tief, nicht nur bei Toyota, sondern in ganz Japan. Der Autohersteller war das letzte Unternehmen, das dem weltwirtschaftlichen Ehrgeiz der Japaner gerecht wurde. Seitdem Nippons Wirtschaftswunder 1989 jäh zusammenbrach – die überhitzte „bubble economy“ glich selbst einem klemmenden Gaspedal – hat das Land einen Spitzenplayer nach dem anderen verloren. Sony ist heute nur noch ein Elektronikhersteller unter vielen. Toshiba, einst Branchenführer bei Laptops, ist zu einer Durchschnittsmarke verkommen. Im Januar musste die nationale Fluggesellschaft JAL Bankrott anmelden, um sich vom Staat retten lassen zu können, so wie inzwischen große Teile des Landes am Subventionstropf hängen.

Infolgedessen beträgt Japans Staatsverschuldung inzwischen rund das Zweifache der jährlichen Wirtschaftskraft; die Pro-Kopf-Verschuldung ist doppelt so hoch wie in den USA. Vergeblich versucht das Land, an die alte Dynamik anzuschließen. Erst war von einem „verlorenen Jahrzehnt“ die Rede, doch seitdem die Finanzkrise die spärlichen Fortschritte der Jahre nach der Millenniumswende weitgehend wieder zunichte gemacht hat, spricht man sogar von zwei verlorenen Jahrzehnten. 2010 werden die Chinesen die Japaner als zweitgrößte Wirtschaftsmacht überholen. Obwohl die Japaner im vergangenen Herbst einen radikalen Politikwechsel wagten und die seit Ende des Zweiten Weltkriegs fast ununterbrochen regierenden Liberaldemokraten abwählten, ist von dem versprochenen Neuanfang noch nicht viel zu sehen. Es droht ein verlorenes Vierteljahrhundert.

Entsprechend scharf ist die Kritik, die Toyota sich nun im eigenen Land anhören muss, zusammen mit Ratschlägen, wie Japans größtes Unternehmen wieder an seine alten Tugenden anschließen könnte. So warf die auflagenstärkste Zeitung des Landes, „Yomiuri Shimbun“, Toyota vor, sich zu sehr darauf konzentriert zu haben, General Motors als Weltmarktführer abzulösen, und dabei die Sicherheit und Produktionsqualität geopfert zu haben. „Das Problem betrifft nicht nur Toyota“, schreibt das Blatt. „Japanische Autohersteller dürfen nicht vergessen, dass Qualität und Sicherheit die Basis des öffentlichen Vertrauens in japanische Produkte sind.“ Die Zeitung „Asahi Shimbun“ wirft Toyota „übermäßiges Selbstvertrauen und Arroganz»“ vor, während „Japan Today“ das Management daran erinnert, dass es Verantwortung für das ganze Land trage, weil Toyota „Japans Produktionsmacht symbolisiert“.

Doch für endgültige Abgesänge ist es zu früh. Trotz der gegenwärtigen Probleme ist Toyota noch immer einer der gesündesten und innovativsten Autohersteller der Welt – insbesondere im Vergleich mit der Konkurrenz aus den USA. Kurzfristig mögen GM und Ford von Toyotas Versagen profitieren, langfristig stehen die staatsgestützten Giganten vor weitaus größeren Herausforderungen. Auch der populistische US-Verkehrsminister Ray LaHood wird sich nur schwerlich erlauben können, noch einmal öffentlich vor dem Kauf eines Toyotas zu warnen – immerhin betreibt das Unternehmen in den USA fünf Produktionsstandorte, ein weiterer ist im Bau. Und auch Japan ist nicht am Ende. Selbst wenn die Japaner wohl nie wieder in dem Hochgefühl der achtziger Jahre schweben werden, als sie sich bereits als künftige Nummer 1 unter den Wirtschaftsmächten sahen, so bedeuten die Dämpfer doch noch lange keinen Untergang. Willkommen im Club der Allerweltsländer.

Bernhard Bartsch | 07. Februar 2010 um 14:55 Uhr

 

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